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„Transfer“-Leistung: Die Yousif-Gruppe

08.02.2010, von

Bevor morgen die Verteidigung mit ihren Schlussvorträgen beginnt, möchte ich kurz das Augenmerk auf einen wohl kommenden Islamisten-Prozess in Stuttgart lenken, der sich mit einer vermuteten kriminellen Vereinigung beschäftigt. Es gibt interessante Verbindungen zur Sauerlandgruppe – bzw. zu Personen, die bereits als Zeugen im Sauerlandverfahren gehört wurden. Die Polizei ermittelte unter dem Titel „Ermittlungsgruppe Transfer“.

Ich habe diese neue „kriminelle Vereinigung“ für mich die „Yousif-Gruppe“ gennant. Sie besteht aus mindestens sieben Personen, von denen seit vergangener Woche drei in Untersuchungshaft sitzen.

Zu ihr gehört zum Beispiel Ranie M. aus Ulm. Er wurde am Mittwoch festgenommen, der Untersuchungsrichter erließ Haftbefehl. In der Ulmer Szene ist sein Name lange bekannt, aber auch aus dem Sauerlandverfahren kennt man ihn. Unter anderem, weil er eine Art geistiger Mentor für Atilla Selek gewesen sein soll – die beiden kannten sich aus Jugendtagen, verloren sich aber zunächst aus den Augen. Als sie sich vor einigen Jahren wiedertrafen, war Ranie bereits eine feste Größe in der Islamistenszene von Ulm / Neu-Ulm. Er soll Atilla zum „wahren“ Glauben gebracht haben. Aus der Perspektive der Selek-Verteidigung dürfte M. also eine Art Sündenbock für dessen Radikalisierung sein – falls man in der Radikaliserung eine Sünde sieht.

Ebenfalls aus diesem Dunstkreis stammt der 29jährige Peter B., der einst in Ulm Kassenwart des „Islamischen Informationszentrums“ war (ein Kuriosum: auch vor Menschen, die nicht gerade mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sondern mindestens einbeinig auf dem Weg in ein Kalifat (Gottesstaat) sind, macht das deutsche Vereinsrecht nicht halt: Kassenwart!). Im Sauerlandverfahren sollte B. sich dazu äußern, warum Adem Yilmaz und Dana B. ausgerechnet mit seinem Auto in der Silvesternacht 2005 um die Hanauer Lamboy-Kaserne kurvten. Wie zu erwarten, konnte oder wollte sich Peter B. das auch nicht erklären. Auch soll er ein guter Bekannter von Fritz Gelowciz sein und bei Observationen zusammen mit dem mutmasslichen Al Qaida-Mann Ömer Ö. gesehen worden sein.

Gleiche Kennverhältnisse gelten für Omar Yousif, den Sohn von Dr. Yehia Yousif. Auch er ist Beschuldigter im aktuellen Verfahren. Vater und Sohn vermuten die Ermittlungsbehörden in Saudi-Arabien – den Vater kann man dort mit etwas Ausdauer im Internet finden, er ist offenbar wieder als Arzt tätig. In Ulm und Neu-Ulm soll er Anfang des Jahrzehnts als maßgeblicher Hassprediger gewirkt haben, im Rahmen des „Multi-Kultur-Hauses“ (MKH – in Anlehnung an ‚Mekka‘). Zu ihm führen fast alle Stränge der deutschsprachigen Islamistenszene – auch die mutmasslichen Al Qaida-Mitglieder Aleem N., Ömer Ö., Sermet I. und Bekkay H. sollen ihn gut gekannt haben – die „Sauerländer“ sowieso.

Nun gibt es gegen seinen Sohn einen Haftbefehl, gegen den Vater besteht schon länger ein Einreiseverbot der Ausländerbehörde Neu-Ulm (das bislang auch einer gerichtlichen Vernehmung von Dr. Yousif im Wege stand). Gegen seinen Schwiegersohn, Thomas Dominik D., hat das Amtsgericht Stuttgart ebenfalls Haftbefehl erlassen – spätestens hier dürfte also klar sein, warum ich die Gruppe für mich „Yousif-Gruppe“ nenne.

Zum aufgelösten „Islamischen Informationszentrum“ in Ulm (Motto: Islam ist Frieden“) gehörte seit der Gründung 1999 übrigens noch eine weitere Person, die die Ermittler ebenfalls der „Transfer“-Gruppe zurechnen: Der 59jährige Ahmed A., der einige Zeit sogar erster Vorsitzender des IIZ war. Dieses Amt hatte er bis zum August 2002 inne (bis er von Tolga D. abgelöst wurde). Schließlich noch auf der Polizei-Liste der Gruppenmitglieder: Der Konvertit Antonio M. aus Wiesbaden und Ramez A. aus Bonn (beide in Haft).

Alle sieben sollen ein Netzwerk aufgebaut haben, das fast wie eine Casting-Show funktionierte: Über Sprachkurse im Nahen Osten und mit Hilfe von saudischen Spendengeldern für die Mission sollen sie nach geeigneten Kandidaten für den „heiligen Krieg“ gesucht haben. „Höchst wackelig“ nennt diese Schlussfolgerung Mutlu Günal, einer der mit dem Verfahren befassten Strafverteidiger, von „mühevoller Kleinarbeit“ und einem „langen Atem“ seiner Leute spricht ein Chef-Ermittler in dem Stuttgarter Fall. Klar ist: Die Polizei hat in dem aktuellen Fall eine Menge Erkenntnisse zusammen getragen, die sie schon aus anderen Verfahren hatten: Zum Beispiel aus der Ermittlungsgruppe „Wecker“ oder der Ermittlungsgruppe „Zeit“, also aus dem Sauerlandverfahren…

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Kommentare zu „„Transfer“-Leistung: Die Yousif-Gruppe“

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  1. MH
    schreibt am 9. Februar 2010 20:02 :

    Erst wird ein Gesetz geschaffen, das bewusst schwammig und universell auslegbar gehalten jegliche Vorbereitungshandlungen zu Terroranschlägen unter Strafe stellt, und nun beginnt die Islamistenverfolgung. Diese Vorgehensweise erinnert an dunkle Zeiten deutscher Geschichte und an ein Justizgebaren, das längst überwunden schien. Die neue Definition einer „islamistischen kriminell-terroristischen Verneinigung“ muss wohl wie folgt lauten:
    Wer sich selbst oder andere radikalisiert, an Terrorcamps weiterempfiehlt oder mit dem Dschihad als Kampf gegen US-amerikanische Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen sympathisiert oder allgemein den Dschihad propagiert, der ist als Mitglied zu definieren und daher für alle weltweit verübten oder geplanten Terroranschläge auch ohne persönliche Tatbeteiligung mitverantwortlich und in dessen Folge zu bestrafen.
    Eine Unrechtsjustiz in Verbindung mit willkürlichen Machdemonstrationen des Staates, das ist Prävention im Rückwärtsgang. Es ist unendlich traurig, dass weder Politiker noch Justiz und Polizei dazu in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen. In einem freien Land gehören nur Taten bestraft, nicht aber Gesinnungen inklusive Religionsauslegungen, Wertevorstellungen und Weltanschauungen.
    Aber wer wird sich schon die politisch unkorrekte Frage nach Ursache und Wirkung stellen, sollten in Deutschland doch einmal „echte“ Terroranschläge verübt werden?

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