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Ein Zeuge, wie aus dem Märchenwald

11.08.2011, von

Nils von der Heyde hatte seinen großen Auftritt. Es kamen heute weit mehr Journalisten, als in den vergangenen Wochen. Sie bekamen die erwartbare Geschichte zu hören – und jeder konnte sich selbst ein Bild des Zeugen machen. Gesprächsstoff lieferte er reichlich. Der hochgewachsene Mittsiebziger mit silbrig-grauem Haar trug zum blauen Jackett mit Goldknöpfen ein grün-weiß kariertes Hemd, eine hellgraue Hose und braune Wildlederschuhe. „Tadellos“ bezeichnete ein Kollege das Outfit sehr treffend. Vor allem trug von der Heyde aber einen Gehstock, dessen Knauf aus einem schneckenförmig gebogenem Widderhorn bestand. Insgesamt musste ich an eine Figur aus einem Märchenwald denken. Aber man sollte sich als Journalist nie von Äußerlichkeiten täuschen lassen, sondern immer (auch) auf die Inhalte hören… auch wenn man dann manchmal doch zum gleichen Ergebnis kommt.

Immerhin konnte der Zeuge auf eine journalistische Karriere mit vielen Stationen verweisen: Von der Abendzeitung sei er zur „Quick“ gekommen, beim Spiegel sei er gewesen, beim Stern, der Welt am Sonntag, der Hörzu, dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, und eben bei BILD, erzählte von der Heyde. Bei BILD sei er Chefreporter gewesen. Auch am Gründonnerstag 1977, als Siegfried Buback starb.

Die Nachricht von dessen Tod habe er erfahren, als er auf dem Weg nach Bonn war, um sich ein Visum für den Iran (damals: Persien) zu besorgen, da er ein Interview mit dem Schah führen wollte. Ob er in Deutschland bleiben und sich um den Anschlag kümmern sollte, habe er seinen Chef gefragt. Nein, er solle fliegen, habe der geantwortet.

Trotzdem habe ihm der Anschlag keine Ruhe gelassen und er habe aus dem Iran seinen Freund, den Verfassungsschützer Christian Lochte angerufen. Vermutlich sei das am Karsamstag gewesen. Lochte habe mit ihm nur in Stichworten gesprochen, denn er habe kurz davor gestanden, ein Osterfeuer zu entzünden, erzählte von der Heyde. Er habe aber gesagt, es sei die „Sola“ gewesen – und damit Verena Becker gemeint.

An dieser Stelle war ich sehr verwundert, dass keiner der Beteiligten nachfragte, warum es denn für einen Verfassungsschützer kein Problem war, angeblich streng vertrauliche Ermittlungsergebnisse über Telefon ins nur sehr bedingt befreundete Ausland weiterzugeben. Wer, wenn nicht ein Verfassungsschützer, hätte vom allgegenwärtig-drohenden Abhören von Auslandsgesprächen wissen sollen / müssen?

Nach seiner Rückkehr habe von der Heyde dann nochmals mit Lochte gesprochen. Dieser sei „erschüttert“ gewesen, dass das offizielle Ermittlungsergebnis (Täter: Klar, Sonnenberg, Folkerts) nicht seinen Informationen entsprochen habe. Seine Erklärung sei gewesen: „Entweder eine Intrige – oder der Boeden hat es vermarmelt“. Denn es sei bekannt gewesen, dass Verena Becker schon vor der Tat „unter Kontrolle“ der Nachrichtendienste gestanden habe.

Soweit die Kernaussage des Nils von der Heyde, von der er selbst einräumt, dass es Hörensagen von einem seit zwanzig Jahren toten Zeitzeugen ist, der seine Informationen wiederum auch nur vom Hörensagen hatte.

Er sei Lochte aber so freundschaftlich verbunden gewesen, dass er nie auf die Idee gekommen sei, selbst eine Geschichte aus diesem Wissen zu machen, erklärte von der Heyde. Die Freundschaft mit Lochte beschrieb er mit bizarren Details: So sei Lochte damals als sehr gefährdete Person eingestuft gewesen und habe den Rat erhalten, ständig an anderen Orten zu übernachten. Deshalb habe er neben seiner Wohnung auch öfter in zwei Hamburger Pensionen sowie „etwa 15 Mal“ bei von der Heyde übernachtet. Ebenso habe von der Heyde auch ein paar Mal bei Lochte übernachtet“, damit Bewegung hinter den Fenstern aus Panzerglas war“. Beides dürfte nicht gerade dem Handbuch der „Sicherungsgruppe Bonn“ entsprungen sein.

