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Die zwei Kofferbomber und der seltsame Wecker

06.05.2010, von

TIMESSQUARE-EVACUATION/BOMB

Im Fall des Anschlagversuchs auf den New Yorker Times Square vom vergangenen Wochenende gibt es eine höchst interessante Parallele zum Fall der „Kofferbomber“ in Deutschland 2006: Der in New York im Zeitzünder verwendete Wecker erinnert stark an das Modell, das damals in mindestens einem der beiden Trolleys verwendet wurde – und es handelt sich um einen Wecker, der mit seiner extravaganten Farbgebung keinesfalls ein Standardmodell ist. Zur Erinnerung:

2006 beschloßen die beiden libanesischen Studenten Jihad Hamad und Youssef El Hajdib, als Rache für die „Mohammed-Karikaturen“ Sprengsätze in deutschen Zügen zu zünden, um sich an den „Ungläubigen“ für die Verunglimpfung des Propheten zu rächen. Hamad und Hajdib studierten dazu Bomben-Bauanleitungen aus dem Internet, suchten sich dort auch ein religiöses Rechtsgutachten, eine Fatwa, zur Rechtfertigung und begannen in einem Studentenwohnheim in Köln mit dem Bombenbau. Am 31. Juli 2006 stellte jeder von ihnen jeweils einen Koffer mit einer gefüllten Gasflasche, einem selbstgebauten Zünder und eben einer Zeitschaltung in Regionalzüge nach Dortmund, bzw. Koblenz.

Doch die Bomben explodierten aufgrund eines handwerklichen Fehlers nicht, das Gasgemisch war „zu fett“. Einer der beiden Koffer wurde bei der Entschärfung durch die Bundespolizei stark beschädigt, der andere Koffer (im Bahnhof Koblenz) konnte ohne Beschädigung entschärft werden. In ihm fanden die Ermittler einen neon-gelb-grünen Wecker, der als Zeitzünder gedient und diese Aufgabe auch erfüllt hatte: Die selbstgebauten Zündkapseln „hatten sich umgesetzt“, wie es in der Sprache der Kriminaltechniker heißt.

Eben jenen Wecker habe ich an mehreren Verhandlungstagen im Prozeß gegen El Hajdib in Düsseldorf zu sehen bekommen. Auf Fotos und auch im Original. An diese Bilder mußte ich denken, als ich das Foto (oben) aus New York sah. Oder ist es doch ein anderer Wecker? Die Nachfrage bei den Ermittlern des Generalbundesanwalts (GBA) ergab: „Auf den ersten Blick sieht der auf dem Foto abgebildete Wecker den Weckern aus dem Kofferbomber-Verfahren nicht unähnlich. Man könnte zumindest von einem vergleichbaren Modell sprechen.“  Die Farbgebung und auch das Zifferblatt seien ähnlich, sagt Oberstaatsanwältin beim BGH Duscha Gmel, die den „Kofferbomber“ Hajdib vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf angeklagt hat. Allerdings, so betont die Oberstaatsanwältin ausdrücklich, sei die Farbgebung genau umgekehrt zu dem von mir vorgelegten Bild des New Yorker Weckers. Und über die Abmessungen der beiden Wecker könne man nur aufgrund des Bildes keine Aussage treffen.

Trotzdem: Unter der Vielzahl unterschiedlichster Wecker, die weltweit erhältlich sind, ist es schon erstaunlich, wenn zwei islamistisch motivierte Täter offenkundig zu gleichen oder sehr ähnlichen Modellen tendieren. Warum könnte das so sein? Hier mögen die Ermittler nicht spekulieren. Es drängen sich meiner Meinung nach aber zwei Möglichkeiten geradezu auf: Es könnte um die innere Konstruktion der Wecker gehen. Ein Sachverständiger hatte im „Kofferbomber-Verfahren“ betont, der vorliegende Wecker habe sich besonders gut für den Umbau zum Zeitschalter geeignet. Insofern könnten den deutschen Kofferbombern und dem Time-Square-Täter schlicht zufällig der gleiche Weckertyp „gefallen“ haben.  

Möglicherweise ist dies aber auch der Grund, und doch kein Zufall: Es könnte nämlich ein Hinweis auf die Bauanleitung für beide Bomben sein. Solche Anleitungen gibt es dutzendfach im Internet. Möglicherweise haben beide die gleiche Anleitung benutzt, die zu diesem Weckertyp rät. Das wäre übrigens kein neues Phänomen. Auch bei linksterroristischen Attentaten der 80er Jahre wurde gerne eine bestimmte Wecker-Marke „aus Erfahrung“ verwendet – wobei die Terroristen damals nicht ahnten, dass diese Vorliebe dem Bundeskriminalamt schon aufgefallen war und entsprechende Wecker so markiert waren, dass man ihre „Geschichte“ nachverfolgen konnte.

Persönliche Zusammenhänge zwischen den „Kofferbombern“ und der Times Square Tat sind jedenfalls ausgesprochen unwahrscheinlich. Nach wie vor spricht bei den Kofferbombern alles für eine Selbstradikalisierung ohne jeden Bezug zu einer terroristischen Gruppe. Und in den Libanon scheinen die bísherigen Times-Square-Verdächtigen keinen Bezug zu haben. 

 Trotzdem ist es ein komischer Zufall und ein seltsamer Wecker. Ein spezialgelagerter Sonderfall, wie mancher Fachmann sagen würde.

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