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Die Mutmassungen des Bommi Baumann

26.05.2011, von

Michael "Bommi" Baumann (Archiv, 2010)

Michael "Bommi" Baumann (Archiv, 2010)

Heute ging es im „Buback-Verfahren“ gegen Verena Becker weiter. Es sagten Zeugen aus, die 1977 vor der Tat Beobachtungen gemacht haben. Außerdem war der Ex-Terrorist Michael „Bommi“ Baumann geladen – der Verena Becker für die Täterin hält. Neues gab es im Streit um die Freigabe von Verfassungsschutzakten und Gnadenheft. Schließlich wurde am Rande bekannt, wer in diesem Verfahren neuerdings für den Müll zuständig ist. Denn auch das will geregelt sein!

Ein pensionierter Bahnbeamter und eine ehemalige Vorstandssekretärin berichteten heute von ihren damaligen Beobachtungen. Der 67jährige Jürgen G. berichtete, er habe an zwei Tagen vor der Tag einen Alfa Romeo in Karlsruhe gesehen und erinnere auch heute noch das Kennzeichen: GER – AM 25. Das Auto sei ihm als Karlsruher vor allem deshalb aufgefallen, weil es gegen Verkehrsregeln verstoßen habe und er sich dachte: „Was ist denn das für ein pfälzischer Simpel!“. Damals erkannte G. auf Fotos Knut Folkerts. Es sei ein Foto von einer „Grillparty“ gewesen.

Diese Aussage ist interessant, weil ja Folkerts am Tattag nicht in Karlsruhe gewesen sein will. Allerdings kann man aus den Aussagen des Jürgen G. trotzdem keine definitiven Rückschlüsse ziehen, weil er ja am Tattag nicht in Karlsruhe gewesen sein und trotzdem in den Tagen zuvor mit dem Alfa durch Karlsruhe gekurvt sein könnte.

Die ehemalige Vorstandssekretärin Doris B. will vor der Tat Knut Folkerts und Günter Sonnenberg in Freudental (Landkreis Ludwigsburg) gesehen haben.
Spektakulär war der Auftritt von Michael „Bommi“ Baumann. Der Mitbegründer der Terrororganisation „2. Juni“ und früheres Mitglied des „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“ und der „Tupamaros West-Berlin“ erschien in einem knittrigen hellgrünen Anzug mit hellbeigem, heraushängendem Hemd, dezent gepunkteter Krawatte und grünem Hut. Mit einer charakteristischen Berliner Schnauze berichtete er Erinnerungen und Mutmaßungen.

Zu den Erinnerungen gehört, dass er 1972 Verena Becker und Inge Viett für die Bewegung „2. Juni“ angeworben haben will. Becker und Viett seien damals „zusammen gewesen“ und hätten in Kreuzberg in der Nähe von Baumann gewohnt. Becker sei „zuverlässig“ und „hilfsbereit“ gewesen. Sie habe sich engagiert – ganz im Gegenteil zu anderen damaligen Gruppenmitgliedern, die teilweise nicht einmal das Haus verlassen hätten. Gleichzeitig bezeichnete Baumann Verena Becker auch als „eiskalt“ und sagte, sie habe „eine Macke“.

Als Beleg erzählte Baumann eine Episode, die mir er bereits 2008 in einem Interview geschildert hatte: 1972 habe es das Gerücht gegeben, die RAF plane Autobombenanschläge in Stuttgart. Er (Baumann) habe daraufhin Andreas Baader gefragt, ob dies stimme. Baader habe das verneint. „Gott sei Dank!“, habe Baumann darauf reagiert, doch Verena Becker habe widersprochen: „Wieso?“, habe sie gefragt. So etwas könne man doch machen!

Konkreter wurde es für den unmittelbaren Tatablauf nicht. Aber rund um den Fall und die aktuellen Ermittlungen konnte Michael Baumann noch einige interessante Details beisteuern.

So wurde Baumann im vergangen Jahr in Berlin „zufällig“ in der U-Bahn kontrolliert. Man habe bei ihm zwei kleine Heroinkügelchen gefunden. Daraufhin sei er von der Kripo vorgeladen worden, zu einem Strafverfahren sei es aber nicht gekommen. Doch nach Ende der Vernehmung zu den Kügelchen habe ihn der Polizist noch gefragt, während er schon „in der Tür“ gestanden habe, was er denn über den Fall Buback denke. Baumann antwortete, er halte Verena Becker für die Täterin. Sie habe „definitiv“ die „tödlichen Schüsse abgegeben“. Wie es der „Zufall“ weiter wollte, fand der Polizist diese Angabe so spannend, dass er einen Vermerk schrieb und dieser bei der Bundesanwaltschaft landete.

Baumann dazu heute: „Über den Anschlag weiß ich gar nüscht, ick bin ja an dem Tag gar nicht in Deutschland gewesen, ich war in Indien“. Es handele sich um eigene Überlegungen. Immer wieder habe er mit früheren Gefährten die Sache besprochen. Alles käme ihm komisch vor. Logisch sei für ihn, dass Verena Becker die Schützin sei.

Aber auch sonst sehe er viele Merkwürdigkeiten: Warum habe Verena Becker ausgerechnet mit dem Verfassungsschutz gesprochen? Und wer ist IM Georg, von dem er in Stasi-Akten gelesen habe, fragte Baumann. Diese Fragen interessierten ihn doch sehr: „Hier ist doch was merkwürdig, die RAF sagt nichts, der Verfassungsschutz sagt nichts. Komischerweise verhalten sich beide Seiten gleich“, resümierte Baumann.

