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Spur 8179469: Geständnis von Stefan Wisniewski?

15.03.2011, von

NSDAP Karteikarte Siegfried Buback (Quelle: Bundesarchiv)

NSDAP Karteikarte Siegfried Buback (Quelle: Bundesarchiv)

War es ein Geständnis? Hat Stefan Wiesniewski doch sein Schweigen gebrochen – aber es hat zunächst niemand gemerkt? Oder war es einfach nur eine zynische Geste gegenüber dem Staat und den Opfern?

Wie ich hier berichtet habe, trug Ex-RAF-Terrorist Stefan Wisniewski am Donnerstag einen Kapuzenpulli, der auf polnisch die Aufforderung enthielt, man möge der „Spur 8179469“ folgen. Fragen beantwortete Wisniewski dazu nicht – doch ich konnte die Bedeutung auch so entschlüsseln:

Es ist die NSDAP-Mitgliedsnummer von Siegfried Buback. 1940 trat der damals 20jährige Student  der Partei bei, ein Jahr vor seinem ersten Examen. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP war wohl kein Geheimnis, er hat sie offenbar auch bei der Übernahme in die Bundesjustiz 1963 angegeben. Doch öffentlich diskutiert wurde sie bislang nicht. Und auch in den üblichen Biographien von Buback fehlt ein Hinweis auf seine Parteizugehörigkeit. Öffentlich zugänglich dürfte die Karteikarte seit April 2007 sein – gemäß Bundesarchivgesetz 30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen.

Der renommierte Rechtshistoriker Uwe Wesel, der häufig deutliche Worte für die Vestrickung von NS-Funktionären und der Justiz der Bundesrepublik fand, bleibt trotzdem gelassen. Er sei überrascht, sagte er mir, denn er habe nicht von der Mitgliedschaft gewusst. Doch Buback sei zu jung gewesen, als dass er darin einen Skandal sehen könne. Und zudem noch kein Staatsanwalt oder Richter gewesen. Sein Zweites Examen machte Buback 1950 – nachdem er 1947 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war

Karteikarte der NSDAP für Siegfried Buback. Quelle: Bundesarchiv

Karteikarte der NSDAP für Siegfried Buback. Quelle: Bundesarchiv

Was also will Stefan Wiesniewski uns sagen? Seine Anwältin Edith Lunnebach, die das Interesse von uns Journalisten an der Aufschrift am vergangenen Donnerstag noch sehr lustig fand, gibt sich heute wortkarg. Ihr Mandant kommentiere die Aufschrift nicht, ihre eigene Meinung tue nichts zur Sache. So bleibt offen, warum Wisniewski eine Tatsache thematisiert, die die Mörder Bubacks bei der Begehung der Tat nicht gekannt haben dürften. Ist er froh, dass es nachträglich noch etwas gibt, womit er glaubt die Tat rechtfertigen zu können? Warum kommt die Botschaft  ausgerechnet von ihm, der von Peter-Jürgen Boock – und wohl auch von Verena Becker als Schütze genannt wurde?

Einzig die Verwendung des Polnischen scheint erklärbar: Wisniewskis Vater Stanislaw wurde zu NS-Zwangsarbeit herangezogen und starb in jungen Jahren 1953. Ein Schicksal, dass Stefan Wisniewski bereits früher thematisiert hat.

Doch die zynische Geste Wisniewskis an die Opfer am vergangenen Donnerstag vermag auch das nicht zu erklären.

Was also passiert wirklich, wenn man der Spur 8179469 folgt?

Nachtrag:

Michael Buback hat am Abend folgende Stellungnahme übermittelt:

„Erklärung zu Siegfried Buback

Mit Erstaunen und Befremden nehme ich zur Kenntnis, dass eine bereits vor einigen Jahren im „Spiegel“ erwähnte NSDAP-Zugehörigkeit meines Vaters in Zusammenhang mit dem Stuttgarter Prozess gegen Verena Becker gebracht wird. Der Bruder meines Vaters und meine Mutter schließen eine Nähe meines Vaters zum Nationalsozialismus aus. Mir ist heute auf meine Nachfrage bekannt geworden, dass meinem Vater im Jahr 1943, als er Soldat in Frankreich war, mitgeteilt wurde, er sei zum 1. Juli 1940 in die NSDAP übernommen worden. Nach der Gefangenschaft hat mein Vater im Jahr 1947 seinen juristischen Vorbereitungsdienst begonnen und seine Berufsausbildung 1950 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen abgeschlossen. „

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Kommentare zu „Spur 8179469: Geständnis von Stefan Wisniewski?“

Es sind 15 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Andrea
    schreibt am 15. März 2011 13:57 :

    Sehr Interessant, was Sie hier schreiben. Aber ich denke, wenn Wisniewski von Bubacks Nazi-Vergangenheit wusste, dann wussten es die Attentäter sicherlich auch.
    Wieso wird eigentlich in dieser Woche nicht weiter verhandelt?
    Oder geht die Verhandlung diese Woche ohne geladene Zeugen weiter?
    Bitte bleiben Sie mit Ihrer Berichterstattung am Ball.
    Vielen Dank,
    AK

  2. Holger Schmidt
    schreibt am 15. März 2011 15:07 :

    @Andrea: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es 1977 schon bekannt war. Denn die RAF hätte es sicher – wie bei Hanns Martin Schleyer – thematisiert. Ausserdem ist die Karteikarte erst seit 2007 öffentlich zugänglich.

