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Sowas kann man nur im Zirkus machen

11.11.2010, von

Der Nachmittag des heutigen 8. Verhandlungstages im Buback-Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart dürfte ein Wendepunkt des Verfahrens gewesen sein. Das sahen heute fast alle Beteiligten und die meisten Zuschauer so. Gabriele W., eine entscheidende Zeugin für Michael Bubacks These, es sei vieles faul an den Tatermittlungen, gab als Zeugin ein verheerendes Bild ab. So verheerend, dass am Ende selbst die Richter die Augen verdrehten und um Fassung bemüht waren. Das heisst aber nicht, dass gestern Zweifel an Verena Beckers Mittäterschaft aufgekommen wären. Brauchbare Hinweise, eine Frau könnte die Schützin gewesen sein, konnte die Zeugen aber nicht bringen. Walter Venedey sprach deshalb von seiner Erleichterung, es beginne nun die „Dämmerung der Verschwörungstheorien“ des „Professor Bubacks“. Nur die Nebenklage sah das völlig anders – soweit sie anwesend war.

Denn einer fehlte – und bewies dadurch erneut, dass er als Profi einen guten Spürsinn für das richtige Timing hat: Rechtsanwalt Dr. Ulrich Endres (Frankfurt), der Michael Buback vertritt und mit dem Mandat eine Art Gleitzeit vereinbart zu haben scheint (er kam bislang öfter mal später und ging auch schon mal früher) war ausgerechnet bei dieser wichtigen Zeugin nicht mehr anwesend. Am Morgen hatte er noch effektvoll einen Beweisantrag in der Verhandlung geschrieben und sodann vorgetragen. Und auch an dem Tag, als Bundesanwalt Walter Hemberger Michael Buback scharf für seine Informationspolitik rund um das „verschwundene“ Motorrad rüffelte (obwohl es doch eigentlich Dr. Endres war, der lautstark von „Skandal“ gesprochen hatte). Wie dem auch sei, Dr. Endres verpasste eine durchaus bemerkenswerte Zeugenaussage.

Gabriele W. gehört zu denjenigen Menschen, die am 07. April 1977 in Karlsruhe bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) beschäftigt waren und vor deren Bürofenster sich der Mordanschlag abspielte. Insofern könnte sie eine unter vielen Zeugen sein, die sich mal besser und mal schlechter an die Geschehnisse erinnern. Bemerkenswert wäre sie als Zeugin, wenn sie über die Schilderung der anderen Zeugen hinaus Angaben machen könnte. Und eine Sensation wäre es, wenn diese Angaben ein wirklich neues Licht auf den Fall werfen würden. Dies sei der Fall, versicherte Michael Buback in den vergangenen Wochen immer wieder. Aber vor allem: Sie habe ihre Erkenntnisse noch nie vor Gericht mitteilen dürfen.

Heute durfte sie und entsprach zunächst den an sie gesetzten Erwartungen: Sie habe am 07. April in ihrem Büro gesessen und mit einem Kollegen Fälle besprochen. Dann habe sie Geräusche gehört, aus dem Fenster gesehen und das Fahrzeug von Siegfried Buback mitten auf der Kreuzung gesehen. Ein Motorrad sei auch da gewesen, vom Soziussitz habe jemand in das Fahrzeug geschossen. Dann sei das Motorrad 2-3 Mal aus dem Blickfeld gefahren, habe offenbar gewendet, sei zurückgekommen und erneut seien Schüsse gefallen. Artistisch sei der Sozius gewesen, habe trotz extremer Schräglage immer wieder geschossen, so etwas könne man eigentlich nur im Zirkus machen. Der Fahrer des Motorrades sei sehr groß gewesen, der Sozius einen Kopf kleiner – die Person hinten habe ausgesehen wie eine Frau. Das Gesicht habe sie aber nicht erkennen können. Beide Personen hätten grüne Helme aufgehabt. Gleich nach der Tat habe sie auf Anregung ihres Abteilungsleiters wesentliche Punkte ihrer Erinnerung aufgeschrieben und diese dem Beamten des BKA übergeben, der sie gegen halb zwölf vernommen habe.

