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Ömer macht aus Aleem Stück für Stück einen Terroristen

19.04.2010, von

Koblenz, Tag 3 des Teilgeständnisses von Ömer Ö. Der Tag stand für die Verfahrensbeteiligten ganz im Zeichen von Beratungen – und für die Zuschauer war er mehrfach eine Geduldsprobe. Doch wer aushielt, bekam spannende Momente und Stück für Stück neue Erkenntnisse geboten. Das Verfahren in Koblenz steht am Scheideweg, so scheint es. Und das hat sich offenkundig herumgesprochen: Neben den üblichen Beobachtern des Verfahrens saßen heute zwei weitere Kriminalbeamte im Zuschauerraum. Einer aus Rheinland-Pfalz, der seit Jahren ein guter Kenner des Falls Aleem N. ist – und ein Beamter des BKA, der „einschlägige“ Vorerfahrungen aus dem Düsseldorfer Sauerland-Verfahren mitbringt. 

Der Verhandlungstag begann schon mit Verzögerung: Beide Verteidiger-Teams hatten Gesprächsbedarf angemeldet. Doch mangels einer zweiten Zelle mit Trennscheibe beriet sich Sermet I. mit seinen Verteidigern im Verhandlungssaal – was selbst einen lang gedienten Justizbediensteten zu einem ungläubigen Kopfschütteln brachte. Als es dann los ging, bekundete Ömer, er habe sich seit vergangenem Dienstag gut vorbereitet, habe schriftliche Aufzeichungen dabei und wolle nach bestem Wissen weitere Angaben machen. „Ich habe versucht, mich an jedes Detail zu erinnern -schau‘ mer Mal!“, sagte er mit einem leichten Ömer-Lächeln – das heute nicht allzu oft von ihm kommen sollte.

Zunächst wolle er ein paar Sätze zu einigen Behauptungen von Yannick sagen, begann Ömer. So habe Yannick ja behauptet, er, Ömer, habe „Stinger“-Raketen (tragbare Boden-Luft-Raketen) in Europa für Al Qaida in Afghanistan besorgen wollen. Das sei falsch und aus verschiedenen Gründen absurd. „Es ist wie Kokain von Deutschland nach Kolumbien schmuggeln“, argumentierte Ömer in kaum zu überbietender Logik. Ebenso sei die Vorstellung absurd, er habe Pistolen in größeren Mengen besorgen wollen. Weiterhin sei es auch „lächerlich“, was Yannick über die Besorgung eines Wanzendetektors für Al Qaida gesagt habe: Kein vernünftiger Mensch könne doch glauben, dass mit einem solchen Gerät Angriffe der Amerikaner auf hochrangige Al Qaida-Führer zu verhindern seien. Und schließlich habe er Aleem N. nie Emir genannt – was im übrigen auch völlig unüblich wäre, weil er – falls er ihn denn als Anführer gesehen hätte – nach den Gepflogenheiten die Anrede Sheikh hätte wählen müssen. Aber Aleem N. sei nie sein Anführer gewesen – er habe immer sein eigenes Ding gemacht.

An diesem Punkt übernahm die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner die Initiative und konfrontierte Ömer Ö. mit ihren eigenen Beobachtungen: „Hier im Gericht wirkte es anders“, sagte sie zum erstaunten Ömer. Als Aleem N. das Verfahren als Zeuge betreten habe, hätte Ömers Körpersprache klar signalisiert, dass nicht irgendwer den Raum betrat. Außerdem sei dem Gericht nicht verborgen geblieben, dass sich die beiden heimlich die Hand gegeben hätten. Richterin Dr. Kerber ergänzte: „Ein Leuchten ging über Ihr Gesicht, als ginge die Sonne auf!“. Ein Eindruck, den ich damals auch hatte. Wenngleich mir in Anbetracht des Zeugen N. weniger die Sonne, sondern eher ein übernächtigter Uhu eingefallen wäre – aber das ist eigentlich auch ein Widerspruch in sich.

Doch Ömer wiegelte ab: Er habe damals die Möglichkeit gehabt „auf vielen Hochzeiten zu tanzen“, er habe Aleem N. nicht gebraucht – und der sei auch nie sein Anführer gewesen.

Also keine Über- / Unterordnung zwischen Ihnen und Aleem? Wollte die Vorsitzende wissen.

Natürlich habe er Aleem manchmal um Rat gefragt, entgegnete Ömer mit der gleichen Selbstverständlichkeit, in der er ihn Minuten zuvor noch als völlig unwichtig abgetan hatte. Aber eben nur manchmal. Und manchmal habe sich Aleem auch bei ihm Rat geholt. Doch insgesamt sei im Aleem N. viel zu unvorsichtig gewesen. An diesem Punkt begann Ömer einige Ausführungen, die seiner eigenen Rechtfertigung dienen sollten – und ganz nebenbei Aleem Stück für Stück zum Terroristen werden ließen – so wie es ja auch schon der Senat in seinem (noch nicht rechtskräftigen) Urteil gegen Aleem gesehen hatte.

