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Ömers Erwachen – und Aleem soll DHL sein

15.04.2010, von

Koblenz, am Dienstag. Es war der 2. Tag der Teileinlassung von Ömer Ö. im Al Qaida-Verfahren: „Wir haben den Eindruck, Ihnen ist etwas Furchtbares passiert, was Ihr Leben verändert hat“, hatte die Vorsitzende schon im Herbst, kurz nach Prozeßbeginn, zu Ömer Ö. gesagt. Für den Senat lag der Verdacht nahe, Ömer könnte im Terror-Lager oder bei einem Kampfeinsatz Dinge erlebt haben, die ihn bis heute belasten – und die den „Wandel“ erklären könnten, den Freunde, Bekannte – aber auch Polizeibeamte bei Ömer Ö. ab etwa dem Jahr 2008 beschreiben. Mir ist noch gut die Aussage eines baden-württembergischen Polizeibeamten in Erinnerung, der Ömer 2008 observiert hatte: Nach seiner Rückkehr aus der Türkei 2008 habe er komplett verändert gewirkt. Warum nur?

Am Dienstag setzte er seine „Teileinlassung“ fort – und erzählte, was ihm auf der Seele liegt. Dabei fand die Vorsitzende den richtigen Ton, um Ömer zum Sprechen zu bringen.

Er wolle zunächst etwas klarstellen, begann Ömer etwas unsicher. Wenn er gestern (also am Montag) gesagt habe, dass er Aktionen wie den Mord am niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh im Jahr 2004 für richtig halte, dann habe das seine damalige Einstellung betroffen. Heute habe er diese Einstellung nicht mehr. „Heute ist alles anders“, sagte Ömer – und saß ratlos auf der Anklagebank. Ohne ein Lächeln, ohne eine dieser coolen Ömer-Gesten. 

Richterin Angelika Blettner versuchte, im auf die Sprünge zu helfen. Offenkundig sei ihm ja seit dem etwas passiert. Etwas, das er als sehr schlimm empfinde und über das er nicht reden wolle. Doch, sagte Ömer, er wolle schon. „Aber wie?“, fragte er sich. „Wenn Sie es als erstes rausbringen, ist es vielleicht einfacher“, ermutigte ihn die Richterin. Ömer nickte nachdenklich und begann zu erzählen.

Ich berichte darüber in den kommenden Absätzen. Es ist tatsächlich eine blutige Geschichte aus dem Kampfgebiet in Afghanistan. Wer sie überspringen möchte, kann nach nach den drei folgenden, kursiven Absätzen weiterlesen. Im Kern steht darin: Ömer hat Leid und Tod unmittelbar erlebt.

Er habe ja bei seinem zweiten Aufenthalt 2008 in Waziristan bei einem paschtunischen Arzt gewohnt, fing Ömer an. Der Arzt sei in der Gegend sehr anerkannt, ja verehrt worden. Weil er als Arzt bedingungslos jedem geholfen habe – ohne nach Rasse oder Religion zu fragen. Und weil er Englisch konnte und auch deshalb als besonders gebildet galt. Er hätte sich gut mit diesem Arzt verstanden – und auch für Patienten aus dem Türkischen oder Arabischen übersetzt. Und außerdem hätte sein Haus eine Klimaanlage gehabt. Bereits bei seinem Aufenthalt im Terrorcamp 2006 habe er außerdem einen paschtunischen Jungen kennengelernt. 14 oder 15 sei er damals gewesen. Er habe nicht an der Ausbildung im Camp teilgenommen und sei auch kein Kämpfer gewesen. Aber er sei immer wieder aufgetaucht, wenn er oder andere Camp-Teilnehmer da gewesen seien. Der Junge habe ihnen Einkäufe gebracht, sogar die Waffen gereinigt. Ömer beschrieb ihn als einen Jungen, der seinen Vater und seine Brüder im Kampf verloren hatte und allein bei seiner Mutter lebte. Er muss Ömer und seine Kampfgefährten bewundert haben – „wenn wir da waren ist er uns nicht von der Seite gewichen“, erzählte Ömer. Keine Frage: Er mochte den Jungen. Sehr.

Eines Tages im Jahr 2008, als er bei seinem Freund dem Arzt gewohnt habe, seien plötzlich Männder gekommen und hätten den Arzt in ein Haus gerufen. Ömer ging mit. Dort lagen vier Männer auf Holzliegen, wie sie ind er Region auch als Betten benutzt werden. Alle vier waren offenkundig bei Kämpfen schwer verwundet worden. Alle vier lagen im Sterben.

Ein Mann habe nur noch einen Arm gehabt, erzählte Ömer tonlos. Der Stumpf des anderen Armes sei dick mit einem Turban verbunden gewesen – trotzdem sei überall Blut gewesen. Ein anderer Mann habe vor Schmerzen immer nur röchelnd „Allah!“ geschrien. Ömer ahmte es im Gerichtssaal nach. Aber nicht theatralisch. Es schien eher, als würde ihn die Situation wieder einholen und er die eigene Fassungslosigkeit über das Erlebte verarbeiten. „Der Mann ist wie von Sinnen gewesen“, sagte Ömer. Ein Splitter habe noch in seinem Bauch gesteckt und ein riesiges Loch gerissen. „Da war einfach nichts mehr“, sagte Ömer aufgewühlt, „gar nichts mehr“. Und dann habe er daneben seinen Freund von damals, den Jungen,  entdeckt. Auch er sei schwer verletzt gewesen. Und auch der Junge erkannte seinen großen Freund von damals – und Ömer merkte es: „Er hat leicht gelächelt“, erzählte er dem Gericht leise. Dann habe der Junge flüsternd Gott gepriesen, habe die Augen verdreht und sei gestorben. Wie die drei anderen Männer auch. Alle seien tot gewesen, sein Freund der Arzt habe nichts mehr tun können.