Soweit der Kern der Aussage. In der weiteren Darstellung erlaube ich mir, von der Chronologie des Verhandlungstages abzuweichen und zur besseren Verständlichkeit anhand von Themenkomplexen weiter zu berichten.
Das erste Problem dieser Aussage liegt nämlich darin, dass Frau W. laut Gerichtsakten tatsächlich am 07. April 1977 von der Polizei befragt wurde. Wenn auch nicht vom BKA, das laut Einsatzprotokoll gegen 13:00 Uhr (und damit nach dem von Frau W. erinnerten Zeitpunkt) in Karlsruhe eintraf. Ein vermeidbarer Irrtum? Nicht bei Frau W.! Sie erinnerte heute deutlich, der Beamte habe seinen Namen (den sie vergessen habe) und danach „BKA!“ gesagt. Oder „vielleicht auch umgekehrt“ – also BKA, Herr XY! Noch viel größer sind aber die inhaltlichen Diskrepanzen zu der vorliegenden Aussage gegenüber dem Karlsruher Polizisten P.

Ihm gegenüber sprach sie nämlich von einer Kaffeepause, die sie zum Zeitpunkt der Tat gemacht hätte (was sie heute vehement bestritt). Sie berichtete zutreffend von einem gelben Opel am Tatort (den sie heute kategorisch ausschloss), sagte damals, sie habe nicht erkennen können, ob Fahrer oder Sozius geschossen habe (heute: „Schwachsinn!“) und erkannte damals bei den Personen auf dem Motorrad „etwas weißes, eine Art Skikleidung“ sowie beim Beifahrer „etwas Buntes mit Streifen“. Auch davon wollte sie heute nichts mehr wissen („Nein! Ich habe grüne Helme gesehen!“).

Anders gesagt: Ihre heutige Aussage hat nichts mit dem gemein, was sie 1977 der Polizei sagte – solange man glaubt, dass das Polizeiprotokoll echt ist. Frau W. schien es nicht zu glauben. „Habe ich es unterschrieben?“, fragte sie den Vorsitzenden schnippisch. „Nein“, erklärte Hermann Wieland. „Dann kann es ja der Pförtner geschrieben haben!“, blaffte Frau W. zurück – und hätte an einem gewissen anderen Oberlandesgericht dafür vermutlich eine Ordnungsstrafe wegen Unbotmäßigkeit kassiert.

Da half es auch nichts, dass der vernehmende Beamte heute ebenfalls als Zeuge aussagte und berichtete, wie chaotisch der Tattag gewesen sei. Er habe ohne Schreibkraft allein und handschriftlich die Vernehmungen gemacht, später dann die Vermerke geschrieben. Denn es sei in erster Linie um schnelle Erkenntnisse für die Fahndung gegangen. Gibt es also Raum für Fehler des Polizisten? Hat er Frau Ws Aussage grob verfälscht? Unwahrscheinlich. Denn die alte Aussage deckt sich – im Gegensatz zur aktuellen Wahrnehmung – in vielen Punkten mit den Aussagen von anderen VBL-Kollegen. Doch auch das passte Frau W. nicht. Sie „allein“ habe den Mordanschlag „richtig“ gesehen. Und wer im Saal verstehen wollte, verstand so langsam.

Offenbar hat es Frau W. 30 Jahre lang nicht verwunden, dass sie nicht als Zeugin im Mordfall Buback gehört wurde. Sie, die sich offenbar allen überlegen fühlte und die etablierte Sachbearbeiterin in einem Bereich der VBL war, die nur einen „jungen“, aber vor allem  nur „kommissarischen“ Leiter hatte. „Mein kommissarisch eingesetzter Referent“ sagte sie an einer Stelle abwertend über den zwei Jahre jüngeren Albrecht F., der eigentlich ihr ehemaliger Vorgesetzter war. Und der in zwei Stammheim-Prozessen wegen des Buback-Mordes aussagen musste (aus der Sicht von Frau W. vermutlich „durfte“). Im Gegensatz zu ihr. Vielleicht spricht sie ihm deshalb heute kategorisch ab, dass auch er im Raum gewesen und die Täter gesehen haben will? Mögliche Motive also: Eifersucht, Geltungssucht, Zurückweisung. Oder ein Trauma.

