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GPSP: Gutes Plädoyer, schlechtes Plädoyer

17.02.2010, von

Heute gab es also das Plädoyer für Daniel Martin Schneider. Wie schon bei Fritz Gelowicz teilten sich die beiden Verteidiger Johannes Pausch (Düsseldorf) und Bernd Rosenkranz (Hamburg) die Aufgabe. Es begann Johannes Pausch und legte den bislang inhaltlich und rhetorisch besten Schlussvortrag hin: Ohne Theater, Kalauer oder Proseminar: Pausch sprach frei, verlas nur Zitate wörtlich und plädierte ruhig und konzentriert. Ich habe gerne zugehört, wie er Daniel Schneider aus seiner Sicht schilderte.

„Erstmals begegnet sind wir uns in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt (Hessen)“, erzählte Pausch. Er habe einen „höflichen, zurückhaltenden, misstrauischen und verschlossenen“ jungen Mann kennen gelernt. Seit dem, also seit September 2007, habe er versucht, sich diesem Menschen anzunähern und seine Beweggründe zu verstehen, wie er es mit allen seinen Mandanten versuche. Doch diesmal sei es eine sehr schwierige Aufgabe gewesen und ihm nur sehr teilweise gelungen, so Pausch selbstkritisch. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe habe es mit einem außerordentlichen Einsatz besser geschafft, sich Daniel zu nähern: „Was mir nicht gelungen ist, ist Frau K. gelungen!“

Trotzdem, oder gerade wegen dieser Erkenntnisse, bewertete Johannes Pausch die Verschlossenheit seines Mandanten als eine Art Schlüssel zum Verständnis von Daniel Schneider: „Er hat nie gelernt, über sich selbst zu reden“, stellte er fest und benannte – im Einklang mit den Eindrücken der Jugendgerichtshilfe – auch den Grund: Sein desolates Elternhaus habe ihm eine normale emotionale Entwicklung unmöglich gemacht. Er habe als Heranwachsender Eltern gehabt, die nicht dazu beigetragen hätten, ihn zu stabilisieren, da sie genug eigene Probleme gehabt hätten. Und Daniel Schneider habe darauf reagiert, indem er sich zur Zeit der Scheidung seiner Eltern völlig zurückgenommen habe, um nicht deren Situation mit eigenen Problemen oder Bedürfnissen schwieriger zu machen.

Doch die Situation der Eltern habe sich mit der Scheidung nicht verbessert. Im Gegenteil: „Beiden Eltern ging es nach der Trennung schlechter, als zuvor“, so Pausch. Psychisch im Fall der Mutter, gesundheitlich dem Vater. Zudem hätten die (geschiedenen) Eltern versucht, sich gegenseitig zu bespitzeln und Daniel dazu zu benutzen. Darunter habe er extrem gelitten. Bis heute sei es ihm peinlich und unangenehm, über seine Familie zu sprechen. Doch als sein Anwalt tat Johannes Pausch es trotzdem, wenn auch einfühlsam und leise. Trotzdem (bzw. gerade deswegen) bemerkte der Anwalt zwischendrin mit Blick auf seinen Mandanten: „Ich hoffe, ich bin ihm nicht zu nahe getreten“.

Das waren bewegende Momente seines Schlussvortrages. Aber in der Gesamtschau vermochten sie nicht, den Blick auf die beiden Taten zu verstellen: Die Planung der Anschläge und den Angriff auf den Polizeibeamten F. Verstehen konnte man beides auch nach dem Plädoyer nicht. Aber die Biographie von Daniel Schneider wurde nachvollziehbarer.

Für die Zukunft zeichnete Johannes Pausch schließlich ein hoffnungsvolles Bild: „Er scheint Kompass und Geländer gefunden zu haben“, sagte der Anwalt. Letztlich festlegen wollte er sich aber nicht: Das seelische Chaos seines Mandanten sei „zwar aufgeräumt, aber noch nicht aufgearbeitet“. Aber immerhin: Daniel wolle in der Haft sein Abitur nachholen und habe den Gedanken, ein Gotteskrieger sein zu wollen, aufgegeben.