So räumte Ömer erneut ein, Nachtsichtgeräte gekauft zu haben – um sie über Aleem afghanischen Jihadisten zukommen zu lassen. Dabei habe Aleem anfangs gar keinen „richtigen“ Al Qaida-Kontakt gehabt, meinte Ömer. Erst durch seine, Ömers, Kontakte insbesondere zu Abdulrahman Hussein habe Aleem mit der Zeit „richtige“ Al Qaida-Kontakte bekommen und spätere Lieferungen „wirklich“ an Al Qaida geliefert. Auch habe letztlich Ömer Aleem und Abdulrahman Hussein miteinander bekannt gemacht. Und ja, er wisse auch, dass Aleem im Auftrag von Hussein nach Wien reisen wollte, um der Mutter des Österreichers Dinge zu übergeben. Schritt für Schritt bestätigte Ömer also Dinge, die im Prozess gegen Aleem N. noch strittig waren – und von Aleem stets bestritten wurden – und die das OLG in seinem Urteil als wahr unterstellt hat. An dieser Stelle begann die Mittagspause. Auf Wunsch der Verteidigung von Ömer sollte sie etwas länger dauern, man sah Beratungsbedarf mit dem Mandanten. Am dritten Tag seiner Teileinlassung.

Punkt 14:00 Uhr sollte es weiter gehen – doch zwei Minuten vor Termin klopfte Ömers Rechtsanwalt Kai Britzinger (Stuttgart) an das Richterzimmer und bat um eine Unterredung. „Nur Sie?“, fragte die Vorsitzende. „Alle Verteidiger“, sagte der Rechtsanwalt. Daraufhin lud die Vorsitzende alle Rechtsanwälte und die Vertreter des Generalbundesanwalts in ihr Dienstzimmer. Und auf dem Flur begann wieder das Warten. Fast eineinhalb Stunden sollte es bis zur Fortsetzung dauern. 

„Die Eröterungen waren rein rechtlicher Art“, gab die Vorsitzende danach zu Protokoll, es habe keine „Verständigung“ gegeben. Was bedeutet, dass kein „Deal“ ausgehandelt, sondern wohl darüber gesprochen wurde, wie die bisherigen oder künftigen Aussagen rechtlich zu behandeln sind oder sein könnten. Aus der Perspektive von Ömer dürfte dieses Gespräch keinesfalls zu früh gekommen sein.

Danach ging es nur schleppend weiter. Länger hielt sich Ömer mit Erklärungen auf, warum er der bessere Jihadist gewesen sei, als Aleem: So habe er immer bei unterschiedlicheren Verkäufern eingekauft, immer sofort alle Kassenbelege vernichtet und nicht einmal Fingerabdrücke auf den Geräten hinterlassen. „Das war mein Film“, sagte Ömer – und einmal mehr habe ich sehr bedauert, dass kein psychiatrischer Gutachter das Verfahren begleitet und Ömers Verhalten analysiert. Aleem habe sich immer wie ein Trottel verhalten, so Ömer sinngemäß. Als im Verfahren seine (Aleems) gesammelten Quittungen zur Sprache gekommen seien „habe ich mir innerlich an den Kopf gefasst“, so Ömer. Auch vor dem Besuch in Wien, bei dem Aleem 2008 auch prompt von einem Observationsteam der österreichischen Polizei gefílmt wurde, habe Ömer ihn eindringlich, aber vergeblich gewarnt. Damit, dass die österreichischen Polizisten Aleem N. gar nicht erkennen würden, hatte selbst Ömer offenbar nicht gerechnet (die Aufnahmen wurden nachträglich auf eine Anregung des BKA hin erneut ausgewertet und Aleem wurde entdeckt).

Wollen Sie eigentlich weiterhin in den Jihad? Wollte die Vorsitzende an dieser Stelle von Ömer wissen. Und wie schon vergangenen Dienstag, verlor Ömer an dieser Stelle die Fassung. „Das ist eine gute Frage“, begann er ausweichend, „ich möchte sie so beantworten: Ich packe das nicht mehr, es ist vorbei“, sagte er. „Was ist vorbei?“, fragte die Vorsitzende eindringlich: „Der kämpfende Jihad oder Jihad insgesamt?“. „Nee, Frau Blettner, für mich ist es gelaufen“, antwortete Ömer. Das habe er doch am Dienstag gesagt.

Doch so einfach war die Vorsitzende nicht zufrieden. Sie könne verstehen, dass Ömer die Erlebnisse nahe gehen. Doch was er bislang erzählt habe, erkläre ihrer Meinung nach nicht, wie sehr es ihn noch heute „aus der Bahn“ werfe. „Ich habe den Eindruck, Sie haben uns noch nicht alles gesagt. Da ist noch was Schlimmeres“, sprach die Vorsitzende Ömer direkt an. Doch der blockte ab. Ja, da sei noch etwas. Aber er werde nicht darüber sprechen.

„In Ihrem Herzen ist noch etwas, das nicht rauskommt“, versuchte es die Vorsitzende. „Das wird auch nie rauskommen“, entgegnete Ömer.

Viele Beobachter werden in diesem Augenblick ihre eigene Theorie gehabt haben, welches schreckliche Geheimnis Ömer noch umtreiben mag. Krieg, Leid und Tod werden wohl dazu gehören. Ich habe mich in diesem Augenblick gefragt, ob Ömer am vergangenen Dienstag vielleicht eine entscheidende Information über die vier Kriegsopfer weggelassen haben mag. Vielleicht kannte er noch mehr, als nur ein Opfer persönlich. Vielleicht sah er seinen Freund Abdulrahman sterben.

Das würde erklären, warum er so offen über seine Verwicklung in Al Qaida berichtet hatte – und warum er ihn als Kämpfer und Strategen so lobte. Aber das ist eine blanke Spekulation meinerseits.

Der Verhandlungstag war damit jedenfalls gelaufen. Morgen geht es weiter – und überraschend will nun auch Sermet I. eine Erklärung abgeben.

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