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Christian Klar schweigt

15.09.2011, von

Christian Klar als Zeuge

Christian Klar als Zeuge

Ausgerechnet neben dem SWR-Übertragungswagen versteckte sich Christian Klar heute Morgen vor den zahlreichen Fotografen, wie meine Kollegin Jenny berichtete. Sie erkannte ihn nicht, wunderte sich aber, wer sich da so dicht an dem Fahrzeug herumdrückte und kaum etwas von seinem Gesicht zeigte: Eine petrolfarbene Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen, eine kupferfarbene Sonnenbrille, ein Halstuch. Einige Minuten später betrat er das Gerichtsgebäude durch den Hintereingang, mehrere junge Leute schirmten ihn gegen die Fotografen ab. Es waren teilweise die gleichen Sympathisanten, die im März die Verhandlung gestört hatten. Und dann begann das Schweigen.

Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland redete Klar länger als eine halbe Stunde ins Gewissen: „Sie haben ja wohl mit die meisten Erkenntnisse, die meisten Informationen, das meiste Wissen“, so Wieland. „Sie könnten verfahrensentscheidend sein. Es wäre etwas, was in die Rechtsannalen eingehen würde und ihnen Respekt verschaffen könnte. Es könnte auch eine Versöhnung sein. Für Sie und für die Gesellschaft“. Aus dem Zuschauerbereich war nicht erkennbar, ob Christian Klar darauf reagierte.

„Im Gnadenverfahren haben sie gesagt, sie hätten sich in der Haft entwickelt und eigene Veränderungen gespürt. Auch in ihren Ansichten. Insofern habe ich die Hoffnung, dass sie sich verändert haben und uns helfen, dass wir in der Sache Verena Becker ein gerechtes Urteil finden können“, beendete Wieland seinen Appell.

Doch er half nicht. Klar machte die nötigen Angaben zur Person („Adresse wie in der Ladung“), erklärte, dass er von Beruf Kraftfahrer sei und keine weiteren Zuwendungen erhalte: „Es muss reichen!“. Die Frage, ob er in einer Beziehung lebe, beantwortete Klar nicht bzw. ausweichend: „Ich zahle Miete für meinen Wohnsitz“.

Auf alle weiteren Fragen kam monoton die Antwort: „keine Angaben!“.

Die weiteren Senatsmitglieder und die Bundesanwaltschaft verzichteten auf eigene Befragungsversuche. Michael Buback hatte zuvor schon die Sorge geäußert, die Fragen würden vielleicht zu schnell gestellt und Klar käme nicht zu Wort (was der Vorsitzende für abwegig hielt). Dann kam die Nebenklage an die Reihe. „Haben Sie Fragen?“, fragte der Vorsitzende. Rechtsanwalt Dr. Endres antwortete: „Es ist ausgesprochen bedrückend, aber keine Fragen“. Michael Buback fiel ihm ins Wort und sagte: „Doch! Ich habe Fragen“. Eine erstaunliche Situation. Und es war nicht das erste Mal, dass ich mich in den vergangenen Verhandlungstag fragte, ob sich Anwalt und Nebenkläger über die angestrebte Richtung eigentlich einig sind.

Michael Buback erklärte, er sei erschüttert. Er könne das Auskunftsverweigerungsrecht für Christian Klar nicht verstehen (wie wohl fast alle Anwesenden außer Christian Klar).
„Klar ist der einzige unter Milliarden Menschen, dem nichts passieren kann, wenn er etwas aussagt“, sagte Buback mit Blick auf die 1985 erfolgte Verurteilung. „Ich kann das nicht akzeptieren, aber ich muss es hinnehmen“.

Und dann kam seine Frage. Geschickt setzte er sehr weit außen am Geschehen an: „Wann haben Sie erfahren, dass das Karlsruher Attentat verübt worden ist?“. Doch Klar entgegnete wiederum: „Keine Angaben“. Buback fragte nach den Zeugen Andreas K. und Peter B. (die Klar im Gefängnis gesprochen haben wollen) – doch wieder: „Ich mache keine Angaben!“ So gab auch Michael Buback auf.

Der Vorsitzende beendete die Vernehmung mit dem Satz: „Ich hoffe, Sie bereuen es nicht“ – und setzte noch nach: „Das heißt, vielleicht hoffe ich es doch!“.

