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Forderung: Freispruch für Sermet!

09.07.2010, von

Die Plädoyers hätten unterschiedlicher nicht sein können. Auch die Verteidigung von Sermet I. plädierte im zweiten Koblenzer Al Qaida-Verfahren am vergangenen Dienstag. Dabei setzten die Rechtsanwälte Michael Ried (Waldbronn) und Stefan Holoch (Stuttgart) unterscheidliche Schwerpunkte und trugen auch höchst unterschiedlich vor. Das Ergebnis war jedoch gleich: Beide wollen einen Freispruch für ihren Mandanten Sermet I.

Stefan Holoch gab dabei den Strafverteidiger nach Art „Liebling Kreuzberg“ und polterte in bestem Schwäbisch (das ich bis dahin schon vermisst hatte) über die Ungeheuerlichkeit, dass seinem Mandanten aufgrund der „höchst fragwürdigen“ Aussagen des „Stiefsöhnchens“ (gemeint ist natürlich Yannick N.) eine Verurteilung drohe.  Holoch glaubt, bei Yannick eine „emotionale Erosion“  ausgemacht zu haben. „Der Vater wird dabei zur Haßfigur – und die Angeklagten sind nun mal Freunde des Vaters“, erklärt sich Holoch, warum Yannick Sermet und Ömer (falsch) belasten könnte. Und die Ermittlungsbehörden würden dabei sogar noch helfen, vermutete der Strafverteidiger: „Yannick wird gepampert, bekommt eine neue Identität – und es wird ihm nichts passieren“, mutmaßte Holoch über das Leben des Zeugen – oder hat er Informationen, die vor Gericht nicht öffentlich wurden? Von einer neuen Identität für Yannick war jedenfalls bislang in Koblenz nichts zu hören.

Rechtsanwalt Holoch kam aber trotz seiner Stimmgewalt nicht umhin, das zentrale „Problem“ an Yannicks Aussage zu würdigen: Wesentliche Aussagen von ihm hat der Mitangeklagte Ömer Ö. bestätigt – darunter solche (zum Beispiel über Treffen im Hause N.), die kaum anders beweisbar gewesen wären, wenn Ömer sie nicht bestätigt hätte. Stefan Holoch löste diesen Widerspruch geschickt auf, in dem er vom Senat verlangte, er müsse nun „Spreu von Weizen“ der Aussage Yannick trennen.

„Höchst vorsorglich“, stellte Holoch dann noch den Antrag, allenfalls auf eine Bewährungsstrafe zu erkennen, falls der Senat „dem Charm der Staatsanwaltschaft erliege“ und nicht auch zu einem Freispruch komme.

Vor dem gut halbstündigen Schlussvortrag von Strafverteidiger  Holoch hatte sein Kollege Michael Ried bereits etwa eine Stunde lang das Verfahren aus seiner Sicht Revue passieren lassen. Er betonte, ein Staatsschutzverfahren sei etwas besonders: Es gehe dabei um aktuelles Zeitgeschehen, solche Verfahren seien zudem wegen ihrer langen Dauer etwas besonderes, er habe aber zudem den Eindruck, man habe als Verteidiger vor einem Oberlandesgericht „ein bißchen mehr Chancen auf Gehör, als vor einem Amtsgericht“ – eine bittersüße Bemerkung. Fast wie Schokolade mit Lavendel. Eine Kombination, die der Anwalt übrigens durchaus schätzt.

Michael Ried forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Nicht nur, weil er außer den Behauptungen von Yannick keine anderen, objektiven Beweise für die Sermet unterstellten Taten sehe. Zudem sei Sermet ein Mensch „der aus einer Familie stammt, die einen sehr starken Zusammenhalt hat“. Selbst seine Ex-Frau habe von diesem Zusammenhalt berichtet – und er sei auch während des Verfahrens sprübar gewesen: An fast allen Verhandlungstagen sei einer, teilweise auch zwei seiner Brüder im Gerichtssaal anwesend gewesen – aus Solidarität mit ihrem Bruder.

