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Pathologe und BKA mit Streifen, Ermittlungsrichter mit Schwiegersohn

22.03.2010, von

Koblenz. Heute ging es im Al Qaida-Verfahren um höchst unterschiedliche Fragestellungen: Welche Verletzungen hat Aleem N. 2007 in Pakistan an seinem Arm erlitten? Wie wird man beim BKA Fachfrau für Terrorcamps? Hat Ömer Ö. Chancen, einen Ermittungsrichter am BGH als Schwiegervater zu bekommen? Und was war los mit der Lautsprecheranlage am Oberlandesgericht? Hier die Antworten:

Als erster Zeuge erschien der Mainzer Rechtsmediziner Prof. Dr. med. Dr. rer nat. Reinhard Urban, Leiter der Rechtsmedizin und zugleich Wissenschaftlicher Vorstand der „Universitätsmedizin Mainz“, wie sich die Uniklinik inzwischen nennt. „Der erste Doktor ist für Medizin, der zweite für Chemie“, teilte der Professor ungefragt mit – und gab damit die Dynamik der Zeugenbefragung vor. Routiniert erzählte er von der Untersuchung von Aleem N., dessen Verletzungen am rechten Arm er nach der Festnahme am 25. August 2007 untersucht hatte. War es heisses Öl, Sprengstoff, ein Feuerwerkskörper oder gar roter Phosphor? Ganz eindeutig konnte es Urban schon im Prozess gegen Aleem N. nicht sagen. Doch wie damals bemerkte er zahlreiche Widersprüche in den Schilderungen des Patienten: Seine Verletzungen hätten nur bedingt zu seinen Erzählungen gepasst, sagte Urban und erläuterte mit einer Selbstverständlichkeit, zu der wohl nur Pathologen (Rechtsmediziner! siehe hier) fähig sind, die Besonderheiten von Verletzungen durch heißes Öl („Abrinn-Spuren wie Strassen“) und Explosionskörpern („kreisförmige Sprenkelungen wie Pickel“). Die Vorsitzende Richterin hatte Mühe, den Redefluss des Rechtsmediziners zu stoppen. Die Befragung dauerte 45 Minuten und war durchaus kurzweilig. Offenkundig hat Prof. Urban übrigens ein Faible für Fliegen: Nein, nicht Verwesungsfliegen, wie mancher Rechtsmediziner im Roman, sondern Fliegen in der modischen Bedeutung des Wortes. Denn nicht nur hier trägt er eine. Auch heute vor Gericht erschien der Pathologe Rechtsmediziner mit einer (anderen) rot-gestreiften Fliege.

Etwas andere modische Akzente, aber ebenfalls unter Beteiligung roter Streifen, setzte die Kriminalkommissarin Franziska S. vom BKA aus Berlin. Sie hatte rot gefärbte Strähnen in ihren schwarzen Haaren – stilecht für eine sympathisch-burschikose Berlinerin. Die Vorsitzende hatte sie als „die Expertin für Terrorcamps beim BKA“ angekündigt und besprach mit ihr einen Vermerk aus den Ermittlungsakten. Schnell stellte sich dabei aber heraus, dass Kommissarin S. ihren Vermerk auf ältere Ermittlungsergebnisse von BKA, BND und Verfassungsschutz sowie auf Videos aus Terrorlagern gestützt hatte. Weitergehende Fragen konnte sie demnach (und zum Missfallen der Verteidigung) nicht beantworten. Zur Zeit der fraglichen Videosequenzen (von denen der Zeuge Yannick N. berichtet hatte) war sie auch noch gar nicht beim BKA. Gut möglich, dass also dazu noch ein neuer Beweisantrag der Verteidigung kommen wird.

Da die nur bedingt zuverlässige AV-Technik am Oberlandesgericht aber während der Befragung der BKA-Beamtin halbwegs funktioniert hatte, entschied die Vorsitzende, gleich auch noch einen ZDF-Beitrag auf dem Jahr 2001 vorzuführen. Aleem N. äußerte sich darin zu Vorwürfen gegen ihn, er habe nach dem Anschlag vom 11. September 2001 die Attentate verherrlicht und Drohungen ausgesprochen. N. stand mit einem gewaltigen Propheten-Bart und in traditioneller Kleidung vor seinem Haus in Germersheim und bekundete, er sei kein Terrorist. Ein wahrer Jihadist würde im übrigen zunächst seinen Bart abrasieren, damit er sich nicht verdächtig mache, erklärte er in die Kamera. Bei seiner eigenen Verhandlung 2008/2009 trug er diesen Propheten-Bart nicht mehr.