Schließlich berichtete Baumann noch, was ihm ein Journalist und ein Verfassungsschützer zur Entdeckung des Erddepots in Heusenstamm im Jahr 1982 berichtet hätten: Von einem Spiegel-Redakteur habe er erfahren, dass dieser vom ehemaligen Kommandeur der GSG9, Ulrich Wegener, erfahren habe, die Bundespolizei habe von dem Depot durch den Verfassungsschutz erfahren. Der frühere Bundesanwalt und spätere brandenburgische Verfassungsschutzpräsident Wolfgang Pfaff habe ihm dazu gesagt, selbst er, Pfaff, wisse nicht, woher der Hinweis auf das Depot gekommen sei. Eine Belohnung für die anschließenden Festnahmen unter anderem von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, sei jedenfalls nie gezahlt worden (offiziell haben „Pilzsammler“ aus Österreich das Depot bei Frankfurt entdeckt. Zum Bedauern der südhessischen Tourismusverbände wurde danach aber nie wieder etwas über pilzesuchende Österreichern im Großraum Frankfurt bekannt).

Übrigens erzählte Baumann, er habe Pfaff in den 90er Jahren regelmäßig in Berlin zum Essen getroffen. Man habe „über Gott und die Welt geredet“. Erstmals getroffen hätten sich Pfaff und Baumann Anfang der 90er auf einer Podiumsdiskussion in Fulda. Pfaff habe mit Autonomen gestritten. Diese hätten vom „faschistischen Polizeistaat“ Deutschland gesprochen. Baumann sei ihm beigesprungen: „Wenn das hier ein faschistischer Polizeistaat wäre, würdet Ihr jetzt hier nicht so krähen!“.

Keine Frage: Wolfgang Pfaff ist eine schillernde Figur. Ich bin gespannt, ob der ehemalige Bundesanwalt, Rechtsanwalt, Unternehmensberater und Verfassungsschutzpräsident auch noch in diesem Verfahren Zeuge sein wird. Nach meinen Informationen war er jedenfalls bis Sommer 2009 in seinem alten Gewerbe aktiv.

Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland berichtete schließlich heute über den weiteren Fortgang in Sachen „Geheimakten“: Der Senat hat sich nun an die Bundesministerin der Justiz gewandt und um Hilfe gebeten, bzw. Gegenvorstellung erhoben. Bezogen auf eine geschwärzte Passage im Gnadenheft von Verena Becker stellte der Senat nochmals da, warum diese Schwärzung entfernt werden solle. Bezogen auf gesperrte Verfassungsschutzakten bat er, die Ministerin möge gegenüber dem Bundesinnenminister Gegenvorstellung erheben (also ihre abweichende Rechtsauffassung erklären), um die Freigabe der Akte doch noch zu erreichen. Helfe das nicht, will der Senat eine Entscheidung des Bundeskabinetts erreichen. Damit folgt der Vorsitzende Richter Hermann Wieland dem Weg, den der Bundesgerichtshof in der Entscheidung über die Haftentlassung von Verena Becker vorgezeichnet hat. Der BGH legt aus Sicht des Senats im vorliegenden Fall nahe, dass in letzter Konsequenz das Bundeskabinett zu entscheiden habe. Zumindest im Bundesinnenministerium sieht man das ganz anders und hält eine frühere BGH-Entscheidung aus dem Jahr 2007 (die der BGH 2009 in der Sache Becker zitierte) für nicht entsprechend anwendbar.

Auf die Antwort der Bundesjustizministerin darf man also gespannt sein. Das Problem ist nur: Hilft sie dem Senat nicht, die Freigabe zu erreichen, dürfte dieser mit seinen Mitteln am Ende sein. Allenfalls Verena Becker und die Nebenkläger könnten dann noch auf dem Verwaltungsrechtsweg und zuletzt vor dem Verfassungsgericht etwas erreichen. Doch ob Verena Becker daran Interesse hat, bezweifle ich.

Bliebe für den heutigen Tag noch die völlig nebensächliche Frage zu besprechen, wer derzeit im Verfahren für den Müll zuständig ist. Nebenkläger Michael Buback erwies sich heute Morgen als formvollendeter Gentleman und nahm einer Journalistin, die auf der Suche nach einem Mülleimer war, etwas Plastikfolie ab. Und suchte selbst nach dem Eimer. Er vermutete ihn in der Ecke der Verteidigung. Doch dort war er nicht. Ein Richter sorgte für Aufklärung: „Der Müll steht jetzt bei der Bundesanwaltschaft“, erklärte er: „Die Verteidigung wollte den Müll nicht mehr haben“. Ob für die Zukunft ein Rotationsprinzip vereinbart wurde, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen. Von einem Putzplan war jedenfalls nicht die Rede.

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Kommentare zu „Die Mutmassungen des Bommi Baumann“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Joachim Z
    schreibt am 26. Mai 2011 21:29 :

    Schade dass vom Verhandlungstag am 20.05.2011 kein Bericht vorliegt. Hier wurde zumindest teilweise das lang verworrene Hubschrauberproblem gelöst. Es wurde ein Photo gezeigt, auf welchem der vieldiskutierte Hubschrauber zu sehen war. Darüber hinaus war der Moment der Bergung von Herrn S.Buback aus dem Pkw im Bild festgehalten worden.

  2. Andrea
    schreibt am 28. Mai 2011 14:08 :

    Ich frage mich wieso man das Verfahren nicht einstellt?
    Offensichtlich ist man, was die Wahrheit betrifft, keinen Schritt weiter.
    Da werden Steuergelder verschleudert und Informationen erhält der interessierte Bürger so gut wie gar nicht.
    Und was den Zeugen Baumann betrifft…
    Was der Bommi noch alles wissen will und das wo er doch seinerzeit ständig unter Drogeneinfluss stand, grenzt schon an Lächerlichkeit.
    Aber dennoch Danke, dass wenigstens Sie über den Fall berichten.
    MfG,
    Andrea

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