Mit diesen Sätzen hat Johannes Pausch nach meinem Eindruck die persönlichen Brüche in Daniel Schneiders bisherigem Leben gut getroffen und einen wirklich eindrucksvollen Schlussvortrag abgeliefert. Doch die geforderte Freiheitsstrafe (weniger als 10 Jahre Haft) scheint mir dann doch zu sehr von der Sicht des Sozialarbeiters Pausch geprägt.

Hier hätte der Tag dann besser geendet. Doch es ging weiter.

Nach einer kurzen Pause begann Bernd Rosenkranz sein Plädoyer. In seiner schnoddrigen Art räsonierte er über die Vergleichbarkeit von RAF und der Sauerlandgruppe (seiner Meinung nach unvergleichbar, weil RAF viel brillanter), kritisierte die vermeintliche Beteiligung von Nachrichtendiensten am Verfahren und gab am Ende praktische Tipps, wie Terroristen und Polizei ihren jeweiligen „Job“ hätten besser machen können. Alles anscheinend nach dem Motto: Ich lasse mir meine Meinung doch nicht durch Fakten kaputt machen und möchte reden, ohne vom Vorsitzenden unterbrochen werden zu können.

So sei der Zugriff auf das Ferienhaus in Oberschledorn völlig unprofessionell gelaufen und insgesamt „unsinnig“ gewesen. Es hätte gereicht, das Haus zu umstellen und die drei Angeklagten mit einem Megaphon zur Aufgabe zu bewegen (ein Schelm, wer hier an die Bilder von der Baader-Festnahme denkt). Schließlich habe es sich bei der Gruppe doch um Dilettanten gehandelt, die nicht mal eine gescheite Konspiration hinbekommen hätten. Er hätte als Bomben-Bauwerkstatt ein anonymes Hochhaus mit Fahrstuhl in die Tiefgarage gewählt, so Rosenkranz („wie damals bei der RAF“ addierte ich im Geiste zu seinem Vortrag und glaubte begriffen zu haben, dass Rechtsanwalt Rosenkranz noch sehr von der guten alten Zeit geprägt ist). Schließlich unterstellte er noch diversen Beteiligten im Umfeld der Sauerlandgruppe die Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz (darunter auch Mevlüt K.) und fand bei der Sauerlandgruppe „Sponti-Denken“ (allerdings ohne das adjektiv sympathisch hinzuzufügen) und rückte Daniel Schneider in die Nähe von „Bommi“ Baumann (früheres Mitglied des „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“ und Mitbegründer der Terrororganisation „2. Juni“). Da war sie wieder, die gute alte Zeit.

Nun gibt es Strafverteidiger, die das Schlussplädoyer ohnehin für überbewertet halten. Es könne nichts mehr bewegen, was nicht zuvor in der Beweisaufnahme geleistet wurde. Stattdessen diene es nur der Stimmung des Mandanten und der Wahrnehmung des Anwalts in der Öffentlichkeit. Trifft diese Auffassung zu, ist Daniel Schneider immerhin heute kein Schaden entstanden.

Bundesanwalt Volker Brinkmann aber (der zutreffend anmerkte, er liefe Gefahr als „Oberlehrer“ dazustehen, weil er alle Plädoyers kommentiere) schäumte dagegen:
Der vorgeworfene Dilettantismus träfe wohl weniger die Ermittlungsbehörden, als andere im Raum, schimpfte er. Und spielte unzweideutig auf juristisch fehlerhafte Anträge von Rosenkranz an. Die Kritik am Polizeieinsatz verbat er sich – und erklärte die Panne beim Zugriff, durch die Schneider der GSG 9 entkommen konnte, mit der spontanen Entscheidung zum zugreifen, weil Fritz Gelowicz Minuten später die Wohnung verlassen wollte. So gab es am drittletzten Verhandlungstag dann noch eine winzige Neuigkeit. Eine Strafe im einstelligen Bereich nannte Brinkmann im Übrigen nicht vermittelbar: „Die Menschen auf der Straße würden das nicht verstehen!“.

Da wir gerade bei „nicht verstehen“ sind: Bernd Rosenkranz schloss seinen Vortrag mit einem Zitat von – Achtung! – Napoleon, das er den Alliierten Truppen in Afghanistan widmete.

„Es gibt zwei Mächte in der Welt: Das Schwert und den Geist.
Am Ende wird der Geist immer siegen!“

Na dann.

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