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Schneider in Saarbrücken, Gelowicz beim Höllen-Engel

23.04.2010, von

Die Urteile gegen die vier Mitglieder der „Sauerland-Gruppe“ sind bekanntlich rechtskräftig. Entsprechend sind die vier Verurteilten in unterschiedliche Gefängnisse verlegt worden, um ihre Strafhaft zu verbüßen. Dabei sind verschiedene Überlegungen berücksichtigt worden: Prinzipiell soll Strafhaft heimatnah erfolgen – zum Schutz der Sozialkontakte. Auch Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten können ein Kriterium sein (auf das beispielsweise Daniel Schneider hofft). Schließlich wird bei Terrorgruppen oder kriminellen Vereinigungen in der Regel versucht, nicht mehrere Täter in dem gleichen Gefängnis unterzubringen. Aktuell sieht die Situation für die „Sauerländer“ so aus: 

Fritz Gelowicz (12 Jahre Haft) sitzt in der JVA Bruchsal. Das Gefängnis, dessen letzter prominenter Strafhäftling RAF-Terrorist Christian Klar war, liegt näher an seinem Heimatort Ulm, als das bisherige Gefängnis Düsseldorf. Zudem ist Gelowicz in Bruchsal nahe an seinen Strafverteidigern Dirk Uden und Hannes Linke (beide Karlsruhe), die Hoffnung auf die Resozialisierung ihres Mandanten hegen. Unfreiwillig ist Gelowicz mit der Verlegung nach Bruchsal auch seiner Frau näher gekommen, als ursprünglich gedacht. Sie wohnt inzwischen nicht mehr in Ulm, sondern sitzt in Bühl, 80 Kilometer südlich von Bruchsal, wegen Unterstützung der IJU in Untersuchungshaft. Gegenseitige Besuche dürften derzeit ausgeschlossen sein – selbst nach den beziehungsfreundlichen Regeln des NRW-Strafvollzugs. Zu sehen bekommt Fritz Gelowciz dafür derzeit offenbar regelmäßig einen Höllen-Engel. Denn in Bruchsal sitzt gerade ein weiterer „schwerer Fall“: Ein Mitglied der Hell’s Angels, der ebenfalls eine langjährige Strafe absitzt. Die beiden haben gemeinsamen Hofgang – sich aber wohl nicht viel zu sagen. Ob Alkohol, Glaubensfragen oder den Wert von Jungfrauen im Dies- und Jenseits: Die Ansichten der beiden dürften höchst unterschiedlich sein.

Adem Yilmaz (11 Jahre Haft) saß bislang in Wuppertal und soll nach Weiterstadt in Südhessen verlegt werden. Damit wäre er nahe an seiner Heimatstadt Langen – was wiederum die Bewährungshelferin seines Bruders nicht unebdingt freuen dürfte. Auch das Gefängnis hat übrigens einen RAF-Bezug: Am 23. März 1993 verübte die RAF einen Bombenanschlag auf das Gebäude, während die JVA gebaut wurde. Die Explosion richtete einen Millionenschaden an und verzögerte die Fertigstellung des Gefängnisses um mehrere Jahre. Es war eine Explosion, die nach Art und Umfang dem Geschmack von Adem Yilmaz entsprochen haben dürfte. Boah.

Daniel Schneider (12 Jahre Haft) hoffte auf eine Verlegung nach Freiburg. Dort hätte er die Möglichkeit gehabt, in einem besonderen JVA-Projekt das Abitur nachzuholen.  Fast wie in einer richtigen Schule ist das in Freiburg möglich. Doch nachdem seine Verteidiger Johannes Pausch (Düsseldorf) und Bernd Rosenkranz (Hamburg) zunächst positive Signale vernommen zu haben glaubten, scheiterte die Verlegung nach Freiburg zunächst. Unter anderem wohl, weil Atilla Selek inzwischen dort sitzt. Just heute wurde Schneider statt dessen in die JVA Saarbrücken verlegt – und das saarländische Justizministerium gab sofort bekannt:

