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Kein Krokodil in Koblenz, bislang

08.06.2010, von

Ömer Ö. ist voll schuldfähig. Und Psychiater rechnen prinzipiell auch mit Krokodilen. Das sind die beiden Erkenntnisse des Tages aus Koblenz. Der Psychiater Dr. Buchholz erstattete kurz und bündig sein Gutachten – das in der schriftlichen Form mehr als einhundert Seiten umfasst. Die Botschaft war klar und eindeutig: Ömer war bereitwillig und kooperativ – hat aber über manche Dinge (Besuch eines Psychiaters in der Türkei 2008 und das vorherige „heftige“ Erlebnis) keine Auskunft gegeben. Sein psychischer Zustand sei „leichtgradig ängstlich“ aber sonst normal, er sei idealistisch mit einem leichten Hang zur Selbstdarstellung. Aber keinesfalls psychisch krank. Er mag schlimme Dinge erlebt haben, einige dieser Erlebnisse mögen noch nicht aufgearbeitet worden sein, doch nach den Maßstäben des Gesetzes gibt es keinen Anlass, an seiner Schuldfähigkeit zu zweifeln, so das Fazit des Arztes. Dabei blieb aber offen, ob das nun für Ömer und seine Verteidigung eine gute oder eine schlechte Nachricht war.

Überhaupt taten sich die Beteiligten mit den Feinheiten der Psychiatrischen Medizin schwer. Was genau bedeuteten die einzelnen Tests, die Dr. Buchholz mit seinem Probanden durchführte? Warum kann so ein Test auch ohne auswertbares Ergebnis bleiben? Und schließlich (und für Juristen typisch): Kann ein Test ohne auswertbares Ergebnis nicht doch irgendwie ausgelegt werden?

Eine Frage, die Staatsanwalt Bodo Vogler, aber auch Rechtsanwalt Kai Brintzinger (Ömer Ö.) intensiv beschäftigte. Fast empört wollte der Strafverteidiger vom Gutachter wissen, was denn die Tests nun genau bedeuteten. Er sei schließlich kein gelernter Psychiater, sondern gelernter Jurist! Eine interessante Bemerkung an diesem Punkt. Denn Juristen lernen eigentlich, solche Fragen vor einer Begutachtung des Mandanten zu klären – und nicht im Angesicht des Ergebnisses. Doch Psychiater Dr. Buchholz, der mich positiv an die Figur des Doctor Snuggles erinnerte,  bewies bei diesen Fragen eine Menge Gleichmut. Nicht verlegen um Bilder, nutzte er unter anderem das „extrovertierte Wesen des Rheinländers“ für die Erklärung seiner Befunde – und ein Krokodil: Ob er denn ausschließen könne, dass bei Ömer nicht doch eine posttraumatische Belastungsstörung vorliege, wollte die Verteidigung wissen. Nein, ausschließen könne er das ebenso wenig, wie die Möglichkeit, „dass gleich ein Krokodil durch die Tür“ käme. Nur Beweise habe er dafür (Krokodil) nicht. Und ebenso halte er eine damalige posttraumatische Belastungsstörung für nicht wahrscheinlich, sagte Dr. Buchholz mit einer feinen Ironie, die den Zuhörer die Couch quasi erspüren ließ. Geht es nur mir so? Ich habe bei psychiatrischen Gutachtern immer das Gefühl, selbst bei der Erstattung ihrer Gutachten explorieren sie die Beteiligten. So bekam  Rechtsanwalt Brintzinger von Dr. Buchholz noch eine Faustregel für psychische Auffälligkeit an die Hand: „Wenn Sie einen Mandanten haben, der 1.200 Klagen gegen einen Abwasserbescheid über 20 Euro einreicht. Das wäre auffällig!“. Der Senat konnte nicht an sich halten: „Den Mandant hätte er gern!“, spotteten die Richterinnen. Kai Brintzinger nahm’s sportlich: „Ich habe immerhin einen Mandanten, der schreibt mir gerade täglich fünf Briefe“. Darüber konnte selbst Sermet lachen, der heute keine gute Stimmung zu haben schien. 

Am Nachmittag ging es dann noch um Emails zwischen Aleem N. einem Schleuser der Al Qaida im Iran und Bekkay Harrach. Erkenntnisse, die im Verfahren gegen Aleem teilweise noch nicht vorlagen, aber auch nichts an den Annahmen des Urteils ändern. Eher im Gegenteil: N.s Rekrutierungstätigkeit wird aus den Mails überdeutlich. Schließlich bügelte der Senat noch eine „Gegenvorstellung“ (eine Art Widerspruch) der Verteidigung von Sermet I. zur möglichen Vernehmung von Dr. Yousif ab.

Und über das Ende des Prozesses wurde gesprochen. Unter Vorbehalt: Ende Juni könnte die Anklage ihren Schlussvortrag halten. Anfang Juli die Verteidigung plädieren – und das Urteil könnte Mitte Juli fallen.

Ein Krokodil erschien bis zum Ende des Verhandlungstages nicht.

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