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Vor dem Jihad noch schnell zwei Eis

12.04.2010, von

Koblenz. Es war der bislang bemerkenswerteste Tag im zweiten Koblenzer Al Qaida-Verfahren. Ömer Ö. hatte sich in der Osterpause überraschend entschlossen, ein Teilgeständnis abzulegen. Und er bekam sogleich die Möglichkeit: Alle heutigen Zeugen waren kurzfristig wieder abgeladen worden – und Ömer erhielt das Wort. Was gesah, lässt sich kurz so zusammenfassen: Ömer war anfangs unsicher und brauchte eine Weile, bis er in Fahrt kam. Dann schilderte er seinen Weg ins Terrorcamp. Und als er am Mittag seine alte Selbstsicherheit wieder gewonnen hatte, zeigte Ömer im Gerichtssaal sein wahres Gesicht – und berichtete, wie er selbst zum Mörder wurde.   

Um es mit Ömers Worten zu sagen: „Es war ganz schön heftig!“

„Ich weiss nicht recht, wie ich es sagen soll“, begann Ömer heute morgen um 10:05 Uhr seine Einlassung. Dabei lächelte er sein Ömer-Lächeln, das bislang jeder Zeuge aus seinem Umfeld als so typisch für ihn beschrieben hatte. „Fangen Sie einfach irgendwie an“, ermunterte ihn die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner. „Ich war in einem Terrorlager in Waziristan, 2006, das Datum wissen Sie ja“, sagte Ömer. Er habe sich nichts aufgeschrieben, sei nicht sicher, ob er alles zeitlich in der richtigen Reihenfolge hinbekomme. Aber er habe sich insgesamt Gedanken über seine Aussage gemacht – und sei sich sicher, die wichtigen Punkte zusammen zu bekommen. Dazu gehöre auch das Terrorlager. „Jetzt ist es raus,“ wiederholte Ömer nochmal, „ich war im Terrorlager, sogar in zwei Lagern, eines von Al Qaida und eines, das war noch viel viel heftiger“.

Im ersten Lager habe er von Al Qaida eine Waffenausbildung erhalten. Pistolen, Gewehre, Mörser, Panzerfäuste, alles sei in dem Unterricht behandelt worden. Er selbst habe sich in Waziristan für 800 Dollar eine Kalaschnikow und drei Handgranaten gekauft – und das Gewehr am Ende der Ausbildung praktisch blind zerlegen und wieder zusammensetzen können. Das Lager sei im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gewesen, aber wohl noch auf pakistanischem Gebiet. Nach einiger Zeit sei habe er sich dann um die Teilnahme an einem zweiten Camp bemüht, dass „heftiger“ war. Grund seien die „fetten Saudis“ im ersten Lager gewesen, derentwegen alles zu langsam gegangen sei. „Die haben eine Fastfood-Mentalität wie die Amis“, sagte Ömer wenig schmeichelhaft über seine Brüder. Deswegen habe er in das „heftigere“ Lager im SWAT-Tal gewollt. Das sei von den Taliban kommandiert worden. „SWAT-Tal, wissen Sie?“, fragte Ömer. Die Vorsitzende wusste – und bestellte trotzdem einen Atlas „aus der Gerichtsbibliothek im Dienstgebäude I“ zur Einsichtnahme. Der Wachtmeister brachte kurz darauf einen, nicht mehr ganz taufrischen und nicht besonders dicken „Marco Polo Weltatlas“. Auch die Justiz muss offenkundig sparen.

Mit dem Weltatlas auf dem Richtertisch wurde Ömers Reiseroute rekonstruiert: Durch die Türkei in den Iran. Durch den Iran an die Grenze zu Pakistan. Illegal über die Grenze, dann durch Pakistan nach Waziristan. Und dann eben ins SWAT-Tal. Ömer schmückte die Reise mit zahlreichen Detailgeschichten: Wie er von seiner deutschen Zahnseide (!) die Etiketten abgekratzt hätte, um keine Spuren nach Deutschkand bei sich zu haben. Wie er sich für die Fahrt durch den Iran einen Taxifahrer angeheuert und ihm abenteuerliche Geschichten über seinen Reisegrund erzählt habe. Und wie er vor dem Grenzübertritt in den Iran als letzte Handlung vor dem Jihad noch ein Eis gegessen habe – nein es waren sogar zwei, korrigierte sich Ömer selbst und lächelte verschmitzt. Und es war ausgerechnet „Magnum“.

Doch diese plaudernde Atmosphäre, die Scherze von Ömer, täuschten fast alle Anwesenden über den Ernst der Atmosphäre. Das wurde kurz vor der Mittagspause deutlich. Ömer erzählte über das zweite Lager im SWAT-Tal und darüber, wie man sich eines Tages entschlossen habe, eine Patrouille der „Heuchler – also ich meine afghanische Soldaten“ anzugreifen. Während ihm seine Anwältin Jasmin Wanka – die noch vor einigen Wochen in einem Zeitungsinterview gesagt  hatte, man könne so gut mit Ömer scherzen – mit großen Augen zuhörte und sein Anwalt Kai Britzinger immer wieder fachmännisch bei militärischem Vokabular behilflich war, berichtete Ömer detailliert von dem Angriff: Man habe zwei Jeeps aufgelauert, sie mit Panzerfäusten und Maschinengewehren beschossen. Er selbst habe mit seinem Gewehr auf die Fahrzeuge geschossen, die weit weg aber noch in Reichweite des Feuers gewesen seien. Hinterher hätten die Jeeps gebrannt und die Taliban hätten ihm gesagt, die Soldaten seien getötet worden.

Sprachlosigkeit herrschte im Raum. Es wurde zur Mittagspause unterbrochen – und dem Senat war die Bestürzung über die Aussage anzumerken. Niemand hatte damit gerechnet, dass Ömer solche grausamen Details schildern würde.

Nach der Mittagspause versuchte Ömer, etwas zurückzurudern: Er sei nicht sicher, ob die Soldaten wirklich getötet worden seien. Ausserdem sei er nur ganz am Rande beteiligt gewesen, noch dazu ganz weit weg gewesen und habe eigentlich kaum treffen können. Nur „Punkte“ seien die Jeeps gewesen. Sein Rechtsanwalt Kai Brintzinger regte hilflos an, der Senat möge doch erwägen, seinen Mandanten „rund um mögliche weitere Straftaten“ nochmals zu belehren. Zuvor hatte ihm sein Kollege Michael Ried ein juristsiches Lehrbuch nach vorne gereicht. Manchmal sagte eine Geste mehr, als viele Worte.

Der Senat fragte verständnislos nach, ob denn die Einlassung nicht mit den Anwälten besprochen sei. Offenkundig nicht in diesem Umfang. Die Verteidigung erbat eine Pause.

Nach dieser Pause ging die Einlassung weiter – und wird auch morgen fortgesetzt werden. Doch richtig Fahrt nahm sich nicht wieder auf. Zu groß schien bei Ömer die Unsicherheit. Ob es der Verteidigung bis morgen gelingt, diese Unsicherheit zu beheben? 

Morgen soll es jedenfalls auch um die Rolle von Sermet I. gehen. Ihm geschehe Unrecht, betonte Ömer heute. Nach den Erfahrungen des heutigen Tages dürfte Sermet I. diese Aussage wohl eher Sorgen machen, als ihn entlasten.

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