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Gerade noch die Kurve gekriegt

04.08.2011, von

Fahndungsplakat des BKA

Fahndungsplakat des BKA

Es war eine Wendung um 180 Grad: Rainer Hofmeyer, Abteilungspräsident beim BKA a.D. hat heute im Buback-Verfahren eine erstaunliche Aussage gemacht: Verena Becker habe an Tag des Anschlags (07. April 1977) für das BKA nicht zum unmittelbaren Kreis der Verdächtigen gehört. Damit revidierte Hofmeyer eine Aussage, die er mir gegenüber 2008 für das Feature „Verschlusssache Buback“ gemacht hatte. Damals sagte er, Verena Becker sei für das BKA unmittelbar nach den Morden „im Zielspektrum“ gewesen. Das sei ein Irrtum gewesen, so Hofmeyer heute.

Mich hat dieser Umschwung nicht sonderlich erstaunt, denn Hofmeyer hatte seine pointierte Antwort bereits 2010 gegenüber meinem Kollegen Egmont Koch für die ARD- Reportage „Bubacks Mörder“ nicht wiederholt. Die Frage war nur: Warum genau rudert der heute 64jährige ehemalige Ermittler zurück?

 

Dafür gibt es wohl zwei Antworten, die mehr oder weniger zusammenhängen dürften: Erstens soll die damalige BKA-Leitung (in Person eines Vizepräsidenten) beamtenrechtliche Konsequenzen wegen Hofmeyers Aussagen mir gegenüber erwogen haben. Zweitens hat Hofmeyer (nach seiner heutigen Darstellung) inzwischen festgestellt, dass er bei seiner Antwort seine Erinnerungen an den Mord in Karlsruhe und an die Festnahme von Verena Becker in Singen verwoben hat. Er will also in die Antwort spätere Geschehnisse einbezogen haben.

Tatsache ist, dass Hofmeyer im April 1977 nach einem Jurastudium als junger Kriminalrat eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung des Buback-Mordes hatte (weshalb er für mich auch ein wesentlicher Zeitzeuge für das Feature war). Er arbeitete beim BKA innerhalb der Abteilung Terrorismusbekämpfung („TE“) in Bonn Bad Godesberg und wurde unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht von der Ermordung Bubacks „Taktischer Einsatzleiter“ und organisierte die Fahndung. Er war direkt dem damaligen Abteilungspräsidenten Boeden unterstellt, der nach heutigen Maßstäben der „Polizeiführer“ der Ermittlungen war (allerdings wäre heute wohl kaum ein Abteilungspräsident Polizeiführer). Zu Hofmeyers Aufgaben gehörte, den Aufmarsch der BKA-Kräfte zu organisieren und für den Informationsaustausch zwischen den beteiligten Behörden zu organisieren. Hofmeyer dazu heute wörtlich: „Ich war rund um die Uhr für alles zuständig und hatte als Disziplinar- und Führungsvorgesetzten Abteilungspräsident Boeden“.

Gegen 09:30 Uhr habe er am Tattag vom Attentat erfahren, erzählte Hofmeyer heute. Die Information sei durch eine dpa-Meldung zum BKA gelangt. Er habe daraufhin selbst im Polizeipräsidium Karlsruhe angerufen und habe sich den Anschlag bestätigen lassen. Sodann habe er Hubschrauber des Bundesgrenzschutz (heute: Bundespolizei) angefordert und Tatort- und Fahndungsmaßnahmen seien angelaufen.

Im Laufe des Tages habe sich eine Personalisierung der möglichen Täter ergeben: Günter Sonnenberg habe als Mieter des Motorrads identifiziert werden können, Christian Klar sei durch die Verbindung mit einer Schiesserei in Lörrach in Verbindung gebracht worden und Knut Folkerts durch den Kauf bzw. die Rückabwicklung des Kaufes für einen BMW. 

Nach Hofmeyers Darstellung floss diese Erkenntnis gemeinsam mit der Beobachtung aus der Ringalarmfahndung (Zeuge Rudolf N., der unter anderem drei Personen in einem Alfa gesehen hatte) unmittelbar nach der Tat in das erste Fahndungsplakat ein (siehe oben), mit dem das BKA die Täter suchte. Die Bilder dafür habe er selbst ausgewählt, berichtete Hofmeyer.

Verena Becker war nicht dabei.

Hofmeyer heute: „Von der kriminalistischen Situation konnten wir zwar vermuten, dass Verena Becker dazu gehört. Einen endgültigen Beweis haben wir aber erst durch die Festnahme von Verena Becker mit Günter Sonnenberg in Singen erhalten“.

Vor drei Jahren habe er diese beiden Vorgänge vermischt und deshalb die falsche Aussage im Interview mit mir gegeben, Verena Becker sei von Anfang an für das BKA eine mögliche Täterin gewesen sein. Michael Buback schüttelte ungläubig den Kopf.

Gab es denn Hinweise auf eine Frau? wollte der Vorsitzende Richter Hermann Wieland wissen.