Zum Ende des Tages kam ein weiterer „Knast-Zeuge“. Er will Stefan Wisniewski Anfang der 1990er Jahre im Gefängnis kennengelernt haben („beim Duschen und beim Tischtennis“) und mit ihm intensiv gesprochen haben. So habe ihm Stefan Wisniewski erklärt, dass er „hinten“ auf dem Motorrad (oder dem Moped) gesessen habe. Buback sei „mit ganz normalem Streufeuer“ erschossen worden. Mit dieser Aussage tauchte der Zeuge bereits 2008 in einem Privatsender auf – und bekam dafür offenbar 4.500 Euro. Der entsprechende Beitrag wurde heute vorgespielt. Ein erstaunliches Dokument. Schon der Moderator schien sich durch seine Formulierungen von der Aussage im kommenden Beitrag zu distanzieren. Der Auftritt des Zeugen im Film dauerte dann nur wenige Sekunden. Seine Befragung heute hingegen gefühlte Stunden.

Doch der Zeuge wich immer wieder aus, erinnerte sich nicht, verwies auf lang vergangene Zeit, psychologische Behandlungen und den Wunsch, seine Vergangenheit (mit zahlreichen Justiz-Begegnungen, unter anderem wegen räuberischer Erpressung und Betrugs) abzuschließen.

Zunächst war der Vorsitzende noch geduldig. Dann wurde er deutlicher: In einer ärztlichen Begutachtung stehe, der Zeuge sei geschwätzig. „Davon kann ich heute nichts feststellen. Im Gegenteil“, machte sich Wieland Luft. Später war auch die Ironie verflogen: „Herr B. meine Geduld dauert sehr lange. Aber irgendwann verreißt es mich. Und sie mit.“ Am Zeugen prallte es ab.

So wurde ihm seine Vernehmung 2008 (bei der er sich noch gut an die angeblichen Vorkommnisse erinnerte) vorgehalten. Darin gab es eine interessante Passage. Er habe mit Stefan Wisniewski über die RAF diskutiert. Der habe ihm lange Vorträge über die Ideologie der Gruppe gehalten, weil er ihn für die RAF geeignet hielt. B. habe geantwortet, dass er die Vorträge überwiegend nicht verstehe. Darauf habe Wisniewski gesagt, er müsse nur den Grundgedanken, der Staat ist schuld“ verstehen. Der Rest komme dann aus dem Herzen.

Das klingt so krude, dass es schon wieder wahr sein könnte.

Am Ende waren alle mit ihren Nerven am Ende. Hermann Wieland bezeichnete den Privatsender N24 als „NVA“, der Zeuge erklärte, starke Schmerzmittel zu nehmen und dafür Wasser zu brauchen – und seine Zeugen-Ladung war verschwunden („habe ich wohl im Zug verloren“). Warum hört man solche Zeugen?

Kurz vor Ende des Tages bekamen sich dann noch Bundesanwaltschaft und Nebenklage in die Haare. Michael Buback regte an, den pensionierten BKA-Beamten Dr. Steinke zu laden, der in einem 3Sat-Interview darüber berichtet habe, dass Generalbundesanwalt Rebmann gesagt habe, Verena Becker sei für ihn die Schützin. Bundesanwalt Hemberger korrigierte, Dr. Steinke habe dies nur indirekt – also nicht aus eigenem Erleben berichtet. Ein weiterer Zeuge vom Hörensagen, also. Ein Streit darüber wurde lauter, als Rechtsanwalt Walter Venedey (Verena Becker) einwarf, Steinke habe auch „unvorteilhafte“ Dinge in dem Beitrag gesagt. Michael Buback rief zurück: „Ja, er hat gesagt, dass ich krank bin!“ Seine Krankheit aber sei, dass er die Wahrheit wissen wolle, wer den Generalbundesanwalt ermordet habe. Und diese Krankheit grassiere im Saal.

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Kommentare zu „Christian Klar schweigt“

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Jürgen Vielhaber
    schreibt am 22. September 2011 11:15 :

    Guten Morgen, Holger Schmidt,
    sind Sie heute auch beim Becker-Prozess??
    Frage mich welche Aussage Irene Goergens machen soll und in welcher relation sie zu Verena Becker steht???
    Danke für die interessanten Beiträge
    Mfg Jürgen Vielhaber

  2. Die Plänterwaldelfe
    schreibt am 25. September 2011 19:59 :

    Endlich ist er wieder in Berlin zurück! Er hat wie andere ehem. Haft-Insassen auch das Recht auf Freiheit und darauf, sein Leben wieder draußen zu leben, mit jeglichen Freuden und Pflichten, unberührt der Anklagen.

  3. Ingraban
    schreibt am 7. April 2012 04:19 :

    Staatsfeind bleibt Staatsfeind eine Schande das er frei herumläuft und keine Aussagen
    macht und schlimm, dass es Leute gibt die mit diesem Typen symphatisieren. Ich freue mich
    jedenfalls nicht das er wieder in Berlin ist mir wäre Bruchsal lieber gewesen.

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