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Verplapperte sich Gabriele Rollnik?

27.10.2011, von

Gabriele Rollnik zu Verena Becker

Gabriele Rollnik zu Verena Becker

Ex-Verfassungsschützer Winfried Ridder war sich seiner Sache sicher: Verena Becker gehörte zu dem RAF-Kommando, das 1977 Siegfried Buback erschoss, sagte er bei seiner Aussage am 07. Oktober. Allerdings habe er keinen Hinweis darauf, dass sie die Schützin sei. Die drei unmittelbaren Täter seien für ihn Sonnenberg, Klar und Wisniewski. Aber Verena Becker habe zu der Karlsruher Gruppe gehört. Wie er darauf komme? Unter anderem durch Angaben der früheren Terroristin Gabriele Rollnik („Bewegung 2. Juni“), sagte Ridder vor drei Wochen. Genauer konnte er es damals nicht sagen, er soll im November nochmals gehört werden. Doch was er meinte, kann man schon jetzt schwarz auf weiß in einem Buch nachlesen: Gabriele Rollnik bringt Verena Becker tatsächlich mit dem Buback-Mord in Verbindung!

Ausgerechnet „Keine Angst vor niemand“ heißt das Buch, in dem Rollnik ein langes Interview über ihre Zeit in der „Bewegung 2. Juni“, ihre Kontakte mit der RAF und ihre Haftzeit spricht. Es ist bereits 2004 erschienen, also zu einem Zeitpunkt, an dem sich für Verena Becker und die Umstände der Ermordung von Siegfried Buback und seinen Begleitern praktisch niemand interessierte. Die RAF war kein großes Thema.

In dieser Zeit plaudert Rollnik erstaunlich unbefangen mit dem Schriftsteller Daniel Dubbe. So berichtet sie, wie sie 1976 im Irak und im Jemen gewesen sei und dort auch RAF-Mitgliedern begegnete. Von denen habe sie gehört, dass sich Verena Becker „schon im Flugzeug“ von der „Bewegung 2. Juni“ verabschiedet habe, „um mit der RAF weiterzukämpfen“ (Seite 64).

Später, wieder in Deutschland, habe sie Kontakte zur RAF gehabt und eine Annäherung der Gruppen ausgelotet. Dazu habe sie auch RAF-Mitglieder getroffen: „Wir haben Verena Becker getroffen und Günther Sonnenberg … wir haben gekuckt: Kommen wir auf einen Nenner? Was haben wir für Vorstellungen, was haben sie für Vorstellungen?“ (Seite 70).

Das erste Treffen mit Becker / Sonnenberg sei „ganz gut“ verlaufen. Danach habe man sich mit Stefan Wisniewski und Willi-Peter Stoll getroffen. Die hätten eine Unterwerfung des „2. Juni“ gefordert und die Gespräche seien ins Stocken gekommen (Seite 73).

Der Kontext dieser Schilderung legt nahe, dass es sich um Treffen in Karlsruhe gehandelt haben kann. Zwingend ist das aber nicht (hier irrt Ridder meiner Meinung nach). Später berichtet Rollnik allerdings, die Gruppe der „Bewegung 2. Juni“ sei zum Zeitpunkt des Anschlags in Karlsruhe gewesen und sei von dem Attentat überrascht worden. Man sei sauer auf die RAF gewesen, weil man plötzlich mitten in der Fahndung steckte.

So richtig dürften es in den Ohren der Bundesanwaltschaft aber bei der Lektüre der Seite 27 klingeln. Gabriele Rollnik wird sinngemäß gefragt, wen sie von der RAF persönlich kennengelernt habe. Ihre Antwort:

„In der Illegalität 1976 – 1978 habe ich Sieglinde Hofmann, Brigitte Mohnhaupt, Stefan Wisniewski, Christian Klar, Günter Sonnenberg und Verena Becker kennengelernt, also die Gruppe, die 1977 die Aktionen gegen Buback, Ponto und Schleyer gemacht hatten.“

Gabriele Rollnik lebt heute in Norddeutschland. Auf meine Anfrage teilte sie mir kurz und mit freundlichen Grüßen mit: „Ich möchte kein Gespräch mit Ihnen“. Doch nach dem Hinweis von Winfried Ridder dürfte ich nicht der einzige sein, der Fragen an sie hat. Spannend dürfte in diesem Zusammenhang auch sein, ob auch Mitglieder der „Bewegung 2. Juni“ ebenfalls in den Genuß der „Mosaik-Theorie“ des BGH kommen können – oder ob sie gegebenenfalls aussagen müßte. Dann würde sich zeigen, wie der Titel des Buches „Keine Angst vor niemand“ zu verstehen ist.

 

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Kommentare zu „Verplapperte sich Gabriele Rollnik?“

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  1. L. Neumann
    schreibt am 28. Oktober 2011 11:53 :

    Rollnick und co plaudern gerne über sich, meistens sehr banal. Morde werden Aktionen genannt. Sie reden aber nur mit Leuten von denen keine Kritik zu erwarten ist, sehen sich nicht als Mörder und Kriminelle – sondern als politische Gefangene. Ihre Selbstkritik ist trotz des fundamentalen menschlichen und politischen Scheiterns sehr oberflächlich. Solange sie nicht erkennen, dass in einer Demokratie Mord nicht verjährt werden sie in ihrer Oberflächlichkeit bleiben. Man kann nur froh sein, dass diese Leute heute politisch völlig unbedeutend sind und es bleibt zu hoffen das potentielle Nachfolger heute aus deren Dummheit lernen.

  2. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 31. Oktober 2011 13:09 :

    Einige Jahre lang hat sich Gabriele Rollnik, die sich gerne „Ella“ nennt, gemeinsam mit ihrem RAF- und heutigen Freund Karl-Heinz Dellwo an einem psychosozialen Projekt beteiligt. 2007 schrieb sie in dem abschließenden Buch unter anderem, es sei ihr „um eine gesellschaftliche Anerkennung unseres Kampfes im Knast und implizit auch des Guerillakampfes“ gegangen. Rückblickend enttarnt sie die vorgeblich soziale Struktur innerhalb der Terroristen mit diesen Sätzen: „Einmal von den ‚maßgeblichen Personen‘, d.h. von den stillschweigend als Leader anerkannten, gefasste Beschlüsse, waren nicht mehr diskutierbar… Interner Widerspruch war in der Gruppe nicht üblich und wurde auch nicht ausgehalten, sondern undiskutiert ausgegrenzt“.
    Als Zeugin im Becker-Prozessn könnte diese Exterroristin zur Aufklärung beitragen. Es wird spannend, zu erfahren, ob „Ella“ etwas für sich gelernt hat oder sie wie die anderen Exterroristen dem Schweigebefehl weiter folgen will.

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