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„Ich glaube eher, dass er es nicht getan hat“

25.02.2011, von

Silke Maier-Witt

Silke Maier-Witt

Es waren zwei ruhige Tage im Buback-Prozess gegen Verena Becker. Das lag vor allem an der Zeugin Silke Maier-Witt. Sie bemühte sich, alle Fragen zu beantworten, erzählte flüssig und machte einen zwar nachdenklichen, aber sehr reflektierten Eindruck. Sie empfinde Scham für ihre damaligen Taten, hat sie früher einmal gesagt. Heute sagte sie im Rückblick: „Ich verurteile, was wir damals gemacht haben“ und dass sie nicht verstehe, warum die, die etwas wissen, es nicht sagen. Und damit meinte sie ausdrücklich auch Verena Becker. Doch eigene Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Mordkommandos habe sie nicht. Nur Zweifel an einer Beteiligung von Knut Folkerts.

Silke Maier-Witt erzählte, wie sie just am Todestag von Siegfried Buback in die RAF aufgenommen wurde. Sie sei in einen Wienerwald in Amsterdam bestellt worden. Dort habe sie Brigitte Mohnhaupt und Sieglinde Hofmann getroffen. Beide hätten mit ihr über die Gruppe gesprochen, hätten dabei aber angespannt und abgelenkt gewirkt. Gegen Mittag sei das Gespräch von den beiden Frauen unterbrochen worden. Sie hätten noch etwas zu erledigen, man solle sich später wieder in einem anderen Wienerwald in Amsterdam treffen.

Als Silke Maier-Witt dann zu diesem zweiten Treffen am Gründonnerstag 1977 kam, erfuhr sie vom Anschlag auf den Generalbundesanwalt und bekam das Angebot, eine „Illegale“– also Mitglied der RAF zu werden. Sie sagte gleich zu, völlig unvorbereitet habe sie das Angebot nicht getroffen.Sie habe zugesagt. Dann sei sie in die Wohnung der Gruppe in Amsterdam gebracht worden. Soweit die bislang bekannt und wohl auch unstrittige Aussage von Silke Maier-Witt. Doch nun wird es kompliziert – und die Erinnerung der Zeugin ist unklar:

Sicher ist sie, dass sie gleich nach der Aufnahme in die RAF von Peter-Jürgen Boock eine Waffe bekommen und eine – von ihr als „abstoßend“ empfundene – Einweisung in Waffe und Munition erhalten haben will. Sicher ist sie außerdem, dass sie einen Auftrag bekam, Dinge in Deutschland zu erledigen und sodann nach Amsterdam zurückzukehren. Dabei hätten sie ihr späterer Lebensgefährte Rolf Heißler und Knut Folkerts mit dem Auto hinter der grünen Grenze abgeholt. Auch das erinnere sie sehr genau, weil sie an eine Tankstelle eine Polizeikontrolle befürchtet hätten.

Diese Abholung durch Folkerts und Heißler war bislang von ihr als Indiz dafür gewertet worden, Folkerts habe nicht am Vormittag in Karlsruhe und am Abend in Amsterdam sein können. Gestern und heute musste Maier-Witt aber einräumen, dass es „nicht logisch“ sei, dass sie am ersten Abend (also am 07.04.1977) in der Wohnung in Amsterdam gewesen sein können und „zwischendrin“ (also nach dem Gespräch im zweiten Wienerwald) kurz in Deutschland war. „Aus heutiger Sicht sieht es so aus, dass es nicht sein kann“, so Maier-Witt. Also sei die Abholung durch Folkerts vielleicht doch nicht am Tattag gewesen, sondern später.

Allerdings erinnert Silke Maier-Witt genau, dass sie Folkerts in diesen Tagen in Amsterdam gesehen habe und dass er offenbar Streit mit der Anführerin der Gruppe, Brigitte Mohnhaupt, hatte. „Herr Folkerts ist mir deshalb in Erinnerung, weil er sehr schwierige Gespräche mit Frau Hofmann und Frau Mohnhaupt hatte“, sagte Maier-Witt heute aus. Sie habe den Eindruck gehabt, er sein in Ungnade gefallen, „weil er was falsch oder was nicht gemacht hat“. Doch worum es ging, wisse sie nicht sicher, sie könne es nur vermuten: „Ich glaube eher dass er beteiligt sein sollte und es nicht getan hat. Aber das kann ich nicht beweisen.“

Diese Aussage ist durchaus bemerkenswert. Denn bislang gingen Gerichte und Ermittler davon aus, dass das Mordkommando aus Günter Sonnenberg, Knut Folkerts und Christian Klar bestand – und Brigitte Mohnhaupt die Anführerin im Hintergrund war. Die einzelnen Tatbeiträge konnten nicht zugeordnet werden. Aber „offiziell“ gilt Knut Folkerts nach wie vor als Täter – auch wenn er selbst schon angedeutet hat, dass er nicht vor Ort dabei gewesen sein will.

Und Verena Becker? Über Frau Becker wisse sie eigentlich gar nichts, sagte Silke Maier-Witt. Sie habe Verena Becker gestern vor Gericht zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. Gehört habe sie damals natürlich von ihr. Begegnet seien sich die Frauen aber nie.

Heute morgen grüßten sich Verena Becker und Silke Maier-Witt dann sogar flüchtig. Doch kurz vor der Mittagspause schrieb die Zeugin auch der Angeklagten ins Stammbuch, sie solle doch zu ihren Taten stehen und das sagen, was sie sagen könne. Verena Becker reagierte darauf nicht.

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Kommentare zu „„Ich glaube eher, dass er es nicht getan hat““

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  1. Andrea
    schreibt am 3. März 2011 16:10 :

    Tolle Berichterstattung.
    bitte machen Sie damit weiter, weil so wenig über die Medien zu diesem interessanten Fall zu erfahren ist.
    Herzlichen Dank und Grüße!

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