Denn auch das wurde deutlich – weil es die Zeugin ganz offenherzig sagte: Sie träumt bis heute oft von dem, was sie am 07. April 1977 gesehen hat. Aber sie ist sicher: Zwischen Traum und Realität kann sie gut unterscheiden. Sowohl Bundesanwalt Hemberger, als auch Verteidiger Euler fragten nachdrücklich, ob sie da auch ganz sicher sei. 

Mehrere Ungereimtheiten wären noch zu ergänzen – aber ich denke, das Strickmuster wird klar. Richtig Krach gab es am Ende, weil die Verfahrensbeteiligten Frau W. an einem Punkt der offenkundigen Lüge überführten: Sie beharrte in ihrer Erinnerung auf einen Grünstreifen an der Tatkreuzung, den es so nicht gibt und nie gab. Später in der Vernehmung räumte sie dann aber ein, das Fehlen dieses Grünstreifens sei ihr seit einigen Tagen auch aufgefallen – sie hatte also vorher wissentlich gelogen.

Bundesanwaltschaft und Verteidigung erklärten (nicht nur) deshalb nach der Vernehmung, sie hielten die Zeugin für unglaubwürdig. Walter Venedey sprach in diesem Zusammenhang von der schon zitierten „Dämmerung der Verschwörungstheorie“ und machte Michael Buback persönlich für die Bredouille verantwortlich, in die sich Frau W. gebracht hatte. Doch am Nebenkläger perlte das ab. In einer Pause dankte er Frau W. und meinte, sie sei „großartig“ gewesen – oder habe ich mich da verhört?

Sowas kann man nur im Zirkus machen.

Wird dieser Satz das weitere Verfahren prägen?

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Kommentare zu „Sowas kann man nur im Zirkus machen“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Joseph
    schreibt am 12. November 2010 10:47 :

    Es ist schon erstaunlich, wie sich die mainstream-Meute des deutschen Journalismus indirekt oder direkt hinter Frau Becker stellt. Statt die belastenden Indizien den Lesern immer wieder ins Gedächtnis zu rufen werden Aussagen von Zeugen, die sich nach 33 Jahren nur noch lückenhaft erinnern, werden lächerlich gemacht. Wobei das „Lächerlichmachen“ ganz offensichtlich auf Michael Buback zielt. Denn „es kann ja nicht angehen(Neudeutsch)“, dass ein Chemiker sich als besserer Rechercheur erweist als alle hauptberuflichen Reporter Deutschlands.
    Nach allem, was bislang aus dem Gerichtssaal berichtet wurde, gewinnt man den Eindruck, die Angeklagte wird von Bundesanwaltschaft und ihren eigenen Verteidigern geschützt. Wozu hat sie eigentlich zwei Verteidiger? Hat man vielleicht befürchtet, Buback jr. käme doch noch mit überraschenden Beweisen gegen Frau Becker.

  2. Susanne
    schreibt am 16. November 2010 10:45 :

    hFrau Becker hat zwei Verteidiger, weil das die Strafprozessordnung so vorsieht für den Fall, dass sich ein Prozess über einen längeren Zeitraum erstreckt. Damit soll dem Risiko begegnet werden, dass ein Verteidiger für längere Zeit ausfällt und der Prozess dann ganz von vorne beginnen müsste und das möchte sicherlich niemand!

    Zudem habe ich eher den Eindruck, die „mainstream-Meute“ ist daran interessiert, dass endlich einmal ein Prozess in diesem Zusammenhang durchgeführt wird, für den die Strafprozessordnung aus Sicht des Gerichts nicht nur lästiges Beiwerk ist, sondern Ausprägung des in Art. 20 GG normierten Rechtsstaatsprinzips und des international anerkannten und geschützten Grundsatzes des Fair Trial.

    Danach gilt auch und gerade bei uns der Grundsatz der Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung (oder eben dem Freispruch) und darüber hinaus die Maxime der umfassenden Ermittlungspflicht von Amts wegen, zu der auch solche Tatsachen gehören, die den Angeklagten entlasten!
    Wer sich an diese (gesetzlich vorgeschriebenen!) Grundsätze hält, steht nicht etwa auf der Seite des Angeklagten, sondern beachtet lediglich unsere Gesetze, die dafür da sind, jeden von uns zu schützen und mit Rechten auszustatten.

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