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„Wir setzen auf Sie, Herr Lotze!“

11.04.2011, von

Nachtrag: Der 08. April im „Buback-Verfahren“ gegen Verena Becker. Nach den „Schweigern“ der vergangenen Verhandlungstage war an diesem Tag praktisch alles anders – und doch gleich: Zwar machte Werner Lotze Angaben – doch die halfen nicht weiter. Flapsig könnte man den Neuigkeitswert wie folgt reduzieren: Rechtsanwalt Dr. Endres war pünktlich und der Vorsitzende Richter Hermann Wieland schien einen neuen Haarschnitt zu haben. Ach und noch etwas war neu: Zumindest von Werner Lotze hat der Verfassungsschutz kein Schweigen über eine Zusammenarbeit verlangt.

Eine magere Bilanz des Verhandlungstages? Ja. Denn auch wenn die Aussage von Werner Lotze in Teilen sehr eindrücklich und von Momenten der Rührung und der Reue über das Geschehene geprägt war, so brachte sie nach meinem Eindruck den Senat nicht weiter.
„Wir setzen auf Sie, Herr Lotze!“, hatte der Vorsitzende ihm am Ende der Belehrung eindrücklich vermittelt. Wahrscheinlich hatte er die Sorge, Lotze könne ebenso wie Sigrid Sternebeck plötzlich die Aussage verweigern – obwohl beide nach ihrer Enttarnung als „DDR-Flüchtlinge“ umfangreich ausgesagt hatten und dafür in den Genuss der Kronzeugenregelung gekommen waren.

Doch Werner Lotze blieb bei seiner damaligen Offenheit. Wie in der Vernehmung bei der Bundesanwaltschaft und später beim Prozess, schilderte Lotze seinen Weg in die RAF und seine Mitwirkung an Banküberfällen und Anschlagsplanungen.

Der 59jährige Lotze kam sehr korrekt gekleidet in einem hellgrau-karierten Jackett zu Jeans und trug eine braune Aktentasche aus Leder. Er sah eher aus, wie sein eigener Rechtsanwalt. Doch Lotze blieb allein – er brauchte keinen Verteidiger an seiner Seite.

Er lebe in Berlin, sei berufstätig mit eigenem Einkommen und alleinstehend, gab er an.

Nachdem er Mitte der 70er Jahren maoistischen Gruppen nahegestanden habe, sei ihm das bald nicht mehr radikal genug gewesen. Nach Prozessbesuchen in Düsseldorf (Stockholm-Attentat) habe er Kontakte zum legalen Umfeld der RAF bekommen. Der klassische Weg also. Nach und nach sei er immer aktiver geworden: „Es wurde immer konkreter“, erzählte Lotze. Nach dem Diebstahl von Ausweisen für illegale RAFler 1977 / 1978 sei es um den Versuch gegangen, Stefan Wisniewski aus der Haft zu befreien. Im August 1978 sei er illegal geworden. Doch schon bei seinem ersten Auftrag, einem Einbruch in einen Steinbruch in der Nähe von Hagen in dem Sprengstoff gestohlen werden sollte, gab es einen schweren Zwischenfall.

Zusammen mit Angelika Speitel und Michael Knoll trainierte er für den Überfall. Dazu gehörten auch Schießübungen. Doch nach der Übung seien sie von zwei Polizisten zufällig überrascht worden: „Im weiteren Verlauf kam es dazu, dass ich zunächst auf den jüngeren und dann auf den älteren Polizisten geschossen habe“, räumte Lotze stockend ein. Kontakt mit Speitel und Knoll sei nicht mehr möglich gewesen, er sei geflohen, entkommen und habe sich bis zu einer „konspirativen Wohnung“ (Szenejargon: „KW“) in Würzburg, ein Zimmer in einem Studentenwohnheim, durchgeschlagen.

Fassungslos habe ihn aber schon damals die Diskussion über den Zwischenfall in Dortmund gemacht: Es habe in der Gruppe zwar Gespräche und Diskussionen gegeben, wer damals welche Fehler gemacht habe: „Es ging aber nie darum, was da tatsächlich passiert ist“, sagte Lotze stammelnd und stockte. Menschen waren gestorben und verletzt worden.