„Ich habe mich gefragt: Warum gibst Du Dir das? Was machst Du hier?“, sagte Ömer tonlos.

Tagelang habe er sich mit diesem Gedanken beschäftigt. Sein Freund, der Arzt, habe es bemerkt und auch mit Abdul Rahman Hussein, seinem Freund, habe er darüber gesprochen. Und dann habe er beschlossen, nach Hause zu fahren. Seit dem sei das Thema Jihad für ihn erledigt. Der Senat unterbrach die Verhandlung für eine Pause.

„Ist das das Schlimmste gewesen?“, wollte die Vorsitzende von ihm wissen. Ja, nickte Ömer. Und in der Tat: In den kommenden Stunden fing sich der Angeklagte wieder halbwegs, wurde wieder lockerer. Aber der „normale“ Ömer, wie ich ihn aus der Verhandlung kenne, kam den ganzen Tag nicht mehr zum Vorschein. Und um es vorweg zu nehmen: Die Verhandlung endete am Nachmittag früher als sonst, weil Ömer über Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme klagte.

Vorher ging es noch um die Zeit nach dem zweiten Afghanistan-Besuch 2008 und um Aleem N.

„Meine eigenen Brüder haben mich gar nicht gekannt“, sagte Ömer. „Ich habe versucht, sie da rauszuhalten“. Ein bemerkenswerter Satz. Denn die beiden Brüder von Ömer kamen von Beginn der Verhandlung an an jedem Verhandlungstag aus Sindelfingen nach Koblenz. Manchmal zu zweit, aber immer mindestens einer. Ebenso übrigens die beiden Brüder von Sermet I., auch am Dienstag ar wieder ein Bruder von Sermet im Zuschauerraum. Doch die Brüder von Ömer habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Ahnten sie, was ihr Bruder sagen würde? Und dass es doch anders war, als sie bislang geglaubt haben? Im April 2008, als Ömer „verschwunden“ war, wollte ich mit ihm über seine Rolle in den Sauerland-Ermittlungen und seine Kontakte zu Aleem N. sprechen. Doch ich traf in der Wohnung der Familie nur seinen Bruder an. Und der beteuerte mir, all die Vorwürfe seien Quatsch – und ich hatte damals den Eindruck, dass er das auch ehrlich glaubte.

Zur Rolle von Aleem N. sagte Ömer: „Aleem war für mich DHL“. Der Senat schaute erstaunt. Naja, er sei nur ein Kurier für ihn gewesen, erklärte Ömer: „Nur Mittel zum Zweck“.  Zwar habe man mit Aleem gut über den Jihad sprechen können. Doch insgesamt sei er ihm zu unvorsichtig und zu unzuverlässig gewesen. Sie seien befreundet gewesen, aber in seine Jihad-Pläne habe er ihn nicht eingeweiht. Und die Rolle, die der Senat Aleem in dessen eigenem Prozess zugeschrieben habe, die hätte er nie gehabt. Und ein Emir sei er für ihn auch nicht gewesen. Sinngemäß sagte Ömer: Von einem wie dem Aleem lasse ich mich doch nicht kommandieren.

Trotzdem gab Ömer zu, hochwertige Ausrüstungsgegenstände bei einem Jagd-Ausrüster gekauft zu haben, um sie über Aleem nach Pakistan schmuggeln und Al Qaida übergeben zu lassen. Konkret seien das 3 Nachtsichtgeräte, 5-6 Entfernungsmesser, 4-5 Ferngläser, ein Wazendetektor und Mikrofasertücher gewesen. Auch Geld habe er gegeben. Für Opfertiere. Aber Geld gesammelt habe er nie. Schon nicht, um nicht selbst als „Jihadi“ entdeckt zu werden. „Was bringt es mir, wenn ich 5 Euro für den Jihad von jemand bekomme und dafür auffliege?“, rechnete Ömer dem Senat vor. Und außerdem habe er sich ja immer harmlos gegeben, meinte Ömer. Um dann zu sagen: „Angenommen, ich wäre zuCiftci aus Braunschweig gegangen und hätte gesagt: Gib mir Geld für den Jiahd! Das hätte der mir doch gar nicht abgenommen.“

Leider fragte an dieser Stelle niemand nach, wieso Ömer nun ausgerechnet auf  Herrn Ciftici aus Braunschweig kam…  

An dieser Stelle endete die Einlassung von Ömer. Mehr will er in der kommenden Woche sagen. Und die Vorsitzende gab ihm nachdrücklich zu verstehen, dass der Senat auch noch mehr erwarte, wenn Ömer sich umfassend einlassen wolle. Denn bislang berichte Ömer  ja nur über sich oder Personen, die tot oder in Afghanistan verschollen sind. Zu Aleem N. wiegele er ab, auch zu Sermet I. sagt er nur pauschal „der ist hier auf der Anklagebank völlig falsch“ und Rene Marc  S. und Bekkay Harrach will er nicht mal kennen. Das nehme man ihm nicht ab.

Erwähnt werden soll zum Schluss noch ein aufschlussreicher Dialog am Ende der Mittagspause. Die Vorsitzende Angelika Blettner bemängelte, dass zwar die Bundesanwaltschaft und die Angeklagten im Saal waren, nicht jedoch die vier Verteidiger.

Blettner: „Ist noch keinder der Rechtsanwälte da? Ich hatte doch gesagt: Pünktlich!“

Ömer: „Von mir aus können wir ohne sie anfangen!“

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