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Schlafwagen, Schießerei und Schussspuren

14.01.2011, von

Eine Vollsperrung der Autobahn führte dazu, dass ich gestern ca. 30 Minuten zu spät zum Buback-Prozess kam. Doch die Blicke der (wenigen) Kollegen im Zuschauerraum signalisierten mir beim Reinkommen sofort: Ich habe nichts verpasst. Dieses nichts war zunächst ganz wörtlich zu nehmen: Als ich den Saal betrat, herrschte Schweigen. Der Zeuge blätterte gefühlte Minuten in Unterlagen, die Richter betrachteten die Decke oder ihre Stifte, Rechtsanwalt Euler las im Buch „Die Rote Armee Fraktion“ des Stuttgarter Generalstaatsanwalts Klaus Pflieger (der früher bei der Bundesanwaltschaft war). Was war passiert? „Das geht schon die ganze Zeit so“, flüsterte mir eine Kollegin zu. Tatsächlich: Zeuge Fu. war eine Geduldsprobe für alle Beteiligten – und es sollte nicht die Einzige des Tages bleiben.

1977 ermittelte der Zeuge, wie Sonnenberg und Becker nach Singen gekommen waren: Er befragte Schaffner und andere Bahn-Beamte (!) nach ihren Erinnerungen und rekonstruierte, dass wohl weitere Personen mit den beiden RAFlern im Zug waren. Doch waren es insgesamt drei, fünf oder sogar noch mehr Personen? Die Zeugen erinnerten sich unterschiedlich. Sicher schien nur, dass der Bruder von Knut Folkerts auf der Strecke Essen – Bonn ebenfalls im Zug war. Eine Tatsache, die Michael Buback (der bereits am Dienstag zeitweise wieder am Prozess teilgenommen hatte) nicht zufriedenstellte. Wie viele Personen seien denn nun mit Sonnenberg / Becker im Zug gewesen, wollte er nochmals wissen. Doch die Ermittlungen konnten es damals nicht klären. Leider hatte der Zeuge auch das nicht mehr präsent – und auch anhand der Akten wurde die Befragung eine zähe Angelegenheit.

Unter dem Strich kam nur heraus: Becker / Sonnenberg waren im Zug. Und der Schaffner erinnerte sich deutlich daran, dass das Schlafwagenabteil von Sonnenberg und Becker höchst einschlägig benutzt worden war – und daran erinnerte sich dann auch mühsam der Polizeibeamte Fu.: Der Schaffner habe abends bei einer Kontrolle die weibliche Reisende „in Unterwäsche“ vorgefunden. Nach Ankunft des Zuges sei dem Schaffner dann aufgefallen, dass das Abteil „auch benutzt“ worden war. „Er hat nämlich was festgestellt?“, fragte der Vorsitzende leicht genervt nach. „Die Bettlaken zeigten Zeichen von Sexualverkehr“, erklärte der BKA-Beamte hölzern. Verena Becker nötigte das keine erkennbare Reaktion ab.

Sodann kam der Zeuge Fa., ein pensionierter Polizeioberkommissar der Polizeidirektion Konstanz. Er war am Tag der Festnahme in Singen, um vor dem Amtsgericht als Zeuge in einer Verkehrssache auszusagen. Als er vom Gericht wieder nach Konstanz fahren wollte, begegnete ihm der angeschossene Polizeibeamte Jacobs auf dem Weg ins Krankenhaus, rief ihm „Buback-Mörder!“ und „Terroristen!“ zu und nannte den Tatort der ersten Schießerei. Fa. und sein Kollege fuhren dorthin und gerieten so in die Verfolgung von Verena Becker und Günter Sonnenberg. „Wie konnte er da schon wissen, dass es die Buback-Mörder waren?“, wollte Michael Buback von dem Beamten wissen. In der Tat wäre es erstaunlich, wenn der Beamte Jacobs schon im Mai 1977 das Ergebnis der derzeitigen Hauptverhandlung im Jahr 2010 / 2011 gekannt hätte. Aber was Michael Buback wohl meinte war, wieso Jacobs schon nach den ersten Schüssen in Singen ahnte, wer da entdeckt worden war. Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Weil er annahm, dass die Schüsse auf ihn und seinen Kollegen Seeliger wohl nur von den Menschen kommen konnten, die vier Wochen zuvor Siegfried Buback und seine Begleiter ermordeten. Aber das ist meine Spekulation.

