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Boock, Buback, Becker

04.02.2011, von

Verena Becker mit ihren Verteidigern

Verena Becker mit ihren Verteidigern

Das herzliche Wiedersehen fiel aus. Soweit für mich erkennbar, wechselten Verena Becker und Peter-Jürgen („mit Bindestrich!“) Boock heute in Stammheim kein Wort. Verena Becker wirkte entspannter als sonst, war mit blauer Bluse und grauem Pullover besser gekleidet, als sonst und trug diesmal eine andere, viel dezentere und fast modische Sonnenbrille. Nonverbale Signale an den Genossen von damals? Peter-Jürgen Boock schlurfte wie in der vergangenen Woche mit hängenden Schultern in den Saal und setzte sich an den Zeugentisch. Verena Becker blieb stehen, bis das Gericht kam. Eine weitere Geste gegenüber Boock oder den zahlreichen Zuschauern?

Zu den Kraftproben vor Gericht gehört es (besonders in Staatsschutzverfahren) gerne, dass die Angeklagten sich nicht oder nur unwillig erheben, wenn die Richter den Saal betreten. Clevere Angeklagte lösen diese Konfrontation, in dem sie nach dem Eintreten einfach stehen bleiben, bis das Gericht kommt. So ersparen sie sich das Aufstehen. Verena Becker tat heute genau das – obwohl sie bislang durchaus auch für den Senat aufgestanden war. Scheute sie es heute, weil Peter-Jürgen da war und es sich für eine aufrechte Ehemalige nicht gehört, sich vor den Richtern des „Schweinesystems“ (RAF-Jargon) zu erheben?

Peter-Jürgen Boock gab jedenfalls kein gutes Bild ab. Seine Aussage war teils schleppend, teils etwas flüssiger. Aber immer sehr leise und verhalten, im gleichen Duktus den man aus seinen Radio- oder Fernsehinterviews kennt. Er berichtete von seiner Jugend, häufigem Streit mit den Eltern, Ausbruchsversuchen und ersten Drogenkontakten in den Niederlanden. Im zarten Alter von 14 Jahren.
Doch die Polizei griff ihn damals auf, er kam in ein Heim. Dort beteiligte er sich an einer Revolte, kam ins nächste Heim, diesmal nach Mittelhessen. Eine schicksalhafte Entscheidung, denn just in dieses Heim reiste Anfang der 70er Jahre eine Gruppe Frankfurter Studenten, von denen einige die Heimerzeihung reformieren wollten. Die anderen in der Gruppe waren „die Brandstifter“: Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Sie plädierten radikal für die Auflösung des Heims – und in der Tat brach Boock wenig später aus und tauchte in Frankfurt bei Baader und Ensslin unter. Das habe er den beiden nicht vergessen und deswegen später an ihrer Befreiung gearbeitet: „Die haben mich befreit, mir geholfen – nun ist es an mir“, schilderte er seine damaligen Gedanken.

Boock blieb zunächst in Frankfurt und gehörte zusammen mit seiner späteren Frau, und drei weiteren Männern zur „Frankfurter Gruppe“, die in der Öffentlichkeit als „Tauras /Dorff-Gruppe“ bekannt wurde. „Die Medien haben uns so genannt“, sagte Boock verächtlich, dabei sei man nicht mehr als eine Splittergruppe der RAF gewesen.

1976 hätten dann übrig gebliebene Mitglieder der ersten Generation versucht, die Frankfurter und weitere Splittergruppen zusammenzuführen. Deswegen reisten sie insbesondere zwischen Frankfurt, Heidelberg und Karlsruhe hin und her, um die Kontakte zu knüpfen. Einmal sei es dabei auch zu einem Treffen in einem Wald bei Sprendlingen nahe Frankfurt gekommen. Unglücklicherweise suchte genau zu dieser Zeit die Polizei an dieser Stelle einen Exhibitionisten – und traf auf die konspirative Gesprächsrunde. Es kam zu einer Schießerei, bei der ein Polizist starb. Spätestens hier war Peter-Jürgen Boock in der Illegalität angekommen.

Tatsächlich vereinigten sich die Gruppen und traten dazu eine gemeinsame Reise ins Ausland an: Im Jemen veranstaltete die palästinensische PFLP ein Ausbildungscamp für die RAF, Boock sei dorthin mit Günter Sonnenberg aus der „Karlsruher Gruppe“ gereist. Nacheinander sei man im Jemen angekommen, denn aus konspirativen Gründen sei man immer nur zu zweit gereist und habe unterschiedliche Routen benutzt – Regeln, an die sich auch heute noch islamistische Terror-Reisende halten.