Gemeinsam habe man von etwa 1974 bis zum Fall der Mauer an einem Buch über „die Frauen in der RAF“ geschrieben oder habe das Buch jedenfalls schreiben wollen. Für Lochte sei das Thema Frauen im Terrorismus ein „Faszinosum“ gewesen. „Das ging ja schon bei Bakunin los“, erklärte von der Heyde stolz. (Und für eine Sekunde ertappte ich mich bei der Überlegung, es hätte sich noch vor kurzer Zeit in der Pressestelle einer Bundessicherheitsbehörde eine geeignete Lektorin für dieses leider gescheiterte Buchprojekt gefunden.)

Dienstgeheimnisse habe ihm Lochte aber nie verraten (wenn man von der „Sola“-Episode absieht, möchte man bemerken. Die würde ja – so es sie denn gegeben hat – auch schon nicht mehr nur unter Dienstgeheimnis fallen, sondern müsste als Kronjuwel der Dienstgeheimnisse bezeichnet werden).

Bis zum Schluss offen blieb der moralische Widerspruch in von der Heydes Verhalten: Zwang ihn die Freundschaft zum Schweigen? Wenn ja: Auch noch nach dem Tod Lochtes? Wenn wieder ja: Warum dann nun plötzlich nicht mehr? Und wie verhält es sich überhaupt mit seinen moralischen Kriterien als Journalist? Die Informationen von Lochte habe er „unter drei“ bekommen, erklärte von der Heyde mehrfach. Diese Vereinbarung „unter drei“ zwischen Journalisten und (in der Regel) behördlichen Informanten hat klare Regeln, die ich kurz darstellen will. Sicherheitshalber erkläre ich sie mit einem völlig unverfänglichen Beispiel aus einem Themenfeld, in dem mir meine eigene Familie bei Bedarf jederzeit völlige Ahnungslosigkeit attestieren würde: FUSSBALL!

„Unter eins“: Verlautbarung, die wörtlich und mit Quelle zitiert werden kann. Beispiel: Der Bundestrainer Jogi Löw erklärt in einem Termin mit Journalisten, es werde kein Abschiedsspiel für Michael Ballack geben.

„Unter zwei“: Verlautbarung gegenüber Journalisten, bei dem die Quelle wert darauf legt, nicht selbst zitiert zu werden. Löw könnte (hypothetisch) noch dazu sagen: „Unter zwei sage ich ihnen, ganz egal, was Ballack jetzt noch sagt oder macht, der Ofen ist aus.“ Journalisten, die sich an das Prinzip halten, würden berichten: „Aus Kreisen des DFB war zu hören, dass es nicht zu einem Abschiedsspiel kommen wird, egal, was Michael Ballack jetzt noch macht“.

„Unter drei“: Informationen für den reinen Hintergrund. Löw könnte (völlig hypothetisch) den Journalisten sagen: „Unter drei sage ich Ihnen: Ballack kann gar nicht mehr spielen, denn er hat seine Fußballschuhe schon an den Nagel gehängt“. Damit will Löw die Möglichkeit eröffnen, dass die Journalisten weiter recherchieren (zum Beispiel in dem sie Michael Ballack fragen, wo denn seine Schuhe sind) und damit eine Information lancieren, selbst aber nicht die Quelle sein. Und er will auch nicht den DFB als Quelle genannt wissen.

Diese Regeln mag man kritisieren, aber sie sind längst in der Politik (und auch im Profi-Sport) Praxis.

Hätte Lochte also von der Heyde „unter drei“ gesagt, Sola habe geschossen, so hätte darin eigentlich sogar eine Aufforderung zur weiteren Recherche gelegen. Von der Heyde will es aber anders verstanden haben. Und es war nicht der einzige Punkt, an dem der Zeuge ein merkwürdiges Verständnis journalistischer Regeln offenbarte. Er gab vor Gericht die folgende Anekdote zum Besten: 

Als Reporter der Abendzeitung habe er zeitweise Hausverbot im Münchner Polizeipräsidium gehabt, weil er für die Polizei ungünstige Informationen veröffentlicht hatte, die er bei einem Besuch in der Mordkommission in einem Ermittlungsbericht unerlaubt gelesen hätte (hier wiegt der Pressekodex bedenklich sein weises Haupt). Dieses Hausverbot sei für ihn sehr misslich, weil geschäftsschädigend gewesen. Auf einen Tipp hin habe er aber eines Nachts einen Streifenwagen fotografieren können, in dem zwei Beamte schlafend saßen. Mit diesem Bild sei er dann (auf Rat seines Chefredakteurs) zum Polizeipräsidenten gegangen und habe gefragt, wer die beiden Beamten seien (Pressekodex und Staatsanwalt wiegen nun gemeinsam ihr Haupt). Dieser habe das Bild verlangt und im Gegenzug das Hausverbot aufgehoben (Pressekodex und Staatsanwalt fallen in Ohnmacht).

