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Januskopf in der Brust

06.07.2010, von

In Koblenz wurden heute die Schlussvorträge der Verteidigung gehalten. Es begannen die Rechtsanwältin Jasmin Wanka und ihr Kollege Kai Brintzinger (beide Stuttgart) für den Angeklagten Ömer Ö. Nach der Mittagspause forderte die Verteidigung von Sermet I. Freispruch – worüber ich in einem gesonderten Beitrag berichten werde, zu dem ich jedoch vermutlich erst morgen kommen werde. Sodann hatten die Angeklagten das „Letzte Wort“, Urteilsverkündung wird am Montag, den 19. Juli sein.

Jasmin Wanka schilderte zunächst Lebenslauf und Werdegang von Ömer. Sie betonte, er sei durch sein kemalistisches Elternhaus und seinen sonstigen Lebenswandel zunächst „sehr westlich“ aufgewachsen, bis er sich einem sehr strengen Islam zuwandte. Im Jihad habe er sodann seine „bürgerliche Islamistenpflicht“ gesehen und habe es als Lebensziel angesehen, als Märtyrer die höchste Stufe des Paradieses zu erreichen. Dabei sei es ihm „nie ums Töten, sondern immer um das Paradies“ gegangen (das dürfte der einzige Satz ihres Plädoyers gewesen sein, den nicht auch sofort die Vertreter des Generalbundesanwalts unterschrieben hätten).

Denn dass das Plädoyer von Jasmin Wanka und Kai Brintzinger auf „schuldig“ lauten würde, war schnell abzusehen: Rechtsanwältin Wanka schilderte als die „wichtigen Personen“ im Leben ihres Mandanten:

Muhamed Seyfudin Ciftci, Direktor der Islamschule in Braunschweig

Fritz Gelowicz von der Sauerlandgruppe „aus den Medien bekannt“

Bekkay Harrach, den er zu Al Qaida vermittelt habe

Abdulrahman Hussein, „Mitglied bei Al Qaida“

Aleem N., „in ihm fand Ömer einen Gleichgesinnten und natürlich ging es in ihren Gesprächen immer um das Thema Jihad“.

Wer einen solchen Bekanntenkreis hat, der muss ein Terrorist sein.

Staatsanwalt Bodo Vogler saß entspannt.

Schon nach 14 Minuten übernahm Wankas Kollege Kai Brintzinger das Plädoyer und reduzierte die Rolle seiner Kollegin auf die einer Statistin. Bezeichnend dafür war der folgende Dialog: „Wollen Sie denn keinen Antrag stellen?“, fragte die Vorsitzende. „Nein“, lächelte Frau Wanka. „Sie schließt sich nachher meinem Antrag an“, ergänzte Rechtsanwalt Brintzinger generös.

Dann begann er seine Ausführungen. Betonte, was sein Mandant in den vergangenen Jahren alles erlitten habe: Schreckliche Erlebnisse, den Abkehr vom Jihadismus, aber auch seine Malariaerkrankung „mit Schüttelfrost, Wechsel zwischen warm und kalt“. Sein Leben habe in dieser Zeit auf der Kippe gestanden, so Brintzinger. Aber er habe das Virus überstanden und als sein Anwalt frage er sich, ob „der Jihadismus ein Virus ist, den man das ganze Leben mit sich herum trägt oder ist er etwas, was man durch eigene Überzeugung wieder ablegen kann?“. Brintzinger liess es offen.

Sein Mandant Ömer erinnere ihn an einen Januskopf: Die Fratze des Terrors auf der einen, der ganz normale Bürger auf der anderen Seite. Und zu dieser Zwiespältigkeit und zur Freiheit der Religion Ömers gehöre es auch, dass er seine „Brüder“ nicht verraten habe, erklärte Brintzinger mit Blick auf die Lücken, die es in Ömers Angaben gab. „Der Januskopf sitzt in seiner Brust, zieht nach links und rechts“, interpretierte Brintzinger die altrömische Mythologie recht frei.

Ömer sei in der Situation gewesen, „dass er das Haus in Brand gesteckt habe und nicht mehr zurück konnte“, so Brintzinger. „Das heißt: Er konnte zurück, aber das Haus brannte ab“.

Staatsanwalt Bodo Vogler saß weiterhin entspannt. Seine Kollegin zeichnete ein undefinierbares Netz aus schwarzen Linien und gelben Flächen. Neue Erkenntnisse über Al Qaida? Oder Langeweile?

Kritisch beleuchtete Brintzinger die Rolle von Aleem N. und dessen Stiefsohn Yannick. Aleem sei für seinen Mandanten „nur DHL“ gewesen, nur ein Kurier, betonte der Anwalt. Yannick hingegen habe es dem Generalbundesanwalt einfach gemacht. Er sei ein Zeuge gewesen, der im Laufe des Verfahrens „immer besser geworden“ sei, Rückenwind gespürt habe, sagte Brintzinger mit mahnendem Unterton. Doch so recht gelang es ihm nicht, die Widersprüchlichkeit Yannicks herauszuarbeiten. Denn schon einen Satz später räumte er ein: „Nicht alles, was Yannick gesagt hat, ist gelogen, aber einiges übertrieben“. Und wieder drei Sätze später: „Was Yannick erzählt hat, stimmt teilweise, er hat es selbst erlebt“. Es werde die Aufgabe der anderen Verteidiger sein, diese Widersprüche herauszuarbeiten, schloss Brintzinger das Kapitel Yannick für sich ab. Eine Aufgabenteilung, wie im Laufe des Verfahrens.

Die Verteidigung habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Mandanten gehabt, erklärte Kai Brintzinger schließlich. Stimmt! Ich erinnere mich an diverses Geschäker, Bonbontüten und im Gerichtssaal kursierende Terminpläne. Aber der Rechtsanwalt wollte auf etwas anderes hinaus: „Deswegen waren wir alle so baff über die plötzliche Einlassung, dass wir nicht reagieren konnten“, rechtfertigte er sich (vor wem eigentlich?) für sein Nicht-Verhalten bei Ömers „Geständnis“, er habe afghanische Soldaten angegriffen.

Schließlich das Fazit des Plädoyers: Ömer sei „ein junger Mann, der, ich hoffe, den Glauben wiedergefunden hat“.

Verwirrung gab es am Ende um den Strafantrag der Ömer-Verteidigung. Wollte sie nun 3 Jahre oder 3 Jahre und 6 Monate Haft für die Mitgliedschaft bei Al Qaida? 3 hatte Brintzinger ursprünglich gesagt und der Senat notiert. Aber wie kam er dann auf die Gesamtforderung von 4 Jahren und sechs Monaten inklusive der Nebentaten? „Ich habe mich verlesen“, korrigierte sich Brintzinger, der dann doch 3 Jahre und 6 Monate meinte.

Unter dem Strich forderte die Ömer-Verteidigung also 4 Jahre und 6 Monate Haft.

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