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Drogen, Streit, der Computer als Flucht und keine 9

12.04.2011, von

Terror-Prozess gegen die GIMF in München

Terror-Prozess gegen die GIMF in München

Am Nachmittag begannen im Münchner GIMF-Verfahren die Einlassungen zur Person. „Im Prinzip“ wollen sich alle acht Angeklagten einlassen. Acht? Acht! Dazu später noch mehr. Zunächst aber eine Zusammenfassung, was die ersten Angeklagten über ihren Werdegang berichteten: Tarek H. fing an: Er sei als „uneheliches Kind“ seiner Eltern in Hamburg geboren worden, seine Eltern hätten sich schon kurz danach in seiner frühsten Kindheit getrennt und so sei er als Einzelkind bei der Mutter aufgewachsen. „An den Wochenenden habe ich öfters meinen Vater besucht“, erzählte er flüssig und relativ locker. 1993 bis 1997 habe er die Grundschule besucht und als einziger seines Jahrgangs im Stadtteil Hamm eine Gymnasialempfehlung bekommen. Er habe das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,7 bestanden und im Anschluss seine damalige „islamisch angeheiratete Frau kennengelernt“. Sie habe in Augsburg gewohnt, deshalb sei auch er dorthin gezogen. 2007 sei die gemeinsame Tochter geboren worden, 2009 habe sich das Paar getrennt. Die Eheschliessung sei „von vornherein eher zweckmäßiger Natur“ gewesen, formulierte er etwas umständlich. Um dann ganz offen und fast mit einem Lächeln hinzuzufügen: Die Eheschließung sei ja Voraussetzung für „zwischenmenschlichem Kontakt“ gewesen. Und „der Drang zur anderen Seite hat deshalb bei mir den Wunsch ausgelöst“. Das Verhältnis zu seiner „Ex-Frau“ (juristisch bestand keine Ehe) sei trotzdem immer noch sehr gut. 

Wenige Monate später sei er dann seiner jetzigen Frau begegnet „mit der ich bis jetzt liiert bin“. Bis vor kurzer Zeit sei seine Zukunftsvorstellung noch nicht so zielgerichtet gewesen, berichtete Tarek H., aber ca. vor einem Jahr habe er sich fest dazu entschlossen, ein Studium zu beginnen. Nun studiere er seit Februar Anglistik und Deutsch in Salzburg. „Mit welchem Ziel?“, fragte ihn Bundesanwalt Michael Bruns. „Lehramt!“ entgegnete der Angeklagte. Und nicht nur ich dürfte mich in dieser Sekunde gefragt haben, ob Bundesanwalt und Angeklagter mit Frage und Antwort eine Vorentscheidung über seine späteren Berufsaussichten getroffen haben. 

Sein Vater sei damals häufig sehr erregt gewesen, erzählte Tarek H. noch über das Verhältnis zu seinen Eltern. Deswegen sei es früher nicht immer einfach gewesen, den Kontakt mit ihm zu halten. 

Sodann kam der Angeklagte Harun Can A. Aus Rücksicht auf den Gutachter Prof. Leygraf, der wieder aus München abreisen wollte, aber später ausführlich über den Gesundheitszustand von A. berichten soll, wurde dessen Aussage zur Person vorgezogen. Bei A. möchte ich mich kurz fassen: Seine Schilderung gab deutliche Hinweise auf seinen psychischen Gesundheitszustand. Er antwortete teilweise wie automatisiert und geriet zwischendrin in Wiederholungsschleifen, wenn er den Faden verlor. Er fühle sich ganz gut in seinem derzeitigen Leben und sei froh, die Zeit mit Drogen hinter sich zu haben, betonte er immer wieder. Mit seinem Betreuer sei er sich einig, dass er nach dem Prozess in einer Einrichtung der Caritas arbeiten wolle. Auch wenn ich in diesen Dingen Laie bin, habe ich den Eindruck, Harun Can A. ist krank. Deswegen möchte ich über seine Aussage nicht weiter berichten 

Nach einer Pause kam Daniel P. an die Reihe. Auch er sei ein uneheliches Kind, knüpfte er an Tarek H. an. Er habe keine richtige Vaterfigur gehabt und seine Mutter sei Vollzeitbeschäftigte gewesen. „Es fehlte ein bisschen die Strenge Zuhause“, sagte er mit einem Lächeln. Nach Hauptschule und Berufsvorbereitungsjahr habe er eine Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Sozialpädagogik besucht und bei einer Bausparkasse eine Ausbildung als „Bausparfinanzierungsfachmann“ gemacht und in dem Beruf bis 2004 gearbeitet. 2005 habe er eine weitere Ausbildung begonnen, dann aber abgebrochen und beziehe seitdem Arbeitslosengeld II. „Im Prinzip bin ich Langzeitarbeitsloser“, sagte Daniel P. Erst seit Anfang des Jahres übe er eine Nebentätigkeit (eine Internethandel für Handys und Zubehör) aus, so dass er ca. 40% seines Einkommens aus dem Arbeitslosengeld und 60% aus eigenem Erwerb beziehe.
Er sei Vater „von zwei lieben Töchtern“. Im Februar habe er standesamtlich geheiratet, islamrechtlich seit er mit seiner Frau schon seit 2006 verheiratet. 