Von der Heyde erzählte die Anekdote allen Ernstes mit einem Schmunzeln. Inzwischen landen solche Fälle glücklicherweise manchmal vor Gericht, wie Ottfried Fischer mit gemischten Gefühlen berichten kann. 

Kurios war weiters eine Email, mit der von der Heyden den Vorsitzenden fragte, wann er denn nun (gemeint war offenkundig: endlich) zur Vernehmung dran sei sowie die Erkenntnis, dass er seinen eigenen Wikiepdia-Eintrag mit der Absicht pflege, „vielleicht mal einen Auftrag für einen Kommentar oder ein Interview zu bekommen“. Ich frage mich: War auch der Auftritt vor Gericht eine Art Akquise?

Die Bundesanwaltaschaft hielt von der Heyde seine Aussagen im Verfahren Brühne vor und hatte selbst noch Leserkommentare von Nils von der Heyde auf Zeit-Online gefunden. Darunter diesen vom 30. August 2009 um 17:32 Uhr:

„Wenn das Innenministerium sich weiter weigert, die verschlossenen Akten zu den Kontakten des Vefassungsschutzes/Verena Becker freizugeben gießt es nur Feuer in das Öl der Spekulationen.
Wurde 1980 eventuell ein deal zwischen BfV und der Raf gemacht, diese oder jene Person aus dér damaligen Regierung nicht zu attackieren???
Klingt absurd. Aber genau so absurd stellt sich die Verweigerungshaltung des Bundesministeriums des Inneren für die Öffentlichkeit dar.“

Sehen wir von der für mich ungeklärten Frage ab, wie man Feuer in Öl gießt:

Ist es nun ganz besonders raffiniert, im September 2009 halb-öffentlich (weil unter Nickname) als angeblicher Insider einen Deal Becker – Verfassungsschutz für das Jahr 1980 (und damit drei Jahre nach der Tat) zu unterstellen, wenn man doch insgeheim durch seine Freunde ganz anderes Wissen hat? Oder wusste Nils von der Heyde im September  2009 noch nicht, was ihm sein verstorbener Freund Lochte 1977 gesagt haben soll?

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Kommentare zu „Ein Zeuge, wie aus dem Märchenwald“

Es sind 6 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. G. Vontobel
    schreibt am 11. August 2011 22:43 :

    @Schmidt. Reicht es nicht, wenn die Staatsanwaltschaft für die Verteidigung in die Bresche springt, müssen das jetzt auch noch Journalisten tun? Hoffe sie verlieren Ihren Zynismus nicht, falls sie auch mal zwischen Stuhl und Bank des Rechtsstaates geraten sollten. Mfg

  2. J. Hansen
    schreibt am 12. August 2011 13:44 :

    Ich war bei von der Heydes Vernehmung zugegen: wenn Ihre Berichterstattung genau so objektiv ist, wie Ihre Beobachtungsgabe, ist künftig Skepsis daran angebracht: die Farbe der Hose des Zeugen war olivgrün, nicht „hellgrau“.
    Im übrigen: seine Glaubwürdigkeit wurde durch den Verweis auf den Fall Brühne nicht angekratzt, sondern eher unterstrichen. Laut Spiegel April 1970 akzeptierte Rudolf Augstein seine Erklärung zur Haltung gegenüber Frl. Cossy.

  3. Holger Schmidt
    schreibt am 12. August 2011 13:52 :

    @J. Hansen: Ich könnte Ihnen jedenfalls nicht raten, eine Olive in der Farbe der Hose zu essen. Googlen Sie mal Bilder von gestern…

  4. J. Hansen
    schreibt am 12. August 2011 15:13 :

    Habe Ihren Nicht-Rat befolgt. Nicht jedoch Ihrem Rat. Sagen Sie bitte, trauen Sie Googles Bildmaterial eher als Ihren eigenen Augen? Das wünsche ich Ihnen nicht. Vielleicht liegts an Ihrer Bildschirmeinstellung… (Oliven für mich nur als Öl.)

  5. Kollege S.
    schreibt am 13. August 2011 14:43 :

    Wenn ich mal klugsch… darf: Es dürfte „Sicherungsgruppe Bonn“, nicht „Sicherheitsgruppe Bonn“, heißen

  6. Holger Schmidt
    schreibt am 13. August 2011 15:05 :

    @Kollege S.: Sie haben natürlich Recht! Sorry! Man könnte auch sagen: Das habe ich „vermarmelt“!

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