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„Haben Sie eine Zigarette? Kämpfen Sie in Afghanistan?“

04.03.2011, von

Tatort am Frankfurter Flughafen

So oder so ähnlich soll der mutmassliche Attentäter von Frankfurt sein erstes Opfer angesprochen haben. Er wollte sicher gehen, dass es sich bei einer Gruppe von Männern im Terminal 2, Halle E des Frankfurter Flughafens wirklich um GIs handelt. Denn nur einer der Männer trug Uniform: Der Fahrer des Busses, der die Gruppe abholen wollte. Die Soldaten kamen aus London Heathrow, mit dem Bus sollte es weiter nach Ramstein gehen und von dort wieder mit dem Flugzeug über Bischkek (Kirgisistan) weiter nach Afghanistan. All das wusste Arid U. offenbar nicht, er tötete die ersten amerikanischen Soldaten, die er am Flughafen traf. Es ist der erste tödliche Anschlag eines Islamisten in Deutschland.

Acht Schüsse gab er ab, dann klemmte eine Hülse in der Waffe, sechs weitere Patronen kamen nicht zum Einsatz. Auf einer Pressekonferenz heute Vormittag beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe zeigten sich die Ermittler überzeugt: Der Täter hätte weiter geschossen, versucht, noch mehr Soldaten zu töten. Als zweites Opfer starbg der Fahrer des Busses, zwei weitere Soldaten wurden schwerst verletzt.

Das potentielle fünfte Opfer, der Soldat, auf den der Schütze zielte und bei dem die Waffe nur „klick“ machte, soll danach geistesgegenwärtig hinter ihm her gerannt sein – in die Halle E des Terminals 2 am Frankfurter Flughafen. „POLICE!! This is a terrorist“ soll er gerufen haben – und so wurden zwei Beamte der Bundespolizei auf den Schützen aufmerksam, die ihn am oberen Ende einer Treppe überwältigen konnten. Für das Bundeskriminalamt ist dies übrigens ein Indiz dafür, dass die Sicherheitsvorkehrungen am Frankfurter Flughafen „immerhin so“ seien, dass der Täter schnell gestellt werden konnte. Videoaufzeichnungen von der Tat gibt es übrigens nicht – weil die Überwachungskamera im Bereich des Tatorts defekt war.

Nun laufen die Ermittlungen der Frankfurter Polizei und des Bundeskriminalamtes, auch das amerikanische FBI ist beteiligt. Die Hoheit über das Ermittlungsverfahren liegt beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe (die Rechtgrundlage für Freunde langer Paragraphen ist § 120 Absatz 2 Nr. 3 lit. a + c GVG).

Schwerpunkt für die Ermittlungen ist nun das Umfeld des mutmasslichen Täters: Hat er sich wirklich ohne persönliche Kontakte, rein über das Internet radikalisiert? Hat er seine einschlägigen „Facebook-Freunde“  wirklich nie persönlich getroffen, auch wenn sie ebenfalls aus Frankfurt stammten? Woher stammten 1.000 Euro, für die er die Tatwaffe „FN“, Kaliber 9mm gekauft hat? Wo hat er sie gekauft? Warum fand die Polizei eine weitere Waffe in der Wohnung der Familie? Was bedeutet es, dass auch Haschisch bei ihm gefunden wurde? Welche Rolle spielen „Ego-Shooter“-Spiele, die der Mann gespielt haben soll? Interessante Erkenntnisse zu Arid U. kann man übrigens auch im Blog von Florian Flade nachlesen.

Viele Fragen, doch nach anfänglicher Aussagebereitschaft und „einem guten Draht“ zum ersten Vernehmungsbeamten schweigt der dringend Tatverdächtige Arid inzwichen. Der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hat einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Soweit der aktuelle Stand.

Mich beschäftigt seit Mittwoch allerdings die Frage, warum der Anschlag von Frankfurt nur ein relativ geringes Echo in der öffentlichen Diskussion findet. Ist es – was sehr positiv wäre – Unaufgeregtheit und die Erkenntnis, dass wir mit übertriebenen Sicherheits-Diskussionen den Terroristen in die Hände spielen? Oder ist auch etwas Ignoranz dabei? Anders gefragt: Hat Deutschland verstanden, dass diese der erste „erfolgreiche“ tödliche Anschlag eines Islamisten war? Ich bin auf die Debatte über diese Frage in den kommenden Wochen gespannt!

