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Al Qaida in München

04.05.2011, von

Vor dem OLG München

Vor dem OLG München

Auch gestern war der Tod von Osama bin Laden natürlich am Oberlandesgericht München am Rande des GIMF-Verfahrens in aller Munde. Und es gab einen Moment des ungläubigen Staunens, als sich ein der Al Qaida-Mitgliedschaft vermutlich  unverdächtiger Bürger in einem sehr traditionellen Aufzug vor dem Oberlandesgericht zeigte. Ein Prozessbesucher? Eine Aktion von Hape Kerkeling? Eine Chance, doch noch 25 Millionen Dollar zu verdienen? Viele Beobachter erkannten eine verblüffende Ähnlichkeit. Doch es war purer Zufall, der Herr besuchte eine andere Veranstaltung im Gerichtsgebäude. Die soll aber auch sehr interessant gewesen sein.

Heute kam dann Al Qaida wirklich nach München. In Gestalt eines alten Bekannten aus diesem Blog: Aleem Nasir.

Er wurde aus der Haft vorgeführt und erschien in Handschellen und in Begleitung eines Wachtmeisters.  49 Jahre alt sei er inzwischen und von Beruf Maschinenbaukonstrukteur.

Rechtsanwalt Ahues (Renee Marc S.) regte zu Beginn der Vernehmung an, doch die Namensschilder der Angeklagten entfernen zu lassen, evtl. gehe es ja um deren Identifizierung. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl war einverstanden, doch Aleem Nasir triumphierte sogleich: „Ich habe schon alle gelesen!“. Damit war für mich klar: Es wird eine kurzweilige Vernehmung.

Aleem Nasir nahm zunächst wieder selbst das Heft in die Hand: Er hätte „eine kleine Frage“ an den Vorsitzenden. Er sei „betrügerisch verurteilt“ worden und wolle sich vor dem „Europäischen Gerichtshof“ dagegen wehren. Dazu bräuchte er aber Unterlagen, die er bis jetzt „nicht ausgehändigt“ bekommen hätten. „Es waren zwei Anwälte da, die haben immer mitgeschrieben“, diese Mitschriften habe er aber nicht. Und im Urteil seien die Aussagen 100% gefälscht. „Seit vier Jahren will ich die Unterlagen von den Anwälten, aber sie geben sie mir nicht“, moserte er. „Das ist Müll, was die mir gegeben haben“.

Der Vorsitzende versuchte, Nasirs Remonstration zu beenden: „Gab es von ihrer Seite Kontakte zu Al Qaida?“ Nasir antwortete: „Niemals“

Götzl: „Und haben Sie Renee Marc S. schon einmal gesehen?“
Nasir: „Ja, in Koblenz. Als Zeuge!“
Götzl: „Worum ging es?“
Nasir: „Ich habe das nicht im Kopf. Ich habe doch keine Unterlagen. Ich habe nur Müll. Die Zeugen haben mich entlastet, doch die Ausagen wurden gefälscht.“

Betrug und Verschwörung sei das gewesen, moserte er. Und sagte dann zum Vorsitzenden: „Sie müssen mir das erklären. Sie sind auch Jurist.“ Manfred Götzl konterte mit einem Satz, der einer ledergebundenen Zitate-Sammlung (mit Goldschnitt) würdig wäre: „Ich muss Ihnen noch lange nichts erklären, nur weil ich Jurist bin.“

So ging es weiter. Ob er gläubig sei? Ja, er sei Muslim, bete 5 x am Tag und wenn Fastenzeit sei, faste er. Zweimal sei er auf der Pilgerfahrt gewesen. Doch als der Vorsitzende seine Glaubensrichtung weiter eingrenzen wollte, bekamen sich beide in die Haare:

Götzl: „Sind Sie Sunnit?“
Nasir: „Ich bin Muslim. Wissen Sie überhaupt, was ein Sunnit ist?“
Götzl: „Ich stelle hier die Fragen. Sind sie Sunnit?“
Nasir: „Ich bin Muslim. Und Schluss.“
Götzl: „Wollen Sie nicht antworten?“
Nasir: „Ich bin Sunnit. Und ich werde keine weiteren Fragen dazu beantworten“

Doch als der Vorsitzende eine Ordnungsstrafe ins Gespräch brachte, knickte Nasir auch bei weiteren Fragen ein – trotzdem kam nicht viel dabei heraus: Der Jihad sei eine religiöse Verpflichtung für ihn, aber das bedeute ja beispielsweise nur, „sich jeden Morgen zu reinigen und das Gebet zu verrichten“.

Dann sagte Nasir: „Ich habe eine kleine Bemerkung: Was hat das mit diesen Angeklagten hier zu tun?“ Es habe insofern damit zu tun, dass man ihn, Nasir, näher kennenlernen wolle, erklärte der Vorsitzende: „Das hat mit ihrer Einstellung zu tun, ich sage das ganz offen. Wie sehen sie die Anschläge vom 11. September 2001?“ Nasir antwortete kryptisch: „Ob es mich freut oder mich traurig macht, das können sie sich vorstellen“.

Dann erzählte er von seinem Werdegang: Im Forschungszentrum Karlsruhe habe er nur als Konstrukteur gearbeitet, von Chemie habe er keine Ahnung, alles sei eine Intrige gegen ihn gewesen, „weil die Leute eine Falschaussage gemacht haben, ich hätte es bejubelt.“

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, den Kontext dieser Geschichte zu wiederholen. Wer sie nicht kennt und wen das Thema interessiert, der findet im Netz nach wie vor mein Feature „Inside al-Qaida“ über die Geschichte von Yannick Nasir.

