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Beeindruckend ./. Schwachsinn

10.02.2010, von

Die Meinungen hätten unterschiedlicher nicht sein können: Bundesanwalt Volker Brinkmann fand das Plädoyer für Adem Yilmaz „beeindruckend„, er habe Gedanken gehört, über die er noch nachdenken wolle und „habe gerne zugehört„. Der Mandant selbst zischte: „Das ist Schwachsinn!“ und war zwischenzeitlich rot vor Erregung. Heute gab es also das zweite Plädoyer im Sauelandverfahren: Rechtsanwältin Ricarda Lang (München) ergriff das Wort – bzw. fand ihre Stimme wieder. Denn seit Wochen hatte sie in dem Verfahren nichts mehr gesagt, ihr Kollege Karl Engels (Essen) hatte in dieser Zeit die Gespräche mit dem Mandanten übernommen und sich in der Verhandlung geäußert.

Lautstarke Proteste soll Adem Yilmaz zwischenzeitlich angedroht haben, falls seine Verteidigerin sich noch einmal in der Hauptverhandlung äußere. Heute durfte sie offenkundig sprechen, aber Adem Yilmaz bebte nach wenigen Minuten Schlussvortrag.

Hatte er gestern noch konzentriert zugehört, so schaute er heute zunächst genervt in die Luft, rollte die Augen, lächelte spöttisch. Das entging auch der stellvertretenden Vorsitzenden Richterin Barbara Havlitza nicht. Sie bat daraufhin eine Wachtmeisterin, einen Aktenordner zu entfernen, der ihren Blick auf Adem Yilmaz beeinträchtigte. Auch der Senat interessierte sich also dafür, wie der Angeklagte auf das Plädoyer reagierte.

Ricarda Lang beschäftigte sich in ihrem Plädoyer mit der religiösen – oder vermeintlich religiösen Dimension der Tat. Ihre These: Es sei falsch, von einer „salafistisch-wahabitisch geprägten Tat“ zu sprechen, genauso, wie es sich nicht insgesamt um eine religiöse Tat gehandelt habe. Denn es sei bei genauer Betrachtung offenkundig, dass es sich bei den Vorstellungen ihres Mandanten um falschverstandene Religion handele. Denn sonst wären viele tausend Muslime, die dem salafistischen Wahabismus angehören, Terroristen. Deswegen solle doch auch die Bundesanwaltschaft künftig von „Jihadi-Salafisten“ sprechen – oder von einer falsch verstandene religiösen Ausrichtung.

Damit hat die Strafverteidigerin zweifellos recht – aber wie sehr hilft das weiter? Die Geschichte ist voll von Beispielen missdeuteter oder missbrauchter Ideologien und Religionen. Dabei steht der Islam Seite an Seite mit dem Christentum und anderen Religionen. Niemand ist in dem Verfahren auf die Idee gekommen, Muslime oder Anhänger bestimmter Glaubensschulen unter Generalverdacht zu stellen. Das aber die radikalen Vorstellungen des Wahabismus salafistischer Prägung Menschen wie den Angeklagten aus deren eigener Sicht die (vermeintliche) Rechtfertigung für ihr Tun geben, ist Tatsache. Wenn in den USA ein vom Christentum geprägter, radikaler Abtreibungsgegner einen Arzt tötet, der Abtreibungen durchführt, wie sehr hilft dann die Feststellung weiter, dass das nicht im Sinne des Christentums ist? Falls sich Ricarda Lang in der Pflicht sah, den Islam vor Fehldeutungen zu schützen, so habe ich diese Fehldeutungen im Prozess bislang nicht bemerken können. Ihr Plädoyer hatte jedenfalls teilweise Tendenz zu einem islamwissenschaftlichen Proseminar. Mit Quellentexten: „Die schlechteste, unmoralischste, unislamischste und feigste Idee ist es, Anschläge in Deutschland zu verüben„, zitierte sie einen durchaus beeindruckenden Brief eines anonymen Muslims an seine Glaubensbrüder.