Zu meiner großen Überraschung stellte ich übrigens im Abspann des (mir in Auszügen eigentlich bekannten) ZDF-Beitrags fest, dass der damalige ZDF-Kameramann heute beim SWR arbeitet und ein Freund von mir ist. Beruflich war unser größter Spaß, im Sommer 2005 einen Film über „Haftungsfragen bei Schwimmbadrutschen“ für den ARD Ratgeber Recht zu drehen – mit Unterwasserkamera und einem Gesetzbuch, das wir im Schwimmbad versenkt haben („die Ansprüche können baden gehen“). Doch das nur am Rande 😉

Höhepunkt des Tages war schliesslich der Auftritt des ehemaligen Ermittlungsrichters II beim Bundesgerichtshof, Dr. Dieter Wolst. Er sollte über die Eröffnung des Haftbefehls gegenüber Ömer Ö. sowie zur richterlichen Vernehmung von Yannick N. aussagen. Das gelang jedoch nicht störungsfrei: Zwischenzeitlich musste unterbrochen werden, weil die Verhandlung plötzlich über einen unerklärlichen technischen Defekt nicht nur im Saal, sondern auch über Lautsprecher in den Fluren des OLG zu hören war. Das Problem konnte nach einiger Zeit behoben werden. Nach meinem Eindruck sogar ohne die Wanzendetektoren aus der Asservatenkiste.

Der bedächtige Dr. Wolst ist schon kurz nach seiner Pensionierung eine kleine Legende als ehemaliger Ermittlungsrichter. Zahlreiche Terrorverdächtige saßen vor seinem Schreibtisch, zahlreiche Beschlüsse hat er getroffen, manche auch nicht erlassen. Selten zur Freude aller Beteiligten. Staatsanwälten gegenüber soll er ähnlich kritisch gewesen sein, wie gegenüber den zahlreichen Beschuldigten. Der „Kofferbomber“ wurde von ihm in Untersuchungshaft geschickt, ebenso die Sauerlandgruppe, Ömer Ö., Aleem N. und Sermet I. Dabei habe er immer versucht, „nicht so gestelzt zu sprechen“, wie es im Gesetz stehe, erklärte Dr. Wolst heute. Und Ömer Ö. habe er als sympathisch empfunden. Dann kam folgender Dialog:

Dr. Wolst: „Ich habe zu meiner Kollegin, der Schreibkraft, gesagt: Das ist ein Typ, wie man ihn sich als Schwiegersohn wünscht!“

Vors. Richterin Blettner (schmunzelnd): „Haben Sie denn eine Tochter zu vergeben?“

Dr. Wolst: „Nein, ich habe einen Schwiegersohn.“

Ömer Ö. habe ihn durch seine Art beeindruckt, so Dr. Wolst. Gleichwohl erliess er Haftbefehl. Sehr positiv hatte sich übrigens schon zuvor eine Angestellte der Polizei Böblingen über Ömer geäußert: 17 Jahre lang habe sie als Schreibkraft Vernehmungen mitbekommen. Kaum jemand sei so gewandt gewesen, wie Ömer. „Das findet man selten!“. Spricht das für Ömer oder gegen die Kundschaft der Böblinger Polizei?

Zurück zu Dr. Wolst: Am Ende gab es noch ein Lob für ihn von Sermet I. Dr. Wolst sei „ein Riesenglück“ für ihn gewesen. Als er nach seiner Verhaftung auf dem Flughafen völlig übermüdet gewesen sei, habe Dr. Wolst seine Anhörung verschoben. Der Richter habe ihm damals sogar sein Handy geliehen, damit er einen Anwalt anrufen konnte. Das habe ihm die Polizei zuvor durch Hinhalten verweigert, so Sermet.

Dr. Wolst nahm das Kompliment so gelassen, wie die gesamte Vernehmung: „Ob ich ein Riesenglück war, weiß ich nicht. Ich habe versucht, es nach dem Gesetz zu machen“, sagt er.

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