    Diese Woche wird nicht verhandelt – so hat es der Senat festgesetzt.

  3. Andrea
    schreibt am 15. März 2011 17:27 :

    Vielen Dank für die Info.
    Aber vergessen wir nicht, dass der Verfassungsschutz auch involviert ist.
    Und Verena Becker war ja da Mitarbeiterin. Vielleicht wusste sie also doch was?
    Reine Spekulation meinerseits.
    Danke jedenfalls für die Berichterstattung.
    MfG,
    AK

  4. Thorsten Wessler
    schreibt am 15. März 2011 17:44 :

    Vielleicht wollen sie erklären warum sie das als ihre Recherche darstellen wenn doch vor Gericht Flyer verteilt wurden die dies erklärten und es auch schon seit dem 12.03.2011 auf Indymedia Linksunten steht: http://linksunten.indymedia.org/de/node/35475 (Mit Foto eines Flyers)

  5. Frank
    schreibt am 16. März 2011 02:56 :

    Auf die Gefahr hin, dass ich mit meiner Frage langweile,stelle ich meine Frage nochmal. Wie kommt es, dass Günter Sonnenberg,Verena Becker am 10.3.11 In Stammheim umarmt hat ? Das hätte er ja wohl nicht getan,wenn er davon ausgehen würde, dass Verena Becker für den Verfassungsschutz gearbeitet hat.

  6. Holger Schmidt
    schreibt am 16. März 2011 07:28 :

    @ Thorsten Wessler: Tatsächlich steht dort auch die Bedeutung der Nummer. Mir war dieser Text bislang nicht bekannt. Allerdings steht dort auch:
    „Stefan Wisniewski erschien in einem Schwarzen Pullover mit der Aufschrift „´Scigajcie ten´slad 8179469“ vor Gericht, was soviel bedeutet wie „Verfolgt diese Spur“. 8179469 war die Mitgliedsnummer Bubacks in der NSDAP, was jedoch weder vom Gericht noch von der Presse bemerkt wurde. Im Nachhinein wurden Zettelchen an BesucherInnen ausgeteilt, die die Aufschrift auf Stefans Pullover erklärten.“
    Dieses Zettel-Verteilen ist mir – und auch keinem Kollegen, mit dem ich über den Pullover gesprochen habe – aufgefallen. Aber die Damen und Herren Protestierer oder Herr Wisniewski haben ja auch nicht mit uns Journalisten gesprochen…

  7. Willy-Peter
    schreibt am 16. März 2011 18:45 :

    Zwei kurze Anmerkungen:

    1. Wer nach der Reichsprogromnacht 1938 noch der NSDAP beitrat, wußte, daß er sich einer menschenverachtenden Partei anschloß, wenn er nicht blind und taub war.

    2. Michael Buback erwähnt in seinem Buch nicht ohne Stolz, daß sein Vater auch ohne Parteibuch seinen außergewöhnlichen beruflichen Aufstieg bewerkstelligen konnte. Dies ist so nicht ganz zutreffend. Die frühere Mitgliedschaft in der NSDAP war zu jener Zeit eine Art „unsichtbares Parteibuch“, welches viele Akteure in der jungen Bundesrepublik bei Ihrem übergangslosen beruflichen Aufstieg, bzw. Wieder-Aufstieg, inne hatten. Hanns Martin Schleyer ist ein weiteres Beispiel hierfür.

  8. Frank
    schreibt am 16. März 2011 23:25 :

    Ich weis ganz sicher, dass der Vater von Stefan Wisniewski ein polnischer Zwangsarbeiter war. Vielleicht hängt da was mit zusammen ?

  9. Henning Ernst Müller
    schreibt am 18. März 2011 15:29 :

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    wenn stimmt, was Herr M. Buback in seinem Blog zum Prozess schreibt, dann wurde schon im Jahr 2002 im Spiegel über seines Vaters Mitgliedschaft in der NSdAP berichtet. Irgendwelche weitergehende Aktivitäten von Siegfried Buback im Sinne der Nazis (außer bei der Wehrmacht) sind hingegen nicht bekannt geworden und wurden ja offenbar auch auf den Flugblättern nicht behauptet. S. Buback teilt mit dieser Parteimitgliedschaft eine Eigenschaft Vieler seiner Generation – ich hätte mich fast gewundert, wenn dies nicht so wäre.

