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Ömer widerruft – und verpfeift Bekkay Harrach

30.04.2010, von

Ömers Video?

Aus der heutigen Prozesswoche am OLG Koblenz sind noch einige Ereignisse nachzutragen: Ömer Ö. hat sein Geständnis widerrufen und will nun doch keinen afghanischen Armee-Konvoi überfallen haben. Dem war ein Hinweis des Generalbundesanwalts vorausgegangen, dass durch dieses „Geständnis“ nun auch eine Bestrafung wegen eines Tötungsdelikts in Betracht komme – und somit eine noch höhere Strafe, als bislang schon für Ömer denkbar sei. Und es gab noch mehr Interessantes:

Die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner regte nämlich eine psychiatrische Begutachtung des Angeklagten Ömers an. Nach den Vorstellungen des Bundesgerichtshofs soll eine solche Begutachtung in Strafsachen stets erfolgen, wenn es um ein Tötungsdelikt geht. Seit seiner Einlassung, er habe eigenhändig auf eine Gruppe afghanischer Soldaten („Heuchler“) geschossen, stehen  Tötungsdelikte im Raum – weshalb die Begutachtung nun erfolgen soll – und Ömer will sich der Exploration auch unterziehen. Das Gericht beauftragte Dr. med. Gerhard Buchholz, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie – und wies Ömer nachdrücklich darauf hin, dass dessen Begutachtung keine Therapie für ihn sondern ein möglicher Erkenntnisgewinn für das Gericht sei. Ich bin auf die Erkenntnisse von Dr. Buchholz sehr gespannt – denn schon öfter im Prozess hätte mich die fachmännische Bewertung von Ömers Kapriolen interessiert. Die Exploration soll bereits in der kommenden Woche beginnen – in der aufgrund der Terminplanung des Senats  nicht verhandelt werden wird.

Die Unterschung findet statt, obwohl Ömer sein Geständnis am Dienstag widerrief: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich das so auswirken würde“, begann er seine Erklärung – und sagte damit den einzigen Satz, den ihm wohl jeder im Raum abgenommen hat. Denn was dann folgte, stiess bei den meisten Anwesenden auf Skepsis: „Der Kampfeinsatz hat nicht stattgefunden“, sagte Ömer (ein Satz, der gleich noch eine tiefere Bedeutung bekommen wird). Er habe ihn erfunden, weil er in den 48 Tagen Hauptverhandlung bis dahin nie den Eindruck gehabt habe, der Senat würde ihm glauben. Deshalb habe er eine Geschichte erzählen wollen, die man ihm abnehme. Mit der strafrechtlichen Folge habe er nicht gerechnet – deshalb widerrufe er nun, denn er habe ja gar nichts derartiges getan. Auch seinen Anwälten habe er übrigens nichts von seinem Plan erzählt.

Während ihn die Richterinnen noch erstaunt ansahen, legte Ömer nach: Nun werde sich der Senat bestimmt fragen „warum ich so detailliert beschreiben konnte“,  meinte Ömer – und lieferte die Lösung gleich mit: Er habe ein Video beschrieben, das er sich früher mehrfach angesehen habe. Dieses zeige die entsprechenden Szenen. Das Video habe er aber vor seinem zweiten Pakistan-Aufenthalt bereits gesehen.

Tatsächlich gibt es Videos, die grob mit Ömers Angaben übereinstimmen. Zum Beispiel ein knapp zweieinhalb Minuten langes Video, aus dem das hier gezeigte Standbild stammt. Nur: Ganz exakt entspricht es (und auch einige andere Videos aus der genannten Quelle) nicht den Schilderungen von Ömer. Nur ungefähr. Oder erinnert Ömer Details, die in dem Video gar nicht zu sehen sind – an die er sich aber erinnert, weil er dabei war? Hatte er nicht in an einem früheren Verhandlungstag betont, wie wichtig eine gute Videokamera für Al Qaida sei? Und wie passt diese Aussage nun zur Einleitung, der Angriff „habe gar nicht stattgefunden?“.

Ömers Erklärung  ging übrigens noch weiter: Er habe sich gedacht, er könne eine Art Wiedergutmachung für das „Märchen“ vom Angriff leisten. Deshalb sei er bereit, über Bekkay Harrach zu erzählen – also über das mutmassliche Al Qaida-Mitglied aus Bonn, das sich vor der Bundestagswahl 2009 in Videobotschaften drohend zu Wort gemeldet hatte und sich dabei auch als Obama-Parodie präsentierte. Seine Aussage: Seit Jahren sei es sein Traum, sich für Allah in die Luft zu sprengen. Dieser Bekkay soll durch Ömer Ö. und Aleem N. rekrutiert worden sein. 

Informationen von Ömer über Bekkay Harrach also als Wiedergutmachung für das „falsche“ Geständnis – für Staatsanwalt Bodo Vogler (der selbst schon aktiv auf den Spuren Bekkays in Bonn ermittelte) war diese Vorstellung so drollig, dass er vor Lachen auf seinem Stuhl wippte.

Doch tatsächlich fing Ömer an zu berichten: Er habe Bekkay auf Islam-Seminaren getroffen und konspirativ mit ihm Kontakt  gehalten. Immer wieder hätten sie sich in Frankfurt am Main getroffen, in der Innenstadt in einem Café. Nach seinem ersten Lageraufenthalt habe Ömer seinem „Bruder“ Bekkay davon erzählt – und dieser sei „stinksauer“ gewesen, dass Ömer ihn nicht mitgenommen habe. Daraufhin habe Ömer ihn an Aleem vermittelt – damit sich dieser um die Ausreise von Bekkay Harrach kümmern könne.

Mit ein paar Sätzen räumte Ömer damit einen zentralen Anklagevorwurf gegen ihn und eine wesentliche Feststellung des (noch nicht rechtskräftigen) Urteils gegen Aleem N. ein. Weitere Befragungen durch das BKA in dieser Sache ließ Ömer ausdrücklich zu – und seine Anwältin Jasmin Wanka (Stuttgart) fragte höflich an, ob der Termin dafür vielleicht so gewählt werden könne, dass ihr die Anwesenheit möglich sei. Dabei bezog sie wohl auch ihren Mitverteidiger mit ein – der zu diesem Zeitpunkt die laufende Verhandlung bereits verlassen hatte.

Nach diesen bemerkenswerten Aussagen wurden noch sechs Zeugen aus dem Umfeld des Sermet I. im Eiltempo vernommen. Durchgängige Aussage: Sie kannten alle Sermet und Ömer aus verschiedenen Moscheen mehr oder weniger gut, hatten aber keine Erkenntnisse über Spendensammlungen oder Jihad-Gedanken. Sermtes Rechtsanwalt Stefan Holoch (Stuttgart) – auf dessen Antrag die Zeugen geladen waren – zeigte sich zufrieden.

Für kuriose Erkenntnisse sorgte dabei zum guten Schluß der Zeuge Sivan S. aus Sindelfingen. Der 25jährige ließ nämlich in einem Nebensatz durchblicken, er sei ein guter Sänger. Doch zu seiner geplante Teilnahme an einem Talentwettbewerb mit Dieter Bohlen sei es – trotz seiner offenkundigen Chance (die auch Sermet bestätigte) nicht gekommen. Und warum? Ebu Aenes (der hier schon mehrfach besprochene Muhamed Ciftci) habe ihm abgeraten, die Teilnahme sei unislamisch und „und Musik könne Leute zu etwas Schlimmem treiben“.

Ob er da an Dieter Bohlen dachte?

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