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Wiedersehen mit Yannick und Urteile gegen Renee Marc S.

10.05.2011, von

Heute war Yannick Nasir Zeuge im Münchner GIMF-Verfahren. Er ist der Stiefsohn des Al Qaida-Mitglieds Yannick Nasir und war der Hauptbelastungszeuge im ersten und zweiten Koblenzer Al Qaida-Prozess. Die Geschichte von Yannick habe ich hier im Blog schon öfter thematisiert. Nach wie vor steht auch mein ARD radiofeature „Inside al-Qaida“ auf ard.de zum Anhören und Download bereit. Seit dem Interview mit Yannick hatten wir uns nicht gesehen. Ich war überrascht.

Überraschend war zunächst der Auftritt von Yannick selbst. Schon in Koblenz erschien er immer sehr korrekt gekleidet. Doch heute erschien er mit neuer, modischer Brille im Business-Look in dunklem Anzug mit schwarzem Hemd und silberner Krawatte. Nach seinem Beruf gefragt, gab er an, eine kaufmännische Ausbildung zu machen.

Zudem war ich überrascht, wie schnell die Vernehmung vorbei war: Kaum drei Stunden netto befragte das Gericht Yannick. Die Bundesanwaltschaft hatte eine Nachfrage, die Verteidigung im Ergebnis gar keine. Dabei war die Befragung von Yannick auf zwei Tage angesetzt.

Yannick gab zunächst in eigenen Worten, dann auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl seinen Lebensweg wieder. Dabei beschränkte sich die Schilderung auf die Bereiche, die auch in Koblenz zur Sprache kamen: Kindheit und Jugend als Stiefsohn von Aleem Nasir, seine Beobachtungen in Germersheim und Lahore, seine Abkehr von der Familie. Dabei ergaben sich kaum Abweichungen zu den bisherigen Aussagen. Erwähnenswert erscheinen mir aber drei Aspekte der Vernehmung:

Auf die Frage, ob er einen „Tolga“ kenne, bejahte Yannick das und sprach von einem Mann aus Ulm, denn er im „Multikulturhaus“ kennengelernt habe. Es sei ein Türke, der gut deutsch spreche und einen langen Bart habe. Von einem Tolga sei auch Zuhause die Rede gewesen. Er meine später in den Medien gehört zu haben, dass er in Tschetschenien im Kampf gestorben sei. Hier muss sich Yannick geirrt, bzw. Personen verwechselt haben. Zwar wird „Tolga D.“, um den es wohl geht, durchaus der Szene des Multikulturhauses in Neu-Ulm zugerechnet. Doch der angeblich in Tschetschenien gestorbene Islamist ist er nicht. Sondern Thomas „Hamza“ Fischer.

Auf die Frage, ob er einen Mohammed Ali kenne (womit der Vorsitzende ergebnisoffen den möglichen Spitznamen von Renee Marc S. abfragte), antwortete Yannick zunächst, dass er den Namen nicht kenne. Nach einer Pause meinte er dann, es sei möglicherweise ein Spitzname seines Vaters in Pakistan gewesen. Ein Satz, der die Verteidigung von Renee Marc S. freuen dürfte. Allerdings hatte Aleem Nasir vergangene Woche diesen Namen selbst Renee Marc S. zugeordnet.

Erstaunt hat mich, dass die Verteidigung keine Fragen an Yannick hatte. Will sie ihn nochmals sehen? Rechtsanwalt Rainer B. Ahues (Renee Marc S.) kündigte zunächst „eine Fülle von Fragen“ an – und überlegte es sich dann nach Rücksprache mit seinem Co-Verteidiger doch anders. Der Vorsitzende war verwundert. 

Schließlich – und eher anekdotenhaft – sei erwähnt, dass der Vorsitzende Yannick mit einem Blick in den Saal fragte: „Welchen der Angeklagten kennen Sie hier?“ um dann zu präzisieren: „In der ersten Reihe?“. Was in der zweiten Reihe – bei den Anwälten – für Gelächter sorgte.

Am Nachmittag wurden diverse Urteile gegen Renee Marc S. verlesen. Er blickt offenkundig auf eine beachtliche Erfahrung mit Gerichtsverfahren zurück. Immer wieder stand er in Bremen und anderswo vor Gericht. Schon im Alter von 14 Jahren begannen die Ermittlungsverfahren. Es ging um Raub, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Hehlerei, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Körperverletzung und anderes.

Renee Marc S. nahm die Urteilslitanei scheinbar ungerührt entgegen. Die Mitangeklagten kommnetierten das ein oder andere Urteil mit einem Lächeln. So das Werfen einer Apfelsine in die Auslage eines Ladens – wobei Windrädchen beschädigt wurden. Oder die Benennung eines Polizeibeamten als „halbes Hühnchen“ – wobei offen blieb, ob das „halb“ strafmildernd oder strafschärfend wirkte.

Unter dem Strich bleibt der Eindruck: Die strafrechtliche Vorgeschichte von Renee Marc S. ist ganz erheblich. Auch wenn es dabei nie um Staatsschutzdelikte ging, dürfte das im Fall einer Verurteilung nicht ohne Folgen bleiben. 

Zum guten Schluss des heutigen Verhandlungstages möchte ich noch über den Anschlag in München berichten. Und zwar über den Anschlag des Richters (Berichterstatter) Dr. Lang: Der setzte sich heute morgen nämlich kurz vor Verhandlungsbeginn selbst an den PC der Protokollführerin. Und beeindruckte alle, die ihm zusahen mit einem virtuosen Umgang mit der Tastatur. Im 10-Finger-System schrieb er mit einer gefühlten Anschlagsgeschwindigkeit von mindestens 300 Anschlägen / Minute. Von wegen langsame Justiz!

Oder doch?

Eine halbe Stunde nach dem Ende der Vernehmung von Yannick Nasir veröffentlichte die Pressestelle des OLG München eine Änderung der sitzungspolizeilichen Verfügung: Heute und morgen dürfen Journalisten und Rechtsanwälte keine Handys mit in den Sitzungssaal nehmen. Wahrscheinlich sollen so Bilder von Yannick verhindert werden. Eine gute Idee – wenn sie rechtzeitig umgesetzt worden wäre.

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Kommentare zu „Wiedersehen mit Yannick und Urteile gegen Renee Marc S.“

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  1. Anonym
    schreibt am 1. Juni 2011 21:16 :

    Könnte man eventuell wieder über den Münchener Prozess berichten?

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