Polizist Fa. fuhr jedenfalls hinter den flüchtenden Terroristen her und kam schließlich auch an der Wiese an, auf der die finale Schießerei stattfand. Allerdings hatte Fa. nicht seine reguläre Dienstwaffe mit Holster und Ersatzmagazin dabei, sondern nur die Waffe in einem „privaten“ Holster ohne Ersatzmagazin. Da er vor Gericht erscheinen sollte, und es bis heute üblich ist, dass Polizeibeamte vor Gericht ohne Waffe erscheinen (auch in Stammheim tragen die im Gebäude eingesetzten Polizisten keine Waffe – eine seltene Ausnahme waren die Al-Qaida-Prozesse am OLG Koblenz), hatte er seine reguläre Ausrüstung nicht dabei. Warum er dann „privat“ seine Waffe in einem eigenen Holster trug, fragte niemand. Jedenfalls ging ihm schnell die Munition aus. Doch Fa. entdeckte auf dem Fahrersitz des Fluchtfahrzeugs die Tatwaffe des Buback-Mordes, ein Selbstladegewehr vom Typ HK 43 (wobei es sich nicht um eine Maschinenpistole handelt, wie man später am Tag noch hören durfte – ein Fehler, den ich bereits mehrfach gemacht habe und bei dem ich Besserung gelobe). Fa. zögerte nicht, schnappte sich das Gewehr: „ich versuchte, sie mit einem gezielten Schuss ins Bein kampfunfähig zu machen“, erklärte Fa. Er traf mit einem Schuss (der wohl einzige Schuss, der an diesem Tag mit der Waffe abgegeben wurde).

„Offensichtlich haben sie gut getroffen“, sagte der Beisitzende Richter Claus-Friedrich Wilke mit einer schwer definierbaren Mischung aus Anerkennung und Abscheu in der Stimme.

Nach Ende seiner Aussage sollte der Zeuge entlassen werden. Doch Bundesanwalt Walter Hemberger ergriff das Wort: Ob Verena Becker nicht etwas zu dem Beamten sagen wolle, auf den sie damals geschossen habe? Becker erstarrte – und ihr Rechtsanwalt Walter Venedey schaltete sich ein: Die Bundesanwaltschaft habe seine Mandantin in eine „strafprozessuale Situation“ gebracht, in der er ihr nicht raten könne, irgendetwas zu sagen, zudem habe man ja schon zu Beginn des Verfahrens deutlich gemacht, dass man sich zunächst nicht einlassen wolle. Der Bundesanwalt konterte: Für die Schießerei in Singen sei Frau Becker ja rechtskräftig verurteilt und habe ihre Strafe verbüßt. Insofern könne sie dazu jederzeit etwas sagen, ohne damit Probleme bekommen zu können. Daraufhin warf Venedey dem Bundesanwalt in seiner liebevoll-gedrechselten Sprache vor, dies sei „ ja nun etwas fensterrednerisch“. Frau Becker werde nichts dazu sagen. Und ihr zweiter Verteidiger, Rechtsanwalt Euler präzisierte: „Frau Becker hält das so lange durch, wie sie will!“.

Aber will sie es wirklich durchhalten? Oder folgt sie dem Rat ihrer Anwälte? Mir fiel auf, wie Verena Becker während dieses Disputs bebte: Man konnte ihre beschleunigte Atmung deutlich sehen. War das Erregung, Aufgewühltsein oder Zorn auf Hembergers Vorstoß? Oder bremste sie sich? Schwer zu sagen. Aber regungslos ließ sie dieser Moment keinesfalls.

Was dann passierte, sprengte den weiteren Verhandlungstag: Es erschien der Zeuge Dr. H., ein früherer Mitarbeiter der BKA-Kriminaltechnik und Doktor der Physik. Er hatte schon am 5. Verhandlungstag ein Gutachten zu den Schussspuren des Anschlags erstattet. Diesmal war sein Thema die Schussspuren an der Kleidung von Siegfried Buback. Doch zunächst gab es erhebliche technische Probleme: Dr. H. hatte seinen eigenen Computer dabei und wollte sein Gutachten anhand einer ausführlich gestalteten Multimedia-Präsentation erstatten. Doch der Computer und der OLG-eigene Video-Beamer verstanden sich zunächst nicht. Dann stürzte der Computer des Gutachters ab und brauchte eine gefühlte Viertelstunde, um erneut zu booten. Doch auch das brachte nichts. Der Gutachter, der Erste Justizwachtmeister Andreas T. (den man mit Recht den MacGyver von Stammheim nennen kann) und bald auch Michael Buback versuchten, den Computer in Gang zu bringen.

Schließlich bot Michael Buback seinen eigenen Computer an und holte einen OLG-Rechner, so dass schließlich drei Laptops auf dem Zeugentisch standen, umringt von einem Chemieprofessor, einem Doktor der Physik, zwei Wachtmeistern und zwischenzeitlich auch einem OLG-Richter. Und diese geballte Kompetenz half. Der Beamer zeigte das gewünschte Bild (und erlaubte zuvor den tiefsinnigen Einblick, dass der OLG-Rechner als Bildschirmhintergrund eine Wüste hat. Ist das Selbstironie – in Anbetracht der sonstigen Ausstattung in Stammheim?).

Der technische Erfolg war so nachhaltig, dass die Konstruktion selbst dann noch funktionierte, als Michel Buback beim Einpacken seiner Geräte über das Kabel stolperte und das Bild kurzzeitig wieder verschwand. Das Gutachten konnte beginnen.