Aber Ricarda Lang ging es noch um etwas anderes: Sie wollte ihrem Mandanten schlicht die geistige Möglichkeit absprechen, die ideologische Dimension seiner Tat zu begreifen. „Hätte Yilmaz Al-Maqdisi gelesen und verstanden„, sagte die Strafverteidigerin mit Blick auf einen bekannten islamistischen Hassprediger, „dann wäre er nicht auf die Idee gekommen, Anschläge [in Deutschland] zu verüben„. Und weiter: „Nicht allein das religiöse Fachwissen scheint beim Angeklagten Yilmaz begrenzt zu sein„, so Lang – und an der harschen Reaktion von Adem Yilmaz konnte man sehen, dass er zumindest diese Bosheit verstanden hatte. Doch es ging weiter: „Er beherrscht nicht das geschliffene Wort, sondern bevorzugt die ungehobelte Form„, sagte die Anwältin. Wobei ich mir der Gedanke kam, dass man nur „bevorzugen“ kann, wenn man eine Auswahl an Verhaltensweisen zur Verfügung hat. Heute bevorzugte Adem Yilmaz jedenfalls den halbwegs friedfertigen Auftritt.

Wichtig war der Anwältin noch, ihn als die treibende Kraft der Geständnisse zu präsentieren: Ihr Mandant habe bereits vor Beginn der Hauptverhandlung mit seinem Geständnis begonnen, erklärte Ricarda Lang und wollte damit sagen: Lange vor den anderen Angeklagten. Mein Eindruck: Eine politikreife Erklärung. Denn sie ist weder ganz falsch, noch ganz richtig. Denn vor dem Prozess hatte die Verteidigung noch betont, Adem Yilmaz habe zwar etwas ausgesagt, aber „ausschliesslich“ mit dem Ziel, seinem kleinen Bruder die damalige Untersuchungshaft zu ersparen – in dem er ihn entlastete. War das damals Taktik oder heute der Versuch einer Umdeutung? Das Gericht wird es wissen und die Aussage entsprechend bewerten. Ausserdem habe Yilmaz vor seinem Geständnis keinesfalls die Zustimmung von Fritz Gelowicz bedurft, erklärte Lang. Das war der Punkt, an dem Adem laut vernehmlich zu Daniel Schneider zischte: „Das ist Schwachsinn!“.

Ricarda Lang forderte für Adem Yilmaz eine Freiheitsstrafe „weit unter den Vorstellungen des Generalbundesanwalts!“ (dieser hatte für Yilmaz 11 Jahre und 6 Monate Haft gefordert).

In zwei Wochen haben die Angeklagten die Möglichkeit zu einem Schlusswort. Man darf gespant sein.

Beeindruckt hat mich an dem Plädoyer von Ricarda Lang übrigens, wie umfangreich sie aus den Vernehmungen in der Hauptverhandlung zitieren konnte. Minutenlange Dialoge zwischen dem Senat und Adem Yilmaz gab sie in wörtlicher Rede wieder. Da ein Mitschnitt der Hauptverhandlung für die Verteidigung verboten ist, muss Ricarda Lang sehr schnell schreiben können.

In der kommenden Woche sind die Verteidiger von Daniel Schneider und Atilla Selek mit ihren Schlussvorträgen dran.

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Kommentare zu „Beeindruckend ./. Schwachsinn“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Olaf
    schreibt am 10. Februar 2010 13:25 :

    „Da ein Mitschnitt der Hauptverhandlung für die Verteidigung verboten ist, …“
    Ist das nicht genrell verboten? Also auch für Zuschauer, Staatsanwaltschaft und das Gericht selber?

    Antwort: Es ist wie bei Radio Erwin: Im Prinzip ja. Nach § 169 GVG sind Bild- und Tonaufnahmen während der Verhandlung unzulässig. Im Sauerlandverfahren wurden jedoch, wie auch bei früheren Verfahren, Zeugenbefragungen mit Zustimmung der Betroffenen durch den Senat mitgeschnitten, um die Aufzeichungen der Senatsmitglieder im Nachhinein überprüfen zu können. Dabei betonte der Vorsitzende regelmäßig, die Aufzeichnungen seien wirklich nur für diesen Zweck und würden danach sofort vernichtet. Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling spielte damit auf die „Stammheim Tonbänder“ an, die 30 Jahre nach dem ersten großen RAF-Prozess plötzlich wieder auftauchten. Dazu gibt es hier einen Radiobeitrag von mir aus dem Jahr 2007.

  2. db
    schreibt am 11. Februar 2010 18:51 :

    Ich habe einen kurzen Beitrag über das seltsame Plädoyer von Frau Lang geschrieben, siehe http://jihadisalafismus.wordpress.com/2010/02/11/rechtsanwaltin-ricarda-lang-und-ihr-pladoyer-fur-adem-yilmaz/

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