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Terrorist ohne Führerschein

15.12.2009, von

Als Zeuge war gestern erneut Aleem N. im Koblenzer Al Qaida-Verfahren geladen und wurde aus der Haft vorgeführt. Vergangene Woche konnte seine Vernehmung aus Zeitgründen nicht abgeschlossen werden – und auch heute reichte die Zeit nicht. Trotzdem gab es neue Erkenntnisse – und wie schon in der vergangenen Woche auch einige unfreiwillige Komik.
Punkt für Punkt versuchte der Senat, seinen Fragekatalog an Aleem abzuarbeiten. Nicht einfach bei einem Zeugen, der immer wieder ausweichend und widersprüchlich antwortete und ein starkes Temperament hat. Aleem gab heute wieder die ganze Bandbreite von jovial über staatsmännisch bis zu wütend und empört. Nicht alles konnte man ernst nehmen.

Nach wie vor scheint ihm viel daran zu liegen, seinen Stiefsohn Yannick, eine wichtige Stütze der Anklage, als unzuverlässig und notorisch lügend zu diskreditieren. Allerdings kam Aleem immer wieder auch an Punkte, an denen er die Aussagen von Yannick bestätigen musste. Ob es um die Person von „Issa al Masri“, einem Scheich und Vertrauten seines Vaters in Pakistan oder ganz einfache Alltäglichkeiten des Familienlebens im Hause N. ging: „Ja, stimmt“, sagte Aleem und nickte jeweils kräftig zur Bestätigung. Notorische Lügerei kann bei Yannick also offenkundig nicht vorliegen.

Über sein persönliches Verhältnis zu seinem Stiefsohn und seinen leiblichen Kindern offenbarte Aleem für meine Ohren schauerliches: Ja, er habe seinen Stiefsohn geschlagen, als er von seiner kurdischen Freundin erfahren habe. Aber mit gutem Grund: Weil der Stiefsohn respektlos gewesen sei und eine Sünde begangen habe. Aber als Yannick dem Stiefvater gestanden habe, dass es nicht zu Geschlechtsverkehr gekommen sei, habe er ihm verziehen, „denn dann ist es ja nicht so schlimm“ gewesen. So schlimm, wie Yannick es behaupte, habe er aber gar nicht geschlagen.

Auch den Versuch der Zwangsverheiratung seiner Tochter vor drei Jahren räumte er ein – wobei er den „Zwang“ gleichzeitig weit von sich wies. Inzwischen sei seine Tochter ja auch 16 Jahre alt, das Gericht könne sie doch selbst befragen.

Sonderbar waren auch seine Schilderungen über den Umgang mit Geld in der Familie N. Einerseits fand Aleem es völlig richtig, den Arbeitslohn des kaum volljährigen Yannick aus dessen Ferienjob bei Daimler (mehrere tausend Euro netto) schlicht einzubehalten. „Hätte er doch ein eigenes Konto gemacht. Hat doch auch bei uns gewohnt!“. Als sich Yannick davon etwas nahm, um von Zuhause wegzugehen, war das laut Aleem „Diebstahl“. Oder auch wieder nicht. Einige Sätze später sagte er: „Wir [seine Frau und er] haben akzeptiert, dass es sein Geld war – nur der Weg war nicht richtig.“

Komische Geldgeschäfte machte der Vater auch mit seinen leiblichen Kindern: Er habe ihnen nach jedem erfolgreichen Verkauf seiner Steine auf Messen etwas von seinem Gewinn abgegeben. „Mal 5, mal 10 Euro“, seien das gewesen. Bevor er dann wieder auf Einkaufstour gefahren sei, habe er dann jeweils den Kindern angeboten, sie könnten bei ihm „investieren“ und sich mit ihrem Geld an seinen Einkäufen beteiligen. Konsequenterweise hat Aleem wohl die Einkünfte auch nicht vollständig der Sozialkasse gemeldet. Und auch der Zoll wurde betrogen: Er habe sich für seine Einkäufe in Pakistan eine Bescheinigung von einer „Export-Firma“ geben lassen, die den Einkäufen nur ein Zehntel des tatsächlichen Wertes bescheinigte. Damit Zoll und Schmiergelder geringer ausfallen, erklärte sein Rechtsanwalt: „Ich kenne das Verfahren übrigens aus West-Afrika“, fügte Axel Nagler weltmännisch hinzu. „Ich kenne es aus Wirtschaftsstrafverfahren“, konterte die Vorsitzende.

Zu einer „Beichte“ kam es, als es um das Thema Fahrerlaubnis und Führerscheine ging: Yannick habe eine Fahrschule in Pakistan besucht, berichtete Aleem, aber dann habe er „einfach den Führerschein für ihn gekauft“. Das sei dort halt so. Aber so schlimm sei das ja auch nicht, meinte Aleem. Bei ihm sei es ja viel schlimmer: „Ich selbst habe mir auch einen Führerschein gekauft und nicht mal die Fahrschule besucht!“. Zugegeben: In den nächsten Jahren braucht Aleem N. keine Fahrerlaubnis. Aber danach dürfte diese Aussage die Führerscheinbehörde interessieren, falls Aleem einfach seinen pakistanischen in einen deutschen Führerschein umschreiben ließ…

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