Warum er denn seine Ausbildung abgebrochen habe, wollte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wissen. Wegen Drogen, antwortete P. Inzwischen habe er aber eine Entgiftung hinter sich. Was für Drogen? „Von A bis Z“, sagte P. und präzisierte dann: Von Marihuana bis zu harten Drogen. Der Stoff sei von einem Freund gekommen, dessen Vater „Millionär“ sei. Geld war da kein Thema. Seine Frau habe er zufällig kennengelernt, „da wusste ich noch nicht, wie das Heiraten islamisch geht“. 

Emin T. kam als nächster an die Reihe: Sein Vater sei Frührentner, die Mutter beziehe Arbeitslosengeld II. Die Familie lebe im Prinzip zusammen in Lohmar. Doch seit Tätlichkeiten gegen seine Mutter sei er derzeit nicht Zuhause. Nach Emins Meinung könnten sich seine Eltern nicht verstehen, sich aber aufgrund ihrer „traditionellen Prägung auch eine Trennung nicht vorstellen“. Immer, wenn es Zuhause Streit gegeben habe, habe er sich an den Computer zurückgezogen: „Wenn meine Eltern sich streiten, bin ich an den Computer gegangen und habe meine Tür zugeschlossen“, erzählte Emin. War das der Anfang seines Weges in die GIMF? An diesem Punkt endete Emins Einlassung zunächst. 

Als Letzter für den heutigen Tag machte Renee Marc S. Angaben: Er sei in Bremen geboren und dort groß geworden. Die Grundschule habe er ganz normal besucht, dann die Orientierungsstufe. Er habe eine Empfehlung für die Realschule bzw. das Gymnasium bekommen, doch seine Eltern hätten sich für die Realschule entscheiden: „Besser ein guter Realschulabschluss, als ein schlechter Gymnasialabschluss“, sei die Devise gewesen. Doch auf der Realschule sei er nicht lange geblieben, weil sich sein Freundeskreis „nicht mit Hausaufgaben beschäftigt“ habe. 1997 macht er stattdessen den erweiterten Hauptschulabschluss, 2001 begann er eine Berufsschulausbildung. Aus „persönlichen Gründen“ wurde ihm gekündigt. Dann habe er bei der Deutschen Bahn AG eine Ausbildung als Metallfacharbeiter gemacht und bestanden, sei aber – wie alle aus seiner Gruppe – nicht übernommen worden. Daraufhin habe er sich mit einem Geschäft für islamische Textilien und Bücher selbständig gemacht. 

Über eine mögliche Ehe oder Kinder wolle er derzeit nicht sprechen. „Vielleicht später“, sagte er nur. Auf seine angeblichen umfangreichen Sprachkenntnisse (darunter angeblich auch Portugiesisch) reagierte er spöttisch: Er könne Schulenglisch, ein wenig Arabisch und einige Brocken Türkisch. Alles andere sei Quatsch. Er sei vor Jahren einmal von einem Polizeibeamten vernommen worden. Diesem habe er – offenbar aus Jux – eine ganze Latte von Sprachen angegeben. Dies verfolge ihn nun, sagte S. halb belustigt, halb fassungslos. Die Ermittler glaubten nun immer, er könne all diese Sprachen. „Doch wo hätte ich sie lernen sollen?“ 

Seine Schwester Vivian S., Mohammed Salim A. und möglicherweise Jonas T. wollen morgen Angaben machen. Damit wären dann alle acht Angeklagten zu ihren Verhältnissen befragt. Aber wieso eigentlich nur acht? Nach der Verlesung der Anklage erschloss sich das nicht wirklich. Denn folgt man den Ausführungen des Generalbundesanwalts, dann müsste sich eigentlich ein neunter Angeklagter im Gerichtssaal befinden: Ein Mann aus Berlin, der nach der Verhaftung des „Gründers“ der deutschen GIMF in Österreich an dessen Stelle getreten sein soll. Doch von ihm ist bislang im Prozess praktisch nicht die Rede. Sein Name fiel bei der Verlesung der Anklage eher beiläufig. Dabei soll er zumindest mit Renee Marc S. in regem Kontakt gestanden haben – und sich in den GIMF-Foren sehr hervorgetan haben. Der Mann heißt Irfan P. Ein Name, den man sich in diesem Prozess merken sollte.

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