Um den ging es natürlich auch:“Ich habe ein Protokoll, was er alles gelogen hat“, schimpfte Aleem. „Können Sie bekommen, beim Bundesgerichtshof“. Yannick habe morgens und abens gelogen – in der Pause habe ihm dann das Gericht was eingeflüstert, erklärte er. Der Vorsitzende liess es so stehen.

Auch sonst hatte Nasir fast kein gutes Wort für den Stiefsohn: „Der Unglücksrabe hat Pech. Er ist von Zuhause ausgezogen und seitdem hat er Pech“, schilderte Aleem seine Sicht. Yannick sei zum Großvater gezogen, doch das sei nicht die Hilfe eines Muslims gewesen, denn er habe es nur ein paar Tage ausgehalten. Und wo geht man hin, wenn man nichts hat, fragte Aleem triumphierend: „Zur Bundeswehr!“. Die hätten ihn bedroht, dass er rausfliegt, wenn er nicht aussagt. Und dann doch rausgeschmissen. „Habe ich von der Familie erfahren“. Yannick erzählt es anders.

Lediglich die Tatsache, dass Yannick wohl noch immer ein gläubiger Muslim sei, erfreue ihn: „Das war das einzige, was mich gefreut hat in dem Verfahren“.

Zu Sermet I. könne er nur sagen, dass dieser „absolut“ unschuldig sei. Und auch das Urteil gegen Ömer Ö. sei falsch. „Es ist Phantasie! Fragen sie Frau Blettner. Das ist Geisterforschung!“. Angelika Blettner war die Vorsitzende Richterin der beiden Koblenzer Verfahren. Nasir: „Das Urteil ist 350 Seiten ein Roman“

Er habe weder Spenden gesammelt, noch weitergeleitet. Fernrohre und Richtmikrofone seien für die Schweinejagd gewesen (welche Art der Schweine er meinte, präzisierte er zunächst nicht, später war von „Wildschweinen“ die Rede). Schusswesten und anderes sei nicht transportiert worden. „Der Junge hat massiv gelogen! So habe ich ihn nicht erzogen, eigentlich.“

Ob es ein Empfehlungsschrieben in seiner Wohnung gegeben habe? „Ja man hat es zerrissen in einer Tüte gefunden. Ich habe es aufbewahrt, weil der Name von Allah darauf stand und es nicht in den normalen Müll gehört“, erklärte Aleem. Doch der Sinn sei ein ganz anderer. Es sei nicht um Renee Marc S. oder Bekkay Harrach gegangen. Sondern für die Überlassung seines Autos an einen Freund für einen Arztbesuch.

So ging es in und her.

In einer Pause kam ich kurz mit Nasir ins Gespräch. Er kritisierte, ich hätte sein Urteil zugelassen, obwohl ich doch so oft in Koblenz gewesen sei. Das habe ihn entäuscht. Als ich ihn fragte, was er über den Tod von Osama Bin Laden denke, antwortete er, davon habe er erst heute erfahren. Er wisse ja nicht, ob das stimmt. Ein Wachtmeister unterband das Gespräch: „Sie können nicht über Osama Bin Laden mit ihm sprechen“. Warum ich nicht mit einem rechtskräftig verurteilten Terroristen über seinen toten Anführer sprechen darf, konnte mir der Beamte allerdings nicht erklären.

Nach der Pause erklärte Nasir nochmals, Renne Marc S. und Daniel P. nur aus dem Koblenzer Verfahren zu kennen. Kennen Sie seinen Spitznamen, fragte der Vorsitzende: „Ja! Mohammed Ali! Wie der Boxer! Er sieht aber nicht aus, wie ein Boxer“, sagte Aleem. Renee Marc S. und seine Anwälte reagierten nicht. Gefallen haben dürfte dieser Satz ihnen nicht.

Aleem Nasir ätzte noch ein wenig gegen das OLG Koblenz: „Frau Blettner hat verschiedenes gebastelt und (in das Urteil) Vermutungen da reingeschrieben. Sie hat Gott gespielt“. Das Gericht habe eine Verschwörungstheorie verfolgt und das Urteil in der Schublade liegen gehabt. Nur die Aussage des Botschaftsmitarbeiters, Herr Müller, zu seiner Haft in Pakistan und einem Gespräch in einer Villa des Geheimdienstes ISI sei richtig, meinte Nasir. Und bewies einen Sinn für Details:

„Natürlich fand das Treffen in einer Villa statt. Wo trifft man sich denn sonst mit einem Botschafter? Doch nicht in einer Folterzelle.“ Das sei immer so. Die Pakistaner hätten gegenüber den Deutschen den Schein wahren wollen. „Sie haben uns sogar Tee angeboten. Ich habe auch mehr Tee getrunken, als der Herr Müller und mehr Biskuits gegessen. Das gebe ich zu.“

Schließlich ging es noch um seine angebliche Armverletzung: Es sei – entgegen des Gutachtens – ein Böller gewesen. „Da war eine rotbraune Sache drin. Rot, wie die Klamotten vom Staatsanwalt“. Es müsse wohl Phosphor gewesen sein.

Die Verteidigung von Renne Marc S. interessierte sich dafür, wann Nasir welches Handy hatte (Rechtsanwalt Ahues) und wer Frau Benda / Blettner sei (Rechtsanwalt Troischt).

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