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Geschichten aus dem Wienerwald

23.02.2011, von

Peter-Jürgen Boock in Stammheim

Eigentlich wollte ich über die Befragung von Peter-Jürgen Boock hier zusammenfassend nach Abschluss seiner Vernehmung berichten. Aufgrund zahlreicher „Ermunterungen“ aus der Leserschaft und der Tatsache, dass am Donnerstag mit Silke Maier-Witt die nächste Zeugin kommt, obwohl Boock noch nicht fertig ist, schreibe ich schon jetzt – und bleibe damit in der Chronologie des Prozesses. Aber viel zu sagen gibt es nicht. Die Tage mit Boock waren unter dem Strich eine Luftnummer. Es gab Geschichten aus dem Wienerwald.

Ich entleihe mir diesen Titel aus zwei Gründen bei Ödön von Horváth: Erstens hatte Boocks Aussage durchaus den Charakter eines „RAF-Volksstückes“. Und zweitens erzählte er immer wieder wirklich vom Wienerwald. Denn das gleichnamige, frühere Brathähnchen-Imperium war ein wesentlicher Teil der RAF-Logistik: Weil es in den 1970er Jahren überall in Deutschland Wienerwald-Filialen gab und es durchaus üblich war, sich in einer Kneipe am Tresen anrufen zu lassen. Das nutze die „zweite Generation“ der RAF: Telefontermine wurden derart ausgemacht, dass man nur den Ort und die Zeit verabredete. Damit war klar: Dort im entsprechenden Wienerwald. Wie sich diese Nutzung des damaligen Brathähnchen-Giganten (der damals dabei war, die Welt mit einer Filial-Kette zu überziehen) mit den antiimperialistischen Vorstellungen der RAF vereinbaren ließ, erläuterte Boock allerdings nicht.

Überhaupt sei der Terror-Alltag mit einer Menge praktischer Probleme durchsetzt gewesen: So habe man sich bemüht, möglichst niemals Autos zu benutzen sondern sei immer mit öffentlichem Personennahverkehr gereist, um Kontrollen zu entgehen. Möglichst auch nicht von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof, sondern zwischen Vorortbahnhöfen. Wohnungen habe man konspirativ angemietet und häufig gewechselt, das Geld dazu mit Banküberfällen beschafft („ich kann Ihnen beim besten Willen nicht mehr jede Bank aufzählen, die ich überfallen habe“). Der Alltag habe aus Vorbereitungshandlungen, Fälschungen von Papieren, Geldbeschaffung und ähnlichem bestanden, die Gruppe habe aber auch sehr viel Zeit mit Kritik und Selbstkritik verbracht – sich also um sich selbst gedreht. All das ist nicht neu, und wurde von Boock mühsam und nicht besonders zusammenhängend berichtet.  Mit Blick auf Verena Becker sagte Boock: Er habe sie als „alte Kämpferin“ (= erfahrene Kämpferin) bei seiner Terror-Ausbilung in Aden kennengelernt. Verena Becker sei damals hundertprozentig hinter der RAF gestanden, habe alle geplanten Aktionen vehement befürwortet und sei wild entschlossen gewesen. Konkrete Hinweise auf ihre Tatbeteiligung habe er aber nicht, wer dem „Kommando“ angehört habe, wisse er nicht – und ganz konkret sei die Planung in Aden noch nicht gewesen. 

So wenig kam bei der Vernehmung unter dem Strich heraus.

