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Polizeichaos in Singen?!

12.01.2011, von

Ergänzend zur Diskussion um die bislang gesperrte Verfassungsschutzakte ist noch der sonstige gestrige Verhandlungstag im Buback-Prozess gegen Verena Becker nachzutragen. Als Zeugen waren drei ehemalige Polizisten geladen, zwei davon BKA-Beamte und ein Beamter der Landespolizeidirektion Karlsruhe. Dabei war der Tag immer wieder für Überraschungen gut:

 

So erklärte der BKA-Beamte Sch., seine Aufgabe sei die Asservierung (Erfassung und amtliche Aufbewahrung) von Gegenständen am Festnahmeort von Verena Becker und Günter Sonnenberg in Singen gewesen. Er sei jedoch erst am Nachmittag am Tatort angekommen und habe die betreffenden Gegenstände nicht mehr am Tatort selbst, sondern in der Kriminalaussenstelle vorgefunden. Sch. begann seine Aussage ganz biblisch: „Es war ein Tohuwabohu“ dort  – und er sei bei seinem Versuch der Systematisierung stets darauf angewiesen worden, dass die ihm gegenüber gemachten Angaben der Singener Polizeikollegen zutreffend gewesen seien. Kernfrage in Bezug auf Sonnenberg und Becker: Wem ist welches Fundstück zuzuordnen? Bei der Tatwaffe im Fall Buback – und möglicherweise bei weiteren Fundstücken, wie einem Suzuki-Schraubenzieher – sind das durchaus wesentliche Fragen.

Eigentlich habe das BKA ein nahezu „idiotensicheres“ Asservierungssystem für solche Fälle gehabt, erklärte Sch. Doch Probleme seien immer entstanden, wenn das BKA nicht auch die komplette Tatortarbeit gemacht habe. Kein Satz für empfindliche Polizistenohren. Fragt man in Singen, wie der Festnahmetag 1977 abgelaufen ist, kommen mit Blick auf die BKA-Beamten noch heute schnell Vokabeln wie „Bevormundung“ und „Besserwisserei“ – es ist allerdings auch zu hören, dass der Inhalt eines Rucksacks erst mal auf einem Tisch ausgeleert wurde, bevor man mit der Erfassung begann. Das „Tohuwabohu“ könnte also durchaus der treffende Begriff gewesen sein.  

Der Beamte Sch., der bei seiner Aussage einen exzellent vorbereiteten Eindruck machte und mit seltener Klarheit berichtete (dafür vom Vorsitzenden auch ausdrücklich gelobt wurde), erzählte auch, wie verwundert ein junger Singener Polizist ihm über das Verhalten der örtlichen Kollegen gewesen sei: Dass er gesehen habe, dass ein erfahrener Beamter einfach aus der Kleidung des angeschossenen Sonnenberg einen Ausweis „zu Fahndungszwecken“ genommen habe, ohne dies sorgfältig zu protokollieren, habe dem jungen Polizisten „in seinem Polizeischulwissen den Glauben geraubt“.

Eine zentrale Rolle könnte hier noch dem Polizisten F. zukommen, der während der Festnahme in Singen selbst mit der Tatwaffe  geschossen hat – er wird am morgigen Donnerstag aussagen.

Der BKA-Beamte R. berichtete von seinen Ermittlungen in der Schweiz, weil sich schon bei der Festnahme herausgestellt hatte, dass Becker und Sonnenberg möglicherweise dorthin wollten. So wurde ein Gepäckschein (Nummer 066) gefunden, der zu einem Koffer im Züricher Hauptbahnhof führte. Ausserdem konnten schweizerische Hotel-Meldezettel mit Verena Beckers Handschrift (wenn auch unter dem Namen Telse Pohlmann) sichergestellt werden.

Der Beamte R. sorgte für Überraschung, als er am Ende seiner Vernehmung den Wunsch äußerte, noch Worte an Nebenkläger Michael Buback richten zu dürfen. Der Vorsitzende wollte das in öffentlicher Verhandlung zunächst nicht zulassen und unterbrach die Sitzung für 10 Minuten. R. ging daraufhin auf Buback zu, stellte sich vor und die beiden begannen ein Gespräch. Dabei versuchte Michael Buback sichtlich, sich mit R. zusammen von der Bank der Bundesanwaltschaft wegzubewegen, auf der die drei Anklagevertreter in Hörweite saßen.

Kurz vor Ablauf der Pause wurde dem Zeugen bedeutet, er solle noch im Raum bleiben. Der Senat kam wieder in den Saal und der Vorsitzende Richter Hermann Wieland erklärte, man wolle jetzt doch wissen, was R. Herrn Buback zu sagen gehabt hätte, sofern es sich um relevante Fakten gehandelt habe.

R. sagte daraufhin: „Ich habe Herrn Buback nur gesagt, dass wir seinen Herrn Vater hoch geschätzt haben, weil er immer ein offenes Ohr für uns hatte“. Dessen Hinrichtung haben ihn sehr bewegt und er versichere, er und seine Kollegen hätten wirklich alles getan, „um die Sache aufzuklären“.

Vorsitzender und Bundesanwaltschaft waren zufrieden. Michael Buback wollte vom Zeugen allerdings noch einmal hören, was er zuvor über die bisherigen Urteile im Fall Buback gesagt habe. Das war allerdings keine zulässige Frage, belehrte ihn Hermann Wieland. „Denn er hat ja an den Urteilen nicht mitgewirkt“.

Schließlich kam noch ein weiterer Beamte  Sch., der allerdings zur Landespolizeidirektion Karlsruhe gehörte. Er bezeichnete sich als „Zielfahnder Sonnenberg“ und es kostete alle Beteiligten einige Fragen und Mühe, den „Zielfahnder“ in heutigem Polizeideutsch zu einem „Personenbearbeiter“ umzubenennen. Dabei fiel besonders Dr. Endres durch sein (ungewohntes) Lob für die Arbeit von Polizeibeamten auf (sofern es sich bei ihnen um Zielfahnder handelt). Denn nahe kam Sch. seinem Ziel Sonnenberg wohl erst, nachdem dieser schwerstverletzt im Krankenhaus lag. Dafür überraschte er alle Anwesenden mit dem Bekenntnis, er sei „kurz nach der Tat“ am Tatort gewesen. Rein zufällig und habe sich „umgesehen, ohne sich zu erkennen zu geben“. Warum genau konnte der hoch betagte Beamte nicht wirklich erklären. Er sei eben gerade in Karlsruhe gewesen, „irgendwas gab es immer zu ermitteln“. Sachdienliches beitragen konnte er aber nicht – und auch ein Hubschrauber fiel ihm nicht auf. 

Morgen kommt nochmals ein Zeuge vom Tatort.

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