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War „Mohammed Ali“ ein Spion?

05.07.2010, von

Morgen hält die Verteidigung ihre Plädoyers im Koblenzer Al Qaida Verfahren gegen Ömer Ö. und Sermet I. Vergangene Woche hatte der Generalbundesanwalt für Ömer 6 Jahre Haft unter anderem wegen Mitgliedschaft im Terrornetzwerk Al Qaida sowie für Sermet 2 Jahre und 9 Monate wegen Unterstützung von Al Qaida gefordert. Dabei reduzierten die Ankläger die vorgeworfenen Einzeltaten bei beiden Angeklagten im Vergleich zur Anklage. So kam es, dass einige spannende Fragen, die im Laufe des Prozesses eine Rolle spielten, nun am Ende gar nicht mehr ausführlich auftauchten. Das betrifft unter anderem den Bremer Terror-Verdächtigen Renée Marc S., in der Szene auch „Mohammed Ali“ genannt. War / ist er ein Spion westlicher Nachrichtendienste?

Auf den ersten Blick klingt diese Vermutung absurd: Die Polizei in seiner Heimatstadt Bremen müht sich schon lange mit Renée Marc S. ab, eröffnete mehrere Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen der Bildung einer Kriminellen Vereinigung. Der Bremer Muslim gilt als gewalttätig und soll ein „Takfiri“ sein, also vereinfacht gesagt einer militanten jihadistischen Strömung angehören, die sich nicht an westliche Gesetze gebunden fühlt.  

Bislang war man in Koblenz davon ausgegangen, dass Aleem N. nicht nur Ömer Ö. und Bekkay Harrach, sondern eben auch den Bremer Renée Marc S. in ein Terrorcamp vermitteln wollte, S. jedoch ein oder zweimal im Iran seinen Schlepper verfehlte und deshalb nie im Camp ankam. „Er war wohl einfach zu blöd“, brachte es ein Ermittler wenig einfühlsam auf den Punkt.

Inzwischen gibt es in Sicherheitskreisen aber Hinweise, dass es Renée doch geschafft haben könnte: So soll er 2007 über den Iran bis nach Pakistan gekommen sein. Dort  traf er möglicherweise Aleem N. und gelangte mit oder ohne ihn bis zu den ersten Anwerbern von Al Qaida. Doch die sollen ihn für einen Spion gehalten und wieder nach Hause geschickt haben. „Er hat sich auffällig verhalten – und das macht schnell misstrauisch“, sagt ein Insider. Von deutschen Schierheitsbehörden hört man, es sei „nicht unüblich“, dass Terror-Reisende auch mal abgelehnt werden, das Misstrauen sei gross. Besonders seit die US-Streitkräfte mit gezielten Drohnenangriffen präzise Angriffe gegen Al Qaida-Stützpunkte unternehmen, steige das Misstrauen unter den Terroristen: Woher kommen die präzisen Informationen, wer sind die Verräter, wem kann man noch trauen?

2007 soll das Klima vor Ort zwar noch besser (= vertrauensvoller) gewesen sein. Doch es scheint durchaus plausibel, dass ein robust auftretender Bremer Muslim, der früher Profi-Boxer war und selbst in seiner Szene eher als Exot gilt, nicht das uneingeschränkte Vertrauen von Al Qaida gewinnen konnte. Aber wie gesagt: Rechtlich belastbar ist all dies nicht, die Primärquelle soll der berüchtigte pakistanischen Geheimdienst „ISI“ sein.

Die Rechtsanwältin von „Mohammed Ali“ zeigte sich über diese Version von Renées Iran-Reise übrigens völlig überrascht: „Ich höre das zum ersten Mal“, sagte sie mir. Weder von Ermittlern, noch von ihrem Mandanten habe sie bislang etwas in dieser Richtung gehört. Das dürfte so auch besser sein.

Denn vor Gericht im Verfahren gegen Aleem N. hatte sich S. eindeutig festgelegt, nicht vom Iran nach Pakistan gereist zu sein. Und auch einen gewissen Daniel P. nicht zu kennen. Seine Aussagen wurden in Koblenz von Staatsanwalt Bodo Vogler akribisch verfolgt – und ihm entging offenbar auch nicht, wie S. und P. sich nur Minuten nach der Aussage auf dem Gerichtsflur trafen und innig umarmten. Aussage und Umarmung führten nach der Zeugenaussage dann auch prompt zu einem Ermittlungsverfahren des GBA wegen Flaschaussage – mit dem sich nun die Staatsanwaltschaft Koblenz beschäftigen darf. Dort hört man, das Verfahren sei „naturgemäß“ noch nicht abgeschlossen…

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