Das mag allerdings auch daran gelegen haben, dass der Vorsitzende Richter Hermann Wieland sehr grundsätzlich und wenig einfühlsam fragte. Er hatte sich offenbar eine Art Fahrplan für die Vernehmung Boock erarbeitet, an dem er strikt festhielt. Um einen komplexen Sachverhalt zu strukturieren, ist so eine Vorbereitung zweifellos unerlässlich. Doch Wieland und Boock fanden keine gemeinsame Gesprächsebene. Bezeichnend ist das folgende Beispiel: Als Wieland nach dem Ort des zweiten Planungstreffens nach der Ausbildung in Aden fragte, antwortete Boock: „in den Niederlanden“. Wieland fragte nach: „Geht es genauer?“. Boock: „Ein kleiner Küstenort…“ und plötzlich schien bei ihm eine Erinnerung wiederzukommen. Er sprudelte richtig: Es sei eine Feriensiedlung gewesen, die Gruppe habe mehrere Häuser gemietet, die Vermieter seien aber gar nicht richtig vorbereitet gewesen, weil es außerhalb der Saison gewesen sei, deswegen sei die Heizung nicht gegangen und das Essen sei auch schlecht gewesen.

Wenn ich Interviews führe und das Gespräch ist zäh, wartet ich immer sehnsüchtig auf genau solche Momente: Eine aktive Erinnerung des Gesprächspartners und / oder eine szenische Schilderung. Denn das gibt jede Menge (emotionale) Anknüpfungspunkte für weitere Fragen. Ein Gespräch kommt so sehr häufig besser in Fahrt.

Doch dem Vorsitzenden waren niederländische Kälte und schlechtes Essen offenkundig zu banal: Er herrschte Boock an, er solle sich „auf das Wesentliche“ konzentrieren. Boock senkte den Kopf, wie ein geprügelter Hund und verstummte. Die Befragung schleppte sich weiter dahin.

Oberstaatsanwältin Silke Ritzert, die am dritten Vernehmungstag für die Anklage die Fragen stellte, hatte da ein besseres Händchen im Umgang mit Boock: Ausführlich ging sie mit ihm nochmals die Haag-Papiere durch, die nach dem ersten Planungstreffen für die „Offensive 77“ bei der Festnahme des damaligen Anführers der Gruppe, Siegfried Haag, gefunden worden waren. Die Vernehmung wurde flüssiger – aber nicht viel ergiebiger: 

„Pappen basteln“ (Ausweise fälschen), „Auto k“ (kaufen oder klauen), „HG“ (Handgrante) „mit Paula Depot Zentrale“, „Michael“, „Ede“, „Anton Pappen“ so und ähnlich lauten die Eintragungen in den handschriftlichen Aufzeichnungen, die im November 1976 bei der Festnahme von Rechtsanwalt Siegfried Haag gefunden worden waren. Viele dieser Eintragungen sind inzwischen entschlüsselt, andere nicht. Doch auch hier zeigten sich gravierende Erinnerungslücken bei Peter-Jürgen Boock. Manche Namen und Begriffe konnte er zuordnen, andere nicht – dafür aber in früheren Vernehmungen. Wieder andere überhaupt nicht. Auch Silke Ritzert konnte aus den „diffusen Erinnerungen“ (Boock) kein Gold schürfen.

Weil Boock sich nicht besser erinnern konnte? Oder nicht wollte?

Zweifellos ist es für Peter-Jürgen Boock doppelt schwer, sich an die Ereignisse von damals zu erinnern: Mit mehr als dreißig Jahren ist für ihn sehr viel Zeit ist vergangen. Hinzu kamen immer wieder schwere Suchtprobleme und insgesamt ein schwieriger Gesundheitszustand. Das konnte man auch während der Vernehmungen in der Hauptverhandlung beobachten: Der erste Tag ging leidlich. Am zweiten Tag hatte er so starke Probleme mit seinen Knieen, dass Boock kaum aus dem Taxi aussteigen konnte. Am dritten Tag (dem ersten Sitzungstag, der nicht in Stammheim verhandelt wurde) war er besser beisammen, als an den beiden Tagen zuvor – und trotzdem erlebt ihn ein Besucher, der ihn von früher kennt, „als Wrack“. Trotzdem war es auffällig, wie schwammig seine Aussagen immer wieder wurden, wenn es an die Erinnerung um konkrete Tatbeteiligung ging. Ob er die Belastung ehemaliger Genossen vermeiden wolle, wurde Boock gefragt. Er verneinte. Aber überzeugt hat mich das nicht.

