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Das Kamel und der Jihad

15.12.2009, von

Heute begann in Düsseldorf Prof. Rotraud Wielandt ihr islamwissenschaftliches Gutachten im Sauerland-Verfahren. Der Senat hatte ihr Fragen zur religiösen Ausrichtung der „Islamischen Jihad Union“ (IJU) sowie zu Gegenständen gestellt, die bei den Angeklagten gefunden wurden. Die Professorin entschuldigte sich gleich zu Anfang, ihr Gutachten sei „sehr ausführlich“ ausgefallen und umfasse mehr als 80 Seiten. Nicht nur deswegen wurde es ein langer Tag am OLG – und morgen geht es weiter.

Verzögert haben den Tag neben dem Gutachten allerdings auch Launen von Adem Yilmaz und ein Notfalleinsatz des Gerichtspsychiaters Prof. Norbert Leygraf.    

Prof. Leygraf, als Psychiater somit ausgebildeter Arzt, wurde zur Mittagszeit aus der Verhandlung gerufen, um einen Schwächeanfall im Nachbarsaal zu begutachten. Solange wurde die Verhandlung unterbrochen. Adem Yilmaz hatte offenbar ebenso einen schlechten Tag. Erst teilte ihm der Senat mit, dass er wegen eines Vorfalls in der vergangenen Woche (er hatte einen Wachtmeister unter anderem „Fettsack“ genannt) mit einer Ordnungsstrafe rechnen muss. Später am Tag erklärte er, ihm sei schlecht und er wolle sich waschen. Der Vorsitzende Richter erlaubte eine kurze Unterbrechung – drohte aber gleichzeitig mit einer amtsärztlichen Begutachtung. Nach der Unterbrechung war Yilmaz dann wieder wohl auf und unterhielt sich – wie zuvor – erstaunlich laut mit Altilla Selek. Vielleicht war Adem Yilmaz aber auch nur auf den Magen geschlagen, dass eine Art Bewerbungsbogen von ihm für eine Partnervermittlung verlesen wurde. Dazu später mehr.

Prof. Rotraud Wielandt berichtete zunächst, dass sie im Sommer während der Verhandlungspause vier Tage lang im Oberlandesgericht die Unterlagen für ihr Gutachten gesichtet habe. Morgens sei jeweils ein Richter gekommen, um ihr die nötigen Asservate auszuhändigen. Mit Hilfe eines Wachtmeisters habe sie dann Texte, Tondokumente und Filme gesichtet.

Danach berichtete sie über die Ergebnisse ihres Gutachtens. Zunächst ging es um die ideologische Ausrichtung der IJU. Wie schon Dr. Steinberg betonte auch sie die dünne Quellenlage zu der Terrorgruppe. Einzig ein Online-Interview mit dem Gründer aus dem Jahr 2007 gebe tiefere Einblicke in die Ideen der Gruppe. „Jihad“ bis zum Endsieg, das sei das Motto der IJU.

Die Angeklagten seien allerdings durch die Gruppe gar nicht so sehr geprägt worden, nahm die Gutachterin ein Teilfazit vorweg: Ihr Anschluß an die IJU sei wohl mehr durch den Wunsch nach „Jihad“ bedingt worden, als durch die Ziele der Gruppe. Die Angeklagten seien weniger nach den Vorstellungen der IJU radikalisert, als eher nach Art der europäischen-westlichen Vorstellungen. Also eher Ulmer Schule.

Sodann begann Prof. Wielandt ihre Ausführungen über die sichergestellten Schriftstücke und Dateien der Angeklagten. Los ging es mit Fritz Gelowicz. Texte in deutscher, arabischer und türkischer Sprache seien bei ihm gefunden worden, die den Jihad verherrlichten, berichtete sie. So gebe es ein Bittgebet, dass Gott die Amerikaner vernichten möge und eine „Fatwa“ (Religionsgutachten), ob ein Muslim westliche Zeitungen und Zeitschriften lesen dürfe. In einigen Schriften werde auch der Märtyrertod verherrlicht.

In einem der Texte werde der Islam mit einem Kamel verglichen: Der Kopf des Tieres sei der Islam. Die rituellen Gebete seien das Rückgrat des Tieres. Und der Jihad, der Heilige Krieg, sei das Höchste, also der Höcker des Tieres. Ob der Umkehrschluss auch zulässig sei, dass also nur Kamele mit dem Jihad zu tun haben, sagte sie nicht.

Deutlich wurde sie dagegen, als es um die Arbeit des Bundeskriminalamts und „Vorbegutachtungen“ durch die Islamwissenschaftler des Amts ging. Zwar lobte sie an einer Stelle ausdrücklich einen sehr talentierten jungen Kollegen des BKA. Doch dann hagelte es Kritik: Es habe Übersetzungsfehler gegeben, wesentliche jihadistische Texte seien nicht erkannt worden, bei einem vermeintlichen Bittgebet handele es sich schlicht um Koranverse. Besonders unverständlich war ihr aber, dass die Ermittler einen „zentralen“ Text des Jihadismus nicht erkannt hätten: Unter den Aufzeichnungen von Gelowicz war nämlich auch ein Aufsatz aus dem Jahr 1981, mit dem die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat vorweg genommen wurde. Sinngemäß sagte Wielandt: Den hätte man als Fachmann in jedem Fall erkennen müssen – was aber nicht geschah. Statt dessen wurde ein „Vorwort“ zu dem Text vom BKA dem Begründer der Muslimbruderschaft, Said Qutub, zugeschrieben. Der war 1981 aber schon seit 15 Jahren tot.

Schließlich ging es heute noch um einige Texte von Adem Yilamz. Darunter waren nicht nur Abschiedsbriefe von Omid S. Es gab auch eine „Bewerbung“ von Adem selbst, mit Bild („bitte zurück“), einer Personenbeschreibung samt Vorlieben („Fitness“) und der Betonung, er sei gläubiger Muslim und noch ledig. „Offenkundig“ handele es sich dabei nicht um eine Jihad-Bewerbung, sondern eher um eine Eheanbahnung, führte Frau Prof. Wielandt in einer schonungslosen Trockenheit aus. Daniel Schneider grinste etwas bei den Ausführungen. Und Atilla Selek zitterte vor unterdrücktem Lachen. Adem Yilmaz war plötzlich gar nicht mehr gesprächig.

Morgen geht es weiter.

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