„Daniel Schneider, Mitglied der sogenannten Sauerlandgruppe, ist heute in der Jus-tizvollzugsanstalt Saarbrücken (JVA) eingetroffen. Der 24jährige wurde am 4.März 2010 durch das Oberlandesgericht Düsseldorf zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem er diese zunächst in der JVA Köln angetreten hatte, wird der gebürtige Saarländer diese Haftstrafe nunmehr heimatnah in der JVA Saarbrücken ableisten. Schneider ist in einer speziell gesicherten Abteilung der JVA Saarbrücken unter-gebracht. Damit sind auch besondere Sicherungsmaßnahmen verbunden.“

Ein wenig pathetisch für meinen Geschmack, immerhin ist Schneider derjenige Angeklagte, dem Bundesanwalt Brinkmann in sehr persönlichen Worten am Ende des Prozesses die beste Prognose für die Zukunft ausstellte. Übrigens soll der Bundesanwalt (genauso wie der Vorsitzende Richter am OLG Ottmar Breidling) durchaus der Meinung gewesen sein, Schneiders Wunsch, das Abitur in Freiburg zu machen, sei unterstützenswert.

Atilla Selek (5 Jahre Haft) schließlich ist, wie schon gesagt, in Freiburg. Er darf im Sommer auf eine Aussetzung seiner Reststrafe zur Bewährung hoffen – und dürfte derzeit eher damit beschäftigt sein, sich gegen das Ansinnen zu wehren, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu entziehen.

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Kommentare zu „Schneider in Saarbrücken, Gelowicz beim Höllen-Engel“

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. MH
    schreibt am 24. April 2010 09:51 :

    In den Augen des Bundesanwaltes Brinkmann habe ich nie etwas anderes als tiefe Verachtung gegenüber den Angeklagten gesehen – unwahrscheinlich, dass sich das nach dem Geständnis von Daniel Schneider grundlegend geändert hat. Die Worte am Ende des Prozesses sind wohl eher als Ausdruck eines persönliches Siegesgefühls zu interpretieren, die Unterstützung des Wunsches von Daniel Schneider erscheint mir in diesem Zusammenhang nicht als richtungsweisend. Richter als auch Bundesanwälte sind vielmehr Marionetten in einem Rollenspiel, nennen wir es „Die Guten gegen die Bösen“, in dem kein Platz ist für Echtheit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl oder Verständnis. Zu den Spielregeln gehört es nicht, den verurteilten Terroristen die Hoffnung auf eine „Zukunft“ zu ermöglichen.

  2. ChrisK
    schreibt am 28. November 2010 00:11 :

    Das ganze ist nichts weiter als eine zweitklassige Inszenierung. Es gibt vielzuviele Widersprüche was die Beweislage angeht .Alle Angeklagten wussten seit Monaten das sie überwacht werden ,Materialien zum „Bombenbau“ wurden ihnen auf Umwegen von Geheimdiensten zugespielt. Von den 17 erhaltenen Zündern warn nur 2 funktionstúchtig. Die geplante“ SuperBombe“ war für sie selbts viel zugefáhrlich in ihrer Herstellung oder Handhabung, fast ungeeignet um sie zu transportieren.
    Die usbekische Terrorgruppe welche als Ausbilder angegeben wurde entbehrt jeglicher Beweise das es sie überhaupt gibt.

  3. Elias Davidsson
    schreibt am 13. September 2014 15:27 :

    Wer steht eigentlich hinter der Sauerlandsgruppe? Es ist nicht nachvollziehbar, dass vier junge Männer in Deutschland ihre Freiheit und Leben für etwas Abstraktes gemeinsam aufs Spiel setzen. Auch die vielen Ungereimheiten, darunter jene die von ChrisK (oben) angesprochen sind, wurden nicht geklärt. Da gibt es noch viel mehr zu klären. Welche Rolle spielten die „Dienste“ in dieser Affäre? Wenn man die NSU-Geschichte folgt, so wird offensichtlich, dass die „Dienste“ so lange wie möglich ihre Teilnahme vertuschen. Die „Dienste“ sind zu allen Drecksaufgaben bereit. Haben die Mitglieder der Sauerlandsgruppe ihren Vorgesetzten versprochen sie nicht zu verraten um ihren Leben zu retten? Und welche Rolle spielten dabei die Strafverteidiger, die die vielen Ungereimheiten nicht aufklären versuchten? Ist die deutsche Justiz ein Zirkus?

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