Hofmeyer holte aus: Die RAF sei eine „gemischte Organisation“ mit männlichen und weiblichen Mitgliedern gewesen. Für das BKA wäre es deshlab „kriminaltaktisch wesentlich effizienter gewesen“, wenn man der Bevölkerung signalisiert hätte „da ist eine Frau dabei“. Möglicherweise seien dann andere Hinweise gekommen, so Hofmeyer: „Ich kann mich noch genau daran erinnert, dass wir gespitzt haben, ob da auch eine Frau aufs Plakat kann“. Aber man habe aus dem unmittelbaren Tatgeschehen keine kriminalistischen Rückschlüsse auf die Beteiligung einer Frau gehabt. Auch die Durchfahrtskontrolle habe das nicht signalisiert, dass hier eine Frau dabei gewesen sein kann. „Ob wir Frau Becker genannt hätten, wenn wir Hinweise gehabt hätten, oder eine andere, das kann ich nicht sagen“.

Seine Aussage im Interview sei jedenfalls klar ein Fehler gewesen, sagte Hofmeyer mehrfach: Sie sei „ganz eindeutig zu korrigieren. Verena Becker hätte hier nicht so genannt werden dürfen“. Es sei ihm „so rausgerutscht“  und sei aus der Gesamtschau einschließlich der Festnahem in Singen so weder sachlich richtig, noch hätte es so gesagt werden dürfen. „Ich sage hier ganz deutlich, dass wir (am Tattag) nicht nach Verena Becker gesucht haben und wir auch keine Kontakterkenntnisse gehabt haben“.

Von meiner Seite ist dazu zu bemerken: Das Interview fand nicht in einer Situation statt, in der überraschend etwas rausrutschte, was nicht zuvor schon während der Recherche besprochen worden wäre. Andererseits sind Hofmeyers Erklärungen logisch nachvollziehbar.

Eine schützende Hand habe es jedenfalls nicht gegeben, versicherte der frühere Abteilungspräsident: „Von unserer Aufgabe und von der Ethik der Beteiligten wäre das ein Skandal gewesen. Wenn uns jemand gesagt hätte, wir sollen es so machen, hätte es einen Skandal gegeben“, betonte er mehrfach. Mit dem inzwischen verstorbenen Abteilungspräsident Boden habe er bis auf das Sterbebett Kontakt gehabt. „Nie und nimmer“, habe Boeden auf die Frage gesagt, ob irgendetwas unter der Decke gehalten worden sei.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Rainer Hofmeyer etwa eine gute Stunde ausgesagt. Im Ergebnis war alles gesagt. Hofmeyer hatte seine 180-Grad-Wende vollzogen, hatte dafür eine Begründung geliefert und jede Seite konnte die Aussage so werten, wie man sie jeweils empfand, glauben konnte oder glauben wollte. Doch der Tag ging nun erst richtig los.

Die Nebenklage um Michael Buback insistierte detailliert. Hofmeyers Angaben wurden hinterfragt und in Zweifel gezogen. Zwischendrin wurde Hofmeyer zu vielen anderen Ermittlungskomplexen befragt, die bei bestem Willen nicht in seine Zuständigkeit fielen. Entsprechend wurde es immer wieder laut, wenn Bundesanwaltschaft, Verteidigung, aber auch der Senat Fragen der Nebenklage beanstandeten.

Das ging über Stunden. Rechtsanwalt Dr. Endres (Michael Buback) und Bundesanwalt Hemberger stritten zwischenzeitlich sogar, ob auf einer Aktenseite ein Komma oder ein Bindestrich stand. Michael Buback zeigte nicht nur mit seiner Frage „kannten Sie meine Vater persönlich“ (Antwort: nein) sein offenkundig tiefes Misstrauen in die Arbeit des BKA. In der Sache kam man nicht weiter.

Lediglich an einem Punkt konnte Rainer Hofmeyer eine weitere Erklärung – oder wenigstens eine Deutung liefern: Er erinnere sich an die schon oft zitierte Äußerung Boedens gegenüber der Tagesschau. Der Reporter fragte damals sinngemäß, warum denn nun nach drei Männern gefahndet werde und nicht mehr nach einer Frau: Boeden antwortete, man könne nicht ausschließen, dass einer der Männer wie eine Frau ausgesehen habe. Ein Indiz für ein Vertuschen? Nein, sagte Hofemeyer. Die Fahndung habe die Ergreifung von Klar, Sonnenberg und Folkerts zum Ziel gehabt. Auf sie sollte die Bevölkerung sensibilisiert werden. Da sei der Einwand des Reporters ungelegen gekommen, weil er die Fahndungsbotschaft verwässerte. Deswegen habe Boden versucht, die Sache abzuwiegeln: „Wir haben hinterher darüber gesprochen, er sagte, er habe reflexartig geantwortet“ und versucht das abzuschwächen. Der Schluss, dass man eine Frau da (aus der Fahndung) rausnehmen wollte, sei nicht zulässig. Boeden habe gesagt: „Mensch da habe ich grade noch die Kurve gekriegt“.

Ein Satz, wie gemacht für das Motto des Tages.

 

 Hinweis: In einer früheren Version dieses Beitrags war die Rede davon, Folkerts habe den Fluchtwagen gekauft. Dabei ist mir ein Fehler unterlaufen. Tatsächlich ging es bei dem fraglichen Autokauf, der hinterher wieder rückgängig gemacht wurde, um einen BMW der nicht zum Einsatz kam. Gleichwohl hatte sich für das BKA laut Hofmeyer dadurch der Bezug zu Folkerts ergeben. 

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