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Radikal: Islamhasser in Berlin unterwegs…

16.08.2011, von

Radikal-von-Yassin-Musharbash

Radikal von Yassin Musharbash

Ist das hier nur eine Buchbesprechung? Lutfi Latif ist frisch gewählter Abgeordneter der Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag. Kaum im Amt, stellt er sein Team zusammen – zu dem die junge Studentin Sumaya al-Shami und der Terrorismusexperte Samuel Sonntag gehören. Denn der neue Abgeordnete mit den ägyptischen Wurzeln wird bedroht. Von Islamisten ebenso, wie von Islam-Hassern. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es zum blutigen Anschlag auf Latif kommt. Denn das Bundeskriminalamt ermittelt zwar – fischt aber (ohne es zu wissen fast im Wortsinne) im Trüben…

 

Es ist „nur“ eine Buchbesprechung: Der Journalist und Islamwissenschaftler Yassin Musharbash (Spiegel Online) hat einen Roman geschrieben. „Radikal“, erscheint am Donnerstag im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Ich sage es offen heraus: Das Buch hat mich in mehrfacher Hinsicht beeindruckt. Es ist spannend und gut erzählt, voller Bosheiten gegen den Berliner Politik- und Medienbetrieb und die Sicherheitsbehörden. Und es ist parallel zu Musharbashs eigentlicher Arbeit entstanden (was ich für eine Herkules-Aufgabe halte) und dann auch noch gelungen (was bei Journalisten, die sich an Romanen versuchen, keine Selbstverständlichkeit ist).

Die Qualität von „Radikal“ mag zwei Gründe habe: Yassin Musharbash kennt sich im Metier bestens aus. Er hat selbst jordanische Wurzeln, studierte Arabistik und Politologie und arbeitet für Spiegel Online, vor allem zum Thema Terrorismus. Das Thema lag ihm nahe, aber auch am Herzen, sagt Musharbash. Wie radikalisieren sich Menschen? Zweitens – und sicher nicht weniger wichtig – hat Musharbash eine Zeit lang als Rechercheur für den Großmeister des Thrillers, John le Carré gearbeitet. Und wie er selbst sagt, sich von Carré das Selbstvertrauen abgeschaut, die Sache (ein Buch) einfach mal zu versuchen.

Womit Yassin Musharbash allerdings nicht rechnen konnte: Sein Roman „Radikal“ hat plötzlich eine nicht geahnte Relevanz bekommen. Denn mit den Anschlägen von Oslo und Utoya, bei dem mutmasslich der Islamhasser Anders Breivik Ende Juli 77 Menschen tötete, entstand exakt eine Tat in der Art, vor der Musharbash in seinem Buch warnen wollte. Das Buch war da aber schon fertig. Als er von der Tat, aber vor allem von Breiviks grotesker Rechtfertigungsschrift hörte, habe er einen richtigen Schreck bekommen, erzählte mir Musharbash. Geradezu mit Gänsehaut habe er das schreckliche Manifest Breiviks gelesen und erschreckende Parallelen zu den Gedanken seines Romans gefunden: Islam-Hass, Kreuzrittertum, verquere nationalistische Mystik. 

Und trotzdem geht es im Roman „Radikal“ genauso um Al Qaida und deren fanatischer Ideologie. Der Leser weiß über weite Strecken des Buches nicht: Wer ist eigentlich die größere Bedrohung für die Hauptfiguren? Wer steckt hinter einem heimtückischen Anschlag? Eine Frage, die Musharbash ganz bewusst lange offen lässt. Und trotzdem ist es ausdrücklich kein Schlüsselroman, auch wenn sich immer wieder Vergleiche zu realen Personen geradezu aufdrängen. Musharbash sieht es mit einem Augenzwinkern: Nein, es ist in seinem Buch weder von Cem Özedemir, noch von Tarek Al-Wazir die Rede. Von Thilo Sarrazin vielleicht. Aber eine Sendung des Senders 2TV ist nicht das ZDF-Morgenmagazin und die Figuren der Berliner Polit-Journalisten-Szene sind überwiegend nur Chiffren für eine besondere – von Musharbash ganz offensichtlich nicht besonders geschätzte – Gattung Kollegen. Das die drei Top-Rechercheure des Magazins „Globus“ die „Drei Fragezeichen“ heißen und als Motto „wir übernehmen jeden Fall“ führen, hat mich gleichwohl sehr erfreut.

Unterm Strich: „Radikal“ ist ein spannender Roman zu einem hoch brisanten Thema. Aber es ist und bleibt eben ein Roman.

RADIKAL von Yassin Musharbash erscheitn am Donnerstag im Verlag Kiepenheuer & Witsch und kostet 14,99 Euro.

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