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Exploration der Explorateure

22.12.2009, von

Heute haben Prof. Norbert Leygraf und seine beiden Mitarbeiter, Dr. Norbert Seifert und Dr. Dietrich Schalast vom „Institut für Forensische Psychiatrie“ an der Universität Duisburg-Essen , ihre Gutachten über die vier Angeklagten vorgetragen. Ging es anfangs recht zügig, so wurde daraus am Nachmittag eine etwas zähe Angelegenheit. Prof. Leygraf trug über Fritz Gelowicz und Atilla Selek vor. Dr. Seifert befasste sich mit Adem Yilmaz und Dr. Schalast mit Daniel Schneider. Um es vorweg zu nehmen: Dabei kamen interessante Details, aber keine grundlegend neuen Erkenntnisse heraus. Und Adem Yilmaz bastelte ein Schiff.

Ich hatte es ja gestern schon vermutet: Angenehm wurde es heute für keinen der Angeklagten. Nervös wie selten wirkten vor allem Adem Yilmaz und Atilla Selek zu Verhandlungsbeginn. Daniel Schneider war in sich gekehrt. Nur Fritz Gelowicz gab sich so gelassen, wie sonst auch.

Bis auf Atilla Selek, der Teilgespräche zugelassen hatte, waren die Angeklagten nicht zu Gesprächen (zur „Exploration“) mit den beiden Psychiatern und dem Diplom-Psychologen Schalast bereit, betonte Prof. Leygraf in seiner Einleitung. Auch Angaben von Familienmitgliedern während der polizeilichen Ermittlungen, die die drei Gutachter in der ersten Version ihrer Untersuchung noch berücksichtigt hatten, konnten nicht verwendet werden: Die Angehörigen haben inzwischen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Deswegen stütze man sich nur auf die Akten und den Eindruck in der Hauptverhandlung, erklärte Prof. Leygraf.

Dann ging es mit Gelowicz los: Die Familiengeschichte wurde, wie später auch bei den anderen Angeklagten, noch einmal zusammengefasst. Sein Schulweg, seine Rechtschreibprobleme, die Scheidung seiner Eltern, die Zuwendung zum Islam, der Kontakt mit dem „Multi-Kultur Haus“ (MKH) in Ulm wurden thematisiert. Seine taktische Kriegsdienstverweigerung („Bundeswehr bringt mir nichts“) und sein wechselndes Engagement an der Fachhochschule. Prägende Personen in den vergangenen Jahren seien Tolga D. und Dr. Yehia Yousif in Ulm gewesen, so Leygraf.

Fritz Gelowicz mache einen ruhigen und gepflegten Eindruck in der Hauptverhandlung, er sei offenkundig um sein äußeres Erscheinungsbild bemüht, befand der Gutachter. Auch sonst kalkuliere Gelowicz deutlich seine Außenwirkung. So sei ihm eine künstliche Sprache und merkwürdige Satzstellung aufgefallen, so Leygraf. Ganz im Gegensatz zu der schwäbelnden Sprache der Abhörprotokolle. Er wolle damit seine eigene Bedeutung unterstreichen, so die Diagnose des Psychiaters. Gelowicz habe „Größen-Ideen“. So habe er über die fehlgeschlagenen Attentatsversuche der Kofferbomber geurteilt, die hätten „keine Ahnung von der Sache“ und zu einer anderen Gelegenheit geurteilt, wie „die Muslime“ denken würden. Es klingt „wie eine beeindruckende Schilderung aus einem langjährigen Berufsleben“ wenn Gelowicz erzählt, stellte Prof. Leygraf fest – und bescheinigte dem Angeklagten eine narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung – die aber grundsätzlich nichts Ungewöhnliches sei und für Terroristen fast schon dazu gehöre. An einer vollen Schuldfähigkeit gebe es keinen Zweifel, aber es falle ihm doch auf, dass sich Gelowicz immer „irgendwie die Hintertür offen gehalten“ habe, bilanzierte Prof. Leygraf.

Adem Yilmaz bekam von Dr. Seifert noch deutlichere Worte zu hören – und steckte sie nicht annähernd so cool weg, wie Fritz Gelowicz. Ernst, teilweise genervt, teilweise peinlich berührt ließ Yilmaz den Vortrag über sich ergehen. Teilweise blickte er angestrengt weg, als ginge ihn das alles nichts an. Bis 2002 sei sein Leben „sehr ordentlich“ verlaufen, berichtete Oberarzt Dr. Seifert. Aber er habe wenig Erfahrungen „mit dem anderen Geschlecht“ sammeln können – allerdings wohl nicht aus Mangel an Interesse, wie Seifert höflich formulierte. Doch Adem verstand – und von da an schienen ihm die Ausführungen fast unerträglich unangenehm: Er nahm teilweise die Hände vor das Gesicht, blickte auf den Boden oder zur Decke und wich mir erstmals aus, als sich unsere Blicke (wie schon häufig einmal) trafen. Als von seiner Waffenleidenschaft und seiner Kriegsbegeisterung die Rede war, wurde es für ihn kurzzeitig etwas besser. Doch dann kam die Sprache auf seinen Vater und auf Seiferts Diagnose, Yilmaz versuche sich deutlichst von ihm abzugrenzen, weil er dessen Assimilation mit den Deutschen verachte. Yilmaz, so schien es mir, wäre am liebsten im Boden versunken. Ein Zustand, der noch anhielt, als das Gutachten über Daniel Schneider begann. Doch die Zeit der Zerknirschung dauerte nicht lange:

Eine gute halbe Stunde später, während Daniel Schneider besprochen wurde, ging es Adem Yilmaz offenkundig wieder besser: Er bastelte ein Papierschiff. Präzise und geübt faltete er eine von mehreren Seiten, die er zuvor von seinen Anwälten bekommen hatte. Das Gutachten, wie ich annehme. Kaum fertig, ließ er das Schiff ein bisschen vor der Trennscheibe auf und abfahren und versuchte, erfolglos Atilla Selek dafür zu begeistern. Der Traum von einer IJU-Marine scheint unter den Brüdern noch nicht so verbreitet.