Neben der (para-)militärischen Ausbildung im Camp habe man über anstehende Aktionen und ihre Realisierbarkeit gesprochen, berichtete Boock. Und als die drei Hauptziele seien die Ermordung von Siegfried Buback, die Befreiung der Stammheimer Gefangenen und eine große Geldbeschaffungsaktion vereinbart worden, so Boock. Doch Details habe man dort noch nicht vereinbart. Neu war das ebenso wenig, wie Boocks Beschreibung einer Haftmine, mit der das Auto von Siegfried Buback gesprengt werden sollte: Auch mit starken Magneten gelang es ihm damals nicht, einen „Kochtopf“ so auf einem Autodach zu befestigen, dass er nicht bei starkem Bremsen oder Beschleunigen herunterfiel. Doch genau an dieser Geschichte konnte man gut ablesen, wie es um die Erinnerung von Herrn Boock bestellt ist: „Bei Hannover“ habe er diese Versuche unternommen, sagte er auf Frage des Vorsitzenden. Konkreter wurde es nicht. Nicht einmal an seine damalige Wohnung konnte er sich erinnern „in einem großen Gebäude, einer Passage“ sei sie gewesen, ob sie den Decknamen „Klotz“ hatte, erinnerte er nicht.

Der Vorsitzende Richter Wieland war darüber wenig begeistert. „Sie werden immer verhaltender“, beklagte er sich bei Boock. „Ist das gesundheitsbedingt?“ „Auch!“ antwortete Boock – der Vorsitzende verzichtete aber auf die Nachfrage, warum denn noch.

So blieb unter dem Strich eigentlich für den ersten Boock-Tag nur eine relevante Erkenntnis – und selbst die war nicht neu: „Frau Becker hat alles unterstützt, was die Stammheimer wollten“, erklärte Boock. Und dazu habe an erster Stelle die Ermordung Bubacks gehört. Doch Einzelheiten seien nicht besprochen worden – für Juristen ein zentraler Satz, wenn es um die strafrechtliche Einordnung einer solchen „Verabredung“ geht.

Gegen 14:30 wurde Boock immer unkonzentrierter. Ihm fielen Namen nicht ein, er konnte sich an gerade gesagte Sätze nur mit Mühe erinnern. Ob er eine Pause brauche, fragte der Vorsitzende (die Mittagspause war gerade eine knappe Stunde vorbei). Ja, sagte Boock und sein Rechtsanwalt ergänzte, es sei insgesamt die Frage, wie lange man denn noch zu verhandeln gedenke. Denn immerhin nehme sein Mandant starke Medikamente. Der Rechtsanwalt präsentierte eine Liste, auf der unter anderem ein starkes Schmerzmittel und das Psychopharmakon „Seroquel“ standen.

Daraufhin begann eine kurze Diskussion über die weitere Verhandlungsfähigkeit von Peter-Jürgen Boock. Zwar betonte der Vorsitzende mehrfach, er wünsche eine solche Diskussion nicht und werde selbst entscheiden, ob es weitergehen könne. Trotzdem gelang es Rechtsanwalt Dr. Endres, seine Meinung dazu zum Besten zu geben („nicht verhandlungsfähig“) und der Vorsitzende bat dann doch um die Meinung der Bundesanwaltschaft („schließe mich Herrn Endres an“). Sodann wollt er entscheiden. Doch Rechtsanwalt Walter Venedey erbat ebenfalls die Gelegenheit zur Stellungnahme und rief dabei zuckersüß in Erinnerung: „Wir gehören ja auch noch zu diesem Verfahren!“.

Im Ergebnis wurde Peter-Jürgen Boock für diesen Tag entlassen, seine Vernehmung dürfte nun wohl länger als die eingeplanten drei Tage dauern.

Zum Ende des Tages machte der Vorsitzende dann noch eine (erwartbare) Mitteilung: Er ist dabei, rechtliches Neuland zu betreten. Dazu hier mehr.

Korrektur: In der ursprünglichen Version des Eintrags hatte ich irrtümlich geschrieben, in Sprendlingen sei ein Terrorist erschossen worden. Es war jedoch ein Polizist. Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen.

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Kommentare zu „Boock, Buback, Becker“

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Christian Rath
    schreibt am 5. Februar 2011 05:02 :

    Kleine Korrektur: In Sprendlingen wurde ein Polizist erschossen, kein Terrorist (die Kugel stammte von seinem eigenen Kollegen, aus Versehen)
    Ansonsten Danke für die vielen Berichte!
    Antwort: Natürlich!! Es war ein Polizist. Ich habe es geändert und werde alsbald mit meinem Therapeuten nach den Gründen für diese Verwechslung forschen…

  2. W.
    schreibt am 7. Februar 2011 19:44 :

    Das Foto ist „mangel“-haft, es fehlt Bundesanwalt Hemberger.

    Antwort: Das mag daran liegen, dass die Bundesanwaltschaft auch in diesem Verfahren auf der der Angeklagten gegenüberliegenden Seite der Richterbank sitzt. Auch wenn die Tische aus Sicht der Nebenklage möglicherweise anders gestellt gehören.

  3. Wolf Hafner
    schreibt am 16. Februar 2011 16:26 :

    Mich würde brennend interessieren, wie der Sitzungstag vergangenen Freitag war. Erstaunlicherweise wurde weder in der Tagespresse noch hier über die Sitzungstage Donnerstag und Freitag letzte Woche berichtet.
    Antwort: Ich werde morgen über die Aussage von Herrn Boock berichten. Dann hat (mindestens) die Bundesanwaltschaft ihre Fragen gestellt – vielleicht ist die Aussage dann auch schon abgeschlossen.

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