Am Donnerstag der kommenden Woche kommt Peter-Jürgen Boock zum wahrscheinlich letzten Vernehmungstermin. Die Verteidigung hat dann das Fragerecht – und auch der Senat hat nochmals „abschließende Fragen“ angekündigt. Dabei wird es dann wohl auch um den Versuch von Nebenkläger Michael Buback gehen, die Regeln der Mengenlehre in den Prozess einzuführen: Michael Buback hat vergangene Woche folgende Hypothese im Stil einer Textaufgabe sinngemäß formuliert:

Wenn der Mordanschlag auf GBA Buback von den RAF-Mitgliedern geplant und durchgeführt wurde, die in Aden eine paramilitärische Ausbildung bekamen: Welche dieser Mitglieder kommen dann als Fahrer eines schweren Motorrades in Frage und welche aufgrund ihrer Ausbildung und Begabung als Schütze auf dem Soziussitz? Und wenn es laut Boock naheliegt, die Karlsruher Gruppe aufgrund ihrer Ortskennntis einzubeziehen, wer ist dann in der Schnittmenge Aden / Motorrad / Schütze / Karlsruhe?

Ein interessantes Gedankenexperiment. Bei dem übrigens Christian Klar als möglicher (unmittelbarer) Täter herausfallen würde. Aber unter dem Strich ist es nicht mehr, als eine Hypothese. Für eine Verurteilung im deutschen Strafprozess braucht es (Gott sei dank) konkreterer Beweise. Ganz abgesehen davon, dass es nicht plausibel ist, warum man aus den Annahmen von Boock („es war so üblich“) eine zwingende Gewissheit machen kann. Das geht bei keinem Zeugen. Besonders nicht bei Peter-Jürgen Boock.

Morgen und am Freitag wird die zweite ehemalige RAF-Terroristin vernommen: Silke Maier-Witt.

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Kommentare zu „Geschichten aus dem Wienerwald“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Sören Schneider
    schreibt am 24. Februar 2011 09:13 :

    Es ist durchaus nachvollziehbar, das sich Herr Boock nach nunmehr gut drei Jahrzehnten nicht mehr recht erinnern mag. Seine schlechte Verfassung, deren Ursache hinlänglich bekannt und offensichtlich ist, tragen ihr Übriges dazu bei. Natürlich bleibt Grund zu der Annahme das er sich „um der alten Zeiten willen“ seiner Unzulänglichkeiten bedient, um einem eigentlichen Schweigen vor dem Senat eine Basis zu verleihen. Dennoch sollte man hier nicht außer acht lassen, das unter Umständen auch Gremien des Staates hier schweigen. Solange diverse Akten von Berlin aus nicht freigegeben sind, wird die Verhandlung an sich schon „ad absurdum“ geführt.
    Lieber Herr Schmidt, ich möchte es auf diesem Wege nicht versäumen, mich bei Ihnen für die vielen guten und stetigen Berichte vom Prozeß zu bedanken. Ich war selbst bei einigen Verhandlungstagen anwesend, habe somit den Vergleich zwischen meinen eigenen Eindrücken und Ihrer Berichterstattung. Und stelle immer wieder fest, das ich mich auf letztere und deren Richtigkeit verlassen kann. Da die Presse nicht im großen Stil über den Prozeß berichtet, sind Sie mein wichtigster und glaubwürdigster „Informant“.
    Und ja, auch ich gestehe bei Verhandlungen in Stammheim mehrfach unerlaubt potenzielle Wurfgeschosse mit in den Gerichtsaal genommen habe. Es handelte sich stets um Hustenbonbons eines bekannten Schweizer Herstellers. Man möge es mir verzeihen.

  2. Sören Schneider
    schreibt am 24. Februar 2011 10:03 :

    Berichtigung:
    Es muss im meinem vorletzten Satz richtig „….potenzielle Wurfgeschosse mit in den Gerichtsaal genommen zu haben.“ heissen.
    Entschuldigung – lapsus calami

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