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Der treue Sermet

21.04.2010, von

Wie schon angedeutet, meldete sich gestern auch Sermet I. zu Wort. Nach drei Tagen Teileinlassung von Ömer Ö. wollte auch er einige Angaben machen. Er habe die Entscheidung dazu getroffen, weil Ömer etwas gesagt habe, sagte Sermet zum Auftakt: „Ich bin darüber sehr froh, weil es mir möglich macht, selbst etwas zu sagen“. So habe er „definitiv“ von der Malaria-Erkrankung Ömers gewusst (während die Ärzte noch rätselten und um die Gesundheit des Patienten kämpften) und daraufhin „nachgestochert“, warum er denn Malaria habe. So habe er noch im Krankenhaus vom Aufenthalt im Terrorlager erfahren.

„Erschüttert“ sei er darüber gewesen. „Weil Ömer ja fast an der Malaria gestorben wäre“. Aber auch, weil er dem Freund den Aufenthalt im Terrorlager nicht zugetraut hätte. Außerdem, so räumte Sermet ein, habe er Ömer vor seiner Abreise zum Flughafen Stuttgart gefahren. Dort habe der ihm einige Geräte übergeben, verbunden mit der Bitte, diese bei Aleem N. in Germersheim abzugeben. „Technische Geräte“ seien das gewesen, sagte Sermet. Und er habe gedacht, sie seien dazu bestimmt, in Pakistan verkauft zu werden. Er wisse nicht, was für Geräte es gewesen seien. Aber „bestimmt“ keine Rangefinder (Entfernungsmesser) und auch keine Nachtsichtgeräte sagte Sermet, dem im bisherigen Prozessverlauf von Zeugen aus seinem Berufsleben mehrfach bescheinigt worden war, kaum jemand sei in seinem Job als Lacktechniker technisch so versiert und wissbegierig gewesen, wie er.

Ein oder zwei Wochen später habe er die Geräte bei seinem Freund Aleem in Germersheim abgegeben, erklärte Sermet etwas später auf Nachfrage des Gerichts. Dabei habe Aleem die Geräte auch ausgepackt. Er selbst sei dabei aber nicht im Raum, sondern gerade auf der Toilette gewesen, beteuerte Sermet. Wenig glaubhaft, fand das Gericht.

Mit Geschichten über Toilettengänge in entscheidenden Momenten im Leben von Angeklagten im Strafverfahren, Politikern oder Aufsichtsratsmitgliedern würden sich vermutlich problemlos Bücher füllen lassen. Dass dennoch kein Buch zum Thema im Handel erhältlich ist, dürfte am geringen Interesse der Leser an solchen Geschichten liegen. Ähnlich ging es Sermet gestern am OLG: Die Richter zweifelten erheblich, ob das wirklich alles war, was er berichten konnte – und fragten ihn nachdrücklich, warum er für dieses Mini-Geständnis 48 Verhandlungstage gebraucht habe – und es erst hätte ablegen können, nachdem Ömer in ganz anderem Umfang gestanden habe.

Sermet reagierte beleidigt: Es sei so, wie er es gesagt habe. Niemals habe er selbst Geräte besorgt, noch habe er „irgendeinen Militärbezug“. Aleem N. sei ein Freund gewesen, mehr nicht. Tatsächlich habe er ihm einmal arabische Kinderbücher gebracht. Aber nicht zum Transport in Jihad-Gebiete, sondern für Aleems Kinder. Die genauen Inhalte der Bücher kenne er leider nicht – da sie ja arabisch gewesen seien. Aber er sei sicher, die Bücher seien noch heute in der Wohnung von Familie N. Woher denn die Bücher stammten, wollte der Senat wissen. „Von Herrn Ciftci aus Braunschweig“, antwortete Sermet – und meinte den Direktor der Islamschule, der schon selbst Zeuge im Verfahren war und den Ömer nach eigenen Angaben früher niemals um eine Spende für den Jihad gebeten hätte.

Jihad-Videos habe Sermet im Übrigen gelegentlich mit Aleem angesehen, aber nur „selten“ und nur zur Information über die Zustände in den Kriegsgebieten. Verherrlichung habe es dabei nicht gegeben. „Ich bin kein Fan von Jihad-Videos, in bin interessiert an der Wahrheit“, so Sermet. Yannick sei gelegentlich dabei gewesen, das sei richtig.

Bitter beklagte sich Sermet aber, er werde in dem Verfahren durch die sonstigen Aussagen Yannicks vorverurteilt. Die belastenden Aussagen seien an vielen Punkten doch offenkundig unglaubwürdig und stark übertrieben, kritisierte er.

Seine Einlassung dauerte etwa eine halbe Stunde. Danach war niemand im Raum klüger, als zuvor. Das Gericht nicht, die Staatsanwälte nicht, die Beobachter nicht. Und auch Sermets Familie, die wie fast immer durch einen seiner Brüder im Saal vertreten war, dürfte kaum Klarheit in ihrer Ratlosigkeit über die Vorwürfe bekommen haben.

Sermets Aussage war juristisch tadellos und fehlerfrei. Aber nicht überzeugend. Also in jeder Hinsicht das Gegenteil von Ömers bisherigen Einlassung.

Der restliche Tag gehörte dann wieder Ömer. Er berichtete über seine Vorstellungswelten vor und nach seinem „Wandel“ 2008. Von seiner Meinung über den Jihad damals und heute, vom Wunsch nach Familie und einem erfüllten Leben als Muslim und der Überlegung im Jahr 2008, Heilpraktiker zu werden. Und vom „treuen Sermet“, der ein guter Freund sei.

Doch immer, wenn es richtig spannend wurde, blockte er ab. So will er sich erst nach Beratungen mit seinen Anwälten beispielsweise zum Vorwurf äußern, er habe Bekkay Harrach und Rene Marc S. als Kämpfer rekrutiert. Der Schock über seine Aussagen zum Feuerüberfall auf afghanische Soldaten und die daraus möglicherweise zusätzlich drohende Strafe sitzt nicht nur seinen Anwälten noch in den Gliedern.

Gegen Ende des Verhandlungstages herrschte eine nachdenkliche, fast melancholische Atmosphäre. Ömer hatte von seinen Begegnungen mit der ägyptischen Geheimpolizei, von harten Verhören, Arrest und Schlägen berichtet. Um dann in einem längeren Monolog seine Erfahrungen im Koblenzer Gefängnis zu beschreiben: „Unfassbar“ sei es für ihn, wie er dort behandelt würde. Ein Beamter habe ihm gleich zu Beginn einen Gebetsteppich gebracht „und sogar gezeigt, wo Mekka ist“, sagte Ömer verwundert. Er bekäme Extra-Essen, weil er kein Fleisch essen wolle. Einmal habe er sehr laut den Koran rezitiert und sei hinterher höflich gebeten worden, etwas leiser zu sein. „Können Sie mir doch gleich sagen“, habe er zu dem Wachtmeister gesagt. „Ich wollte nicht stören“, habe dieser entgegnet.

„Das krieg ich nicht in meinen Kopf“, sagte Ömer. In Ägypten sei er von einem Beamten der Geheimpolizei geschlagen und beschimpft worden, der am Kopf einen Gebetsfleck hatte und also selbst Moslem war. Ein Heuchler, wie Ömer es nannte. Und in Deutschland werde er von Nicht-Muslimen so korrekt behandelt: „Ich schäme mich schon ein bisschen“, meinte er nachdenklich.

„Das ist unser Rechtsstaat!“, entgegnete ihm die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner: „Aber es ist ja schön, mal so eine Rückmeldung über den Strafvollzug zu bekommen“.

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