Die Familie I. sei eigentlich eine zutiefst schwäbisch Familie. Man habe sich gut integriert, alle männlichen Familienmitglieder hätten Arbeit bei der Daimler AG. Leistung sei auch Sermet wichtig gewesen, sein ganzer beruflicher Werdegang, sein Streben nach weiteren Qualifiaktionen, nach Lernen und Optimieren sei dafür ein Beispiel. Wäre es ihm wirklich darum gegangen, in den Heiligen Krieg zu ziehen, so hätte er mehrere Chancen nutzen können. Zum Beispiel, in dem er ein hohes Abfindungsangebot seines Arbeitgebers angenommen hätte – um mit dem Geld  in den Kampf zu ziehen. Doch das sei nicht sein Weg.

Wichtig war Michael Ried, die religiöse Seite seines Mandanten zu beschreiben: Er sei ein gläubiger Muslim, habe zu den Gründungsmitgliedern eines Sindelfinger Moschee-Vereins gehört. „Aber er war nicht im Vorstand – und im Verein leitete er die Spaß-Abteilung und organisierte Grillparties“, interpretierte der Anwalt Sermets Rolle im „Sunnah-Verein“.

Im Gegensatz zum mitangeklagten Ömer habe es zudem bei Ömer keine Hinweise auf „verdächtige Kontakte“ gegeben: Kein Treffen mit einem Mitglied der „Sauerland Gruppe“ (wie bei Ömer), lediglich ein kurzes Telefonat mit dem Direktor der Braunschweiger Islamschule Ciftci („lediglich eine Minute und 50 Sekunden – die meiste Zeit davon dürfte für die Begrüßung drauf gegangen sein“).

Harte Kritik übte schließlich auch Michael Ried am Zeugen Yannick N. Dieser habe „eine verdammt schwere Kindheit“ gehabt und habe sich vermutlich eine lange Zeit in „sozialer Isolation“ befunden, weil er mit seinen Eltern nicht über wesentliche Dinge, wie zum Beispiel sein Freundin habe sprechen können. Dann sei der Bruch mit der Familie vollzogen worden – und Ried spekulierte „wer dermaßen mit seiner Familie gebrochen hat, muss sich eine neue Familie suchen“. Was er damit meinte, ließ er offen. Staatsanwalt Vogler und Staatsanwältin Bitter fühlten sich jedenfalls nicht angesprochen.

Schließlich kritisierte Michael Ried noch die vermeintliche Übergabe von Ausrüstungsgegenständen: Erstens sei die Behauptung, es sei zur gleichzeitigen Übergabe von 45 Entfernungsmessern gekommen, aufgrund von Wert, Größe und Gewicht unplausibel. Zweitens sei „selbst wenn“ völlig fraglich, ob solche Geräte via Aleem N. wirklich zu Kern-Al Qaida gelangt seien – oder nicht vielleicht „nur“ bei Sympathisanten. Was für eine Bestrafung nicht ausreiche.

Zum Ende des Verhandlungstages bekamen die beiden Angeklagten die Chance zum Letzten Wort.

Sermet I. wirkte resigniert. Er sei durch die Verhaftung aus seinem normalen Leben gerissen worden und wolle dorthin zurück. Er sei ein zielorientierter Mensch, der Spaß am Lernen und Spaß am Islam habe. So habe er auch in der Haft regelmäßig gelernt – und zwar Spanisch über Sendungen von BR-alpha (einem ARD-Programm).  Er wolle eine eigene Familie gründen – und hoffe auf ein faires Urteil.

Ömer sagte ähnliches – wie immer auf die charmante Art: „ich habe mir fest vorgenommen, mein Leben zu ändern – und daran wird auch das Urteil nichts ändern“, sagte er. Er wisse jetzt genau, was er wolle. Und: „Ich habe vor, einmal eines natürlichen Todes zu sterben“. Ein bizarrer Satz. Aber aus dem Mund eines angeklagten Terrorverdächtigen fast so etwas, wie eine Verheißung.

Das Urteil des Senats wird am 19. Juli verkündet.

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