Mehr als ausführlich berichtete Dr. H. über die gefundenen Schussspuren auf der Kleidung von Siegfried Buback. Zunächst erklärte er dazu Einzelheiten zum Selbstladegewehr (!) HK 43 und zur verwendeten Munition vom Typ .223 Remington („Vietnam-Munition“), eine ganz besonders hässliche Munition, die durch die extrem hohe Fluggeschwindigkeit besonders schwere Verletzungen hervorruft.

Dabei war der Zeuge gegenüber allen Beschleunigungsversuchen der Nebenklage und selbst gegenüber Anzeichen der Ungeduld auf der Richterbank völlig resistent. Im Ergebnis berichtete er von 16 direkten Einschüssen bei Siegfried Buback, sowie zahlreichen weiteren Treffern. Die Positionen sowie die teilweise sehr geringe Schussentfernung (bis hinunter zum fast aufgesetzten Schuss) sprechen aus Sicht des Gutachters dafür, dass die Waffe in das Fahrzeug gehalten wurde und Siegfried Buback eine Abwehrbewegung gemacht, vielleicht sogar versucht hat, nach dem Lauf der Waffe zu greifen. Der Gutachter brachte es schmerzfrei auf den Punkt: Wenn man sich die Beschädigung der Kleidung ansieht „dann passt das wunderbar zusammen“.

Michael Buback bemerkte abschließend, für ihn sei das Gutachten „sehr schmerzlich, aber vorzüglich in Qualität und Klarheit“ gewesen. Im Gegensatz zu Bundesanwalt und Verteidigung sieht er in den Erkenntnissen des Gutachtens wohl auch die Möglichkeit, eine Bestätigung für die „Umrundungs-Theorie“ der Zeugin W. zu erhalten. Zähe Nachfragen entlockten dem Gutachter aber, dass er dazu keine verlässlichen Angaben machen kann. Weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Nach dem Gutachten blieb keine Zeit für zwei weitere Zeugen. Sie wurden umgeladen. Zuvor debattierte die Verteidigung mit dem Gericht, wie lange Verena Becker die tägliche Verhandlung zugemutet werden kann und wer ggf. die Ausfallkosten für einen gebuchten Flug trägt.

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Kommentare zu „Schlafwagen, Schießerei und Schussspuren“

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Joe
    schreibt am 15. Januar 2011 09:18 :

    Anwalt Hemberger bestreitet „indirekt“, dass Becker die Todesschuetzin war, obwohl er angeblich nicht weiss, wer geschossen hat! Ha, ha! Wen MUSS er schuetzen? Mitglieder der damaligen Schmidt-Regierung? Schmidt selbst, Vogel, Richard Meier (BfV)?
    Hoffentlich gibt Buback jr. nicht auf!

  2. Rally
    schreibt am 15. Januar 2011 22:25 :

    Verfolge die überaus interessanten und spannenden Berichte aufmerksam. Habe Verständnis für die Beweggründe des Herrn Buback, nur sollte es seine dringende Pflicht sein, regelmäßig und pünktlich den Sitzungen beizuwohnen. In erster Linie geht es ihm doch um die genauen Umstände bzgl.der Ermordung seines Vaters. So hingegen gewinnt man den Eindruck, daß durch Prozeß, Medien, Buch, der steigende Bekanntheitsgrad ein nicht unerwünschter Nebeneffekt sein könnte..Nebenbei: Frau Becker erneut bestrafen und einsperren? Glaube,sie hat bereits das ganze Programm von Strafe und Gefängnis absolviert.. Die Offenlegung der ‚geheimen Akten’hingegen ist nicht nachvollziehbar und dubios…

  3. Rally
    schreibt am 17. Januar 2011 13:49 :

    Eine weitere Frage bzgl. der Geheimdienst-Akten: Meines Wissens gibt es eine gesetzlich geregelte Frist (30 Jahre?) für den Verschluß von Geheimdienst-Unterlagen/-Dokumenten. Diese gilt nur dann nicht, ‚wenn durch die Veröffentlichung die Innere Sicherheit gefährdet wäre‘. Oder kann man sich auf laufende Verfahren bzw.Ermittlungen berufen?

    Antwort: Solche Archiv-Fristen und entsprechende Schutzklauseln gibt es tatsächlich. Allerdings gelten sie zunächst einmal für Journalisten, Historiker, etc und auch Ausnahmen davon sind möglich. So habe ich beispielsweise 2009 Zugang zu Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (den Untergang der DDR betreffend) bekommen, obwohl die Schutzfristen noch nicht um waren. Und die Zugriffsmöglichkeit eines Strafgerichts sind noch weit besser. Doch in diesem Fall macht das Bundesinnenminsiterium ja gerade solche Nachteile für die Bundesrepublik geltend. Und will damit auch das OLG ausbremsen…

  4. Wau
    schreibt am 17. Januar 2011 18:40 :

    Wie heisst es so schön? „Die Sonne bringt es an den Tag“. Auch Hemberger wird eines Tages als Blamierter in die Justizgeschichte eingehen. Und alle anderen Vertuscher gleichermassen.

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