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Kommentare zu „„Haben Sie eine Zigarette? Kämpfen Sie in Afghanistan?““

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Nick Random
    schreibt am 5. März 2011 07:51 :

    Meine Erklärung für das geringe Echo: anscheinend gab es keine deutschen Opfer. Außerdem waren anscheinend alle Opfer US-amerikaner die noch dazu (fast) wieder in Afghanistan waren. Das ganze vereinfachen die Leute dann zu: Terroristen töten wie immer US-amerikaner und zwar (fast) in A.

    Ergo: what else is new? Und so interessiert es kaum..

    N.

  2. MH
    schreibt am 5. März 2011 12:01 :

    Der mutmaßliche Attentäter ist nicht- wie es die Bundesanwaltschaft sieht- Opfer islamistischer Propaganda geworden- sondern eher Opfer einer für ihn nicht ertragbaren Realität: der Grausamkeiten und Doppelmoral des US-amerikanischen Imperialismus. Unsere „westliche“ Politik wird noch mehr terroristische Einzelkämpfer dieser Art produzieren. Ein Sprengstoffanschlag ist in der Vorbereitung aufwendig, erfordert Quellen für die benötigten Materialien und fundierte Kenntnisse. Eine Schusswaffe hingegen ist leicht zu beschaffen und bereits ein Auto – in eine Menschenmenge gesteuert- kann für einen Einzelkämpfer eine brauchbare Waffe sei. Derartige Anschläge mit einer relativ geringen Anzahl an Toten sind leicht durchführbar und nicht zu verhindern, im Gegensatz zu den gesteuerten Dilettanten-Terroranschlagsversuchen der Vergangenheit, die zur Durchsetzung politischer Ziele genutzt wurden und daher durchaus gelegen kamen. Eine zu große mediale Aufmerksamkeit könnte bei dem Anschlag von Frankfurt dazu führen, dass diese Methode der mehr oder weniger spontanen Ein-Mann-Anschläge „in Mode kommt“, die erfolgreiche Umsetzung also Vorbildfunktion erwirbt. Terroranschläge sind stets ein Akt der Verzweiflung und der Ohnmacht. Solch ein Einzeltäter setzt hierdurch ein letztes Zeichen, nachdem er sich selbst längst aufgegeben hat, in der Hoffnung, als Märtyrer die Geschichte beeinflussen zu können. Aber gerade das ist so nicht möglich. Terror gegen Staatsterror war nie wirklich erfolgreich, nur Massenbewegungen wie derzeit die Revolutionen in der arabischen Welt oder der ehemaligen DDR können Veränderungen bewirken. Und die getöteten US-Soldaten tragen keine Schuld daran, dass Deutschland ein besetztes Land ist, die USA von deutschem Boden aus die gemeinsamen verbrecherischen Kriege führt, mit einer erfolgreichen deutsch-amerikanischen Kooperation beispielsweise bei der Entwicklung und dem Einsatz von Drohnen. Wer wird in den USA Soldat? Das sind häufig die Opfer der Finanzkrise, junge Männer und Frauen ohne andere Berufsperspektive. Sie stellen sich als „Kanonenfutter“ zur Verfügung, um den geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen einer kleinen Minderheit von Politikern zu dienen, die selbst Marionetten der Banker und Waffenindustrie sind. Viele dieser US-Soldaten kehren nach den Kriegseinsätzen – wenn denn überhaupt- stark traumatisiert und desillusioniert in ihre Heimat zurück…

  3. Sebastian
    schreibt am 5. März 2011 22:14 :

    Ich vermute, dass die „Größe“ des Anschlages für die nur geringe Aufmerksamkeit sorgt. Nicht zuletzt seit dem 11. September werden mit islamistischen Anschlägen hohe Opferzahlen verbunden. Das ist hier mit „nur“ zwei Toten nicht der Fall. Daher wird weniger darüber diskutiert. Auf eine – in der gesamten Thematik wünschenswerte – Unaufgeregtheit wird dies wohl eher nicht zurück zu führen sein.

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