Dr. Schalast versuchte in seinem Gutachten über Daniel Schneider die Auswirkungen der erheblichen Familienprobleme im Hause Schneider auf dessen Entwicklung zu analysieren. Dabei respektierte der Diplom-Psychologe weitgehend die Wünsche von Daniel Schneider „gewisse Details“ über seine Kindheit und Jugendzeit, bzw. über die Scheidung seiner Eltern nicht anzusprechen. Doch es wurde klar: Phasenweise muss es üble Zeiten für Daniel und seinen Bruder gegeben haben. Und seine Suche nach Orientierung scheint ein Motiv zu sein, seit sich die Eltern „Knall auf Fall“ trennten und Daniel erst 11 Jahre alt war. Ausbruchsversuche, Provokationen, zwei Jugendstrafen, eine Brasilienreise, all diese biographischen Ereignisse seien Zeichen dafür. Erst mit seinem Wunsch als Berufssoldat zur Bundeswehr zu gehen, habe Daniel Schneider eine gewisse Reife gezeigt, so Dr. Schalast. Allerdings verband der Diplom-Psychologe zum Missfallen der Verteidigung mit diesem Zeitpunkt in etwa auch die nötige Reife, um eine volle Verantwortlichkeit für die angeklagten Taten zu bejahen – oder umgekehrt die Anwendung des (milderen) Jugendstrafrechts (JGG) zu verneinen.

Schließlich ging es noch um die Bewertung der unterschiedlichen Schilderungen von Schneider zur Festnahmesituation: Ob die Gutachter erklären könnten, weshalb sich der Angeklagte an präzise Details aus dem „Kampf um die Waffe“ erinnern könne, nicht aber an die Rufe der Polizisten („Halt! Polizei!“) und andere Einzelheiten? Weder Dr. Schalast, noch Prof. Leygraf konnten dafür eine Erklärung liefern. Im Gegenteil: Gerade wenn Schneider eine Todesangst beim Kampf mit dem Polizisten verspürt habe, sei es nicht erklärlich, dass er sich an so viele Details erinnere.

Schließlich Atilla Selek: Er habe sich stets bemüht, sich als Randfigur des Geschehens zu präsentieren, erklärte Leygraf. Dabei sei er überbetont höflich, ängstlich und besorgt. Auf der anderen Seite sei „Herumeiern“ im Verfahren schon eine Art „Terminus Technicus“ (Fachbegriff) geworden. So habe er häufig widersprüchliche Angaben gemacht oder habe offenkundig versucht, Fragen auszuweichen. Zum Beispiel der Frage, ob er nun ein Hinrichtungsvideo „bis zum Schluss“ gesehen habe, oder nicht. Atilla Selek sei eine „leicht beeinflussbare Persönlichkeit“, sein Verhältnis zu Fritz Gelowicz („großer Bruder“) sei jedoch mangels Mitwirkung der beiden an einer Exploration nicht zu bestimmen.

In Teilbereichen habe sich Atilla Selek aber als einziger auf Gespräche eingelassen. Diese drehten sich auch um die Haftsituation, unter der er besonders leide. Leygraf diagnostizierte, er sei „depressiv-verstimmt“, verschrieb Medikamente. Wie auch die anderen drei Angeklagten sei Selek voll schuldfähig.

Damit hätte der Prozess in die Weihnachtspause gehen können. Das Gericht hatte keine Fragen mehr, die Bundesanwaltschaft überhaupt keine. Anders dagegen die Verteidigung. Vom „Team Schneider“ kamen verständliche Fragen zur Anwendungsmöglichkeit des JGG und kryptische Fragen zur Festnahmesituation. So wollte Rechtsanwalt Rosenkranz offenbar auf eine Posttraumatische Belastungsstörung hinaus (die laut den Gutachtern keinesfalls in Betracht kommt). Kurios wurde es, als Rechtsanwalt Gnjidic (eigentlich Selek) sich mit Fragen zur Bedeutung des muslimischen Namens Jihad bei Daniel Schneider einmischte – was daran liegen mag, dass der Anwalt aus Ulm eine besondere Affinität zu diesem „ganz normalen Namen“ (Gnjidic) hat: Er stand unlängst einem anderen Mandanten, dem Berliner Islamisten Reda S., über mehrere Instanzen bei, um diesen Namen als Vornamen für dessen Sohn durchzusetzen.

Weitere Fragen schlossen sich an – wobei es teilweise interessant war, dass die Anwälte Dinge wissen wollten, die die Gutachter sicher besser hätten beurteilen können, wenn sich die Angeklagten auf eine Untersuchung eingelassen hätten. Aber das haben sie wohl aus gutem Grund nicht getan, mutmaßte Prof. Leygraf schon am Vormittag:

Man könne den Eindruck haben, die Angeklagten sähen in den Gutachtern eine größere Gefahr, als im Senat und der Bundesanwaltschaft.

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