    Der Pullover mit der kryptischen Botschaft erscheint mir ebenfalls eine zynische Aktion des Zeugen W., der sich ansonsten auf § 55 StPO beruft. Wenn er der Meinung ist, die Parteimitgliedschaft des RAF-Opfers S. Buback gebe der Tat eine (moralische) Legitimation, hätte er dies offen sagen können, ohne seine Beteiligung an der Tat näher zu bestimmen. Bei einer entspr. Aussage hätte man noch nachfragen können, ob die RAF 1977 überhaupt schon wusste, dass S. Buback Parteimitglied war. Wäre es aber eine nur nachträgliche Legitimation aufgrund heutigen Wissens, dann wäre die Pulloverbotschaft gleich doppelt zynisch.

    Besten Gruß
    Henning Ernst Müller

  10. Diego
    schreibt am 22. März 2011 00:37 :

    Frank@ Sonnenberg hat, laut Mumassung Buback`s, mit Verena Becker dieses Ding durchgezogen. Warum sollte er sie also nicht umarmen? Das andere ist die Lebenslüge jedes einzelnen (gutgläubigen) RAF-Mitglieds. Die einzugestehen, hat Sonnenberg bis jetzt offenbar nicht geschafft.

  11. Michael Sontheimer
    schreibt am 22. März 2011 16:35 :

    Der SPIEGEL hat die NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Buback am 21. 10. 2002 in einem Artikel über die SPIEGEL-Affäre einthüllt, bei der Buback für die Bundesanwaltschaft die Durchsuchung des Hamburger SPIEGEL-Redaktionssitzes im Pressehaus leitete. Bubacks Mörder von der RAF wußten davon nichts, als sie das Attentat auf den Generalbundesanwalt planten. Michael Sontheimer, Berlin

  12. InteressierterLeser
    schreibt am 25. November 2011 06:55 :

    Für die RAF reichte Bubacks Rolle im Strafververfolgungsapparat anno 77 sicherlich vollkommen aus, um in ihren Augen als legitimes Ziel zu erscheinen.

    Dennoch könnten sie theoretisch von seiner NSDAP-Mitgliedschaft gewußt haben, da sie damals ja, wie aus Aussagen von Boock bekannt ist, von der Stasi mit Informationen versorgt wurden, teils direkt, teils über den Umweg der Fatah und anderer palästinensischer Gruppen, die wiederum mit Ostberlin und Moskau in Kontakt standen. Und Stasi und KGB verfügten über große Archivbestände aus dem dritten Reich.

    Vermutlich hätten sie das dann allerdings damals in ihren Bekennerschreiben thematisiert. Andererseits wollten sie den Haß aufgrund ihrer aktuellen Gegnerschaft im „Krieg mit dem Staat“ und seinem obersten Kriegsherrn Buback (nach RAF-Sicht) vielleicht auch nicht verwässern durch solche historischen Reminiszenzen?

    Die ganze Geschichte der RAF bleibt bis heute einfach hochspannend. Ich wüßte auch zu gerne endlich mehr über die dritte Generation und die Frage, wo Klette, Staub und Garweg abgeblieben sind?

  13. Mike W
    schreibt am 29. Dezember 2012 21:44 :

    Absoluter Schwachsinn, die Tat im Nachhinein mit einer NSDAP-Mitgliedschaft legitimieren zu wollen! Wenn dies alleine ein Todesurteil verdiente, dann haette die RAF wohl noch ein paar Millionen weitere ex-NSDAP-Mitglieder hinrichten muessen. Ein kleines Raedchen im Getriebe, das es im Nachkriegsdeutschland zu etwas gebracht hat auf eben jene Mitgliedschaft zu reduzieren und zum Tode verurteilen aber ex-Mitglieder der Einsatzgruppen, zB, unbehelligt lassen? Der hat eben den verhassten Staat repraesentiert, was den arbeitsscheuen feigen Moerdern ein Dorn im Auge war.

  14. Julia
    schreibt am 23. Januar 2014 11:57 :

    Mich würde die Analyse eines professionellen Psychologen zu der Umarmungsgeste mehr interessieren, als diese doch letztlich nichtssagende Nummer.

  15. Magga
    schreibt am 28. Januar 2018 09:28 :

    @
    Julia
    23. Januar 2014 11:57 :
    „… Der hat eben den verhassten Staat repraesentiert, was den arbeitsscheuen feigen Moerdern ein Dorn im Auge war. …“

    Der Mord an Buback war eine abscheuliche und zutiefst verachtenswerte Tat, man kann sie mit Fug und Recht auch als feige bezeichnen. Der Zusammenhang mit „arbeitsscheu“ erschließt sich mir nicht. Warum wird hier ein Begriff aus der Nazi-Terminologie eingeführt, der als eine der Begründungs-Kategorien für die Einlieferung von Menschen ins KZ verwendet wurde?

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