Daraufhin habe er aus der Gruppe aussteigen wollen und etliche Wochen allein in einer Wohnung in Frankfurt verbracht. Doch Rolf Heißler habe ihn nochmals überredet und er sei wieder in die Gruppe gekommen. Im Jemen habe man sich neuorganisieren wollen.

Dort sei eine militärische Ausbildung erfolgt und es habe „sehr intensive Diskussion“ gegeben: „Was ist mit der Gruppe passiert, wieso diese inhaltliche Ziellosigkeit, Wieso so viele Fehler?“ Doch Lotze ließ wenig Zweifel, was er von der Diskussion damals und heute gehalten hat: „So wie es in der Gruppe üblich war, wurden verschiedene Leute an den Pranger gestellt und in widerlichen psychologisierenden Diskussionen ‚fertiggemacht‘“.

Nach Jemen sei er an Banküberfällen in München, Mannheim und Darmstadt beteiligt gewesen (der Darmstädter Überfall gehört übrigens zu meinen frühesten eigenen Erinnerungen an RAF-Taten – ich lebte damals dort) und habe am Attentatsversuch auf den NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig mitgewirkt.

Nach einem Banküberfall habe er zusammen mit Rolf Heißler eine Wohnung in Nürnberg gereinigt („gecleant“). Beim Verlassen seien sie ungeplant einer Nachbarin über den Weg gelaufen. Dies hätten sie um jeden Preis verhindern wollen. Trotzdem sei kurz darauf Elisabeth van Dyck nochmals in die Wohnung gegangen. An dieser Stelle stockte Werner Lotze erneut. Seine Stimme versagte. Es herrschte Stille im Saal. Kollegen wollen gesehen haben, dass der Zeuge weinte, ich saß direkt in seinem Rücken und konnte sein Gesicht nicht sehen. Die Betroffenheit war trotzdem zu spüren. Doch aus mir unerfindlichen Gründen ließ der Vorsitzende ausgerechnet an dieser Stelle seine sonstige Gemütsruhe vermissen und herrschte den Zeugen regelrecht an: „Wir wissen, was da passiert ist. Sie ist erschossen worden. Machen Sie mal weiter!“

Lotze sammelte sich und erzählte von der Aktion „Hengst“, dem Attentat auf Haig. Man habe den Wohnort in Mons (Belgien) und seine Fahrtrouten zum NATO-Hauptquartier gekannt. Und schon verschiedene Orte im Blick: Einen Gulli-Deckel am Ortseingang, ein Entwässerungsrohr auf offener Strecke und eine Brücke, „an der es dann auch gemacht wurde“. Der General und seine Fahrtroute sei ausgekundschaftet worden, dann sei nachts ein Tunnel für die Sprengladung gegraben worden.

Der Anschlag missglückte. Zwar wurde Haigs Dienstwagen schwer beschädigt, doch der General überlebte. Die Gruppe floh nach Paris. Bald danach habe sich Lotze endgültig für den Ausstieg entschieden und sei schließlich auch in die DDR gekommen.

Soweit seine eigene Schilderung. Zahlreiche Fragen aller Beteiligten schloßen sich an. Doch für den Prozess brachten sie keine neuen Erkenntnisse: Er kenne Frau Becker nicht, habe sie bis zum Prozesstag nie getroffen, nichts über ihre Beteiligung am Buback-Attentat gehört. Auch die Auswahl eines Motorrads als Fluchtfahrzeug beim Haig-Attentat habe ihm keine konkreten Einblicke in mögliche „Erfahrungen“ aus dem Buback-Attentat gebracht. Allerdings habe er im Zusammenhang mit dem Haig-Anschlag „indirekt“ erfahren, dass das Motorrad bei Buback entweder von Sonnenberg oder von Folkerts gefahren wurde. „Dabei war aber nur vom Fahrer die Rede“. Und wer es ihm gesagt habe, wisse er auch nicht mehr.
Der Tag ging noch weiter, konkreter wurde es nicht.

Nur eines war noch interessant: Werner Lotze erzählte, er habe auch mit dem Verfassungsschutz gesprochen. Das sei eine Art Wiedergutmachung gewesen, es habe dafür weder Geld noch eine Verpflichtungserklärung gegeben.

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