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„Nein, wir unterbrechen nicht!“

08.12.2009, von

Hier kommt der zweite Teil meines Koblenz-Rapports vom gestrigen Montag: Die Aussage von Aleem N.

Mit knapp zweistündiger Verspätung wurde er in den Verhandlungssaal geführt. Er trug über seinem Pullover im College-Look eine weiße Daunen-Ski-Jacke (wie sie Yannick bei Dr. Yousif erinnerte) und war an Händen und Füßen gefesselt. Unter dem Arm trug er einen Ordner mit Unterlagen; in seiner Begleitung kam Rechtsanwalt Axel Nagler als beigeordneter Zeugenbeistand, der im Sauerlandverfahren Atilla Selek verteidigt. In den kommenden Stunden sollte Axel Nagler vor allem die Rolle des Schlichters übernehmen.

Schon kurz nach der Belehrung durch die  Vorsitzende („Natürlich möchte ich Angaben machen!“) wurde es laut: Aleem N. sollte die Fragen des Gerichts beantworten – wollte aber viel lieber die „zahlreichen Lügen“ seines Stiefsohns behandeln. Dazu hatte heftete er zahlreiche handbeschriebene Seiten aus seinem Ordner und wollte mit Hilfe dieser Aufzeichnungen „die Punkte“ abarbeiten, die er zu kritisieren hatte. Offenkundig war ihm zunächst egal, dass das Gericht eine andere Vorstellung vom Ablauf der Verhandlung hatte – und ebenso schien ihm nicht klar zu sein, dass an seinem eigenen Urteil allenfalls der Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren etwas ändern kann. Doch Aleem N. war von seiner Mission ergriffen, „klarzustellen“ – und so kam es nach wenigen Minuten zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen ihm, der Vorsitzenden und Staatsanwalt Bodo Vogler. Die Sitzung wurde unterbrochen. Aber wie sie unterbrochen wurde, war symptomatisch:

     Vorsitzende: „Wir unterbrechen die Verhandlung!“

     Aleem N.: „Nein! Wir unterbrechen nicht!“

Axel Nagler gelang es in der Pause, Aleem N. zur Räson zu bringen. Erst werde er die Fragen des Gerichts beantworten, dann wolle er aber noch „klarstellen“.

Und Aleem N. antwortete. Wortreich und teilweise weitschweifend. „Keinen Cent, keinen Pfennig“ habe er jemals an Lashkar e Taiba oder an Al Qaida weitergegeben. Er sei immer nur Unternehmer gewesen, bzw. habe versucht, Unternehmen aufzubauen. Mit Edelsteinen habe er gehandelt, mit Schrott und Autoteilen wollte er handeln und als gelernter Nachrichtentechniker hätte er auch geglaubt, technische Geräte aus Deutschland in Pakistan mit Gewinn zu verkaufen. Alle diese Geräte habe er jedoch selbst besorgt. Die Angeklagten Ömer Ö. und Sermet I. kenne er. Jedoch sei zwischen ihnen „nur Freundschaft“.

Die Vorwürfe gegen die Angeklagten und auch in seinem Prozess gegen ihn seien Blödsinn, er habe immer nur Handel treiben wollen. Die monierte Schutzweste sei für die Wildschweinjagd gewesen, zwei der Nachtsichtgeräte für jugendliche Schäfer im Alter von 12 und 14 Jahren, die für ihren Vater in Pakistan eine Schafherde mit tausend Tieren hüten würden. Die angeblich von seinem Stiefsohn beobachteten Übergaben zwischen Ömer und ihm seien ebenso ein Irrtum. Wahrscheinlich habe er Gegenstände in einer Tüte aus dem Auto geholt und Ömer sei nur dabei gewesen. Oder er habe Geräte ausprobiert, als Ömer oder Sermet zufällig dazugekommen seien. Auch sein keines der Geräte russischer Bauart gewesen, wie sein Steifsohn behauptet hatte: „Für Yannick ist alles, was grün ist gleich russisch“, erklärte Aleem N. – wobei offen blieb, wieso sein Stiefsohn überhaupt eine Verbindung zu Militärgerät ziehen sollte.

Über Stunden zog sich die Befragung. Aleem N. wirkte nervös, aber trotzdem konzentriert. Den ganzen Tag über wippte er so schnell mit seinem Bein, dass ich mich fragte, ob man davon nicht einen erheblichen Muskelkater bekommt. Als  eine Karte von Pakistan in Augenschein genommen wurde, begrüßten sich Aleem und Ömer mit Handschlag. Ömer schien das ein großes Bedürfnis zu sein.

Am Nachmittag ging es um die Haftbedingungen in Pakistan. Aleem N. schilderte die rüde Behandlung durch die Pakistanis, Schläge und die Drohung, ihm einen schweren Stein auf dem Kopf zu zertrümmern. Hier verlor Aleem N. für einen Moment die Fassung. Tränen stiegen in ihm auf. All das habe er so noch niemals erzählt, sagte er. Seiner Frau schon gar nicht. Die Vorsitzdende unterbrach die Verhandlung, um Aleem die Möglichkeit zur Beruhigung zu geben.

Aleem N. fing sich schnell wieder. Nun ging es um die Frage, wen er so alles kenne und ob er bei einer Familienfeier von Abdul Rahman gewesen und Dr. Yousif im MKH in Ulm getroffen habe. Doch auch das seien alles nur Mißverständnisse, erklärte der Zeuge. Hauptsächlich sei es um das gute Essen in den Moscheen gegangen. Und auch er selbst habe gekocht. Er sei ein guter Koch, betonte er. „Das habe ich auch meiner Frau beigebracht, jetzt habe ich Ruhe“, meinte er mit Blick auf seine Haft unfreiwillig doppeldeutig.

Mit Dr. Yousif und Dr. Osama verbinde ihn eine tiefe Freundschaft. Bei Dr. Osama habe er immer übernachtet, wenn er in Freiburg gewesen sei. Ihn solle man als Zeuge hören, er könne vieles erklären, sagte Aleem N. mit Blick auf den Arzt, der selbst schon im Verdacht stand, Islamisten mit Geld unterstützt zu haben.

Passend zu Thema ging es am Ende des Verhandlungstages um Terrorvideos aus Bosnien und von anderen Schauplätzen des Jihads. „Verehrte Frau, natürlich habe ich solche Videos gehabt“, sagte Aleem N. zur Vorsitzenden Richterin. Dann weiter:

   Vorsitzende: „Haben Sie die Videos auch gesehen?“ 

   Aleem N.: „Natürlich!“

   Vorsitzende: „Auch Hinrichtungsvideos?“

   Aleem N.: „Natürlich! Wo ist das Problem? Andere Leute schauen Pornofilme. Na und?“

   Vorsitzende: „…um sich aufzugeilen?!“

An dieser Stelle mischte sich Staatsanwalt Bodo Vogler ein und die Verhandlung wurde kurzzeitig zu einem Schreiwettbewerb. Vogler empörte sich über die Menschenverachtung des Zeugen, die Vorsitzende rief nach Ruhe und Aleem N. tobte, an solchen Videos sei nichts dabei, wenn man sie privat ansehe. „Lassen Sie Herrn Vogler ausreden“, herrschte die Vorsitzende den Zeugen an. „Haben Sie ihm überhaupt das Wort erteilt?“, fragte Rechtsanwalt Nagler maliziös.

Kommenden Montag geht es weiter, dann soll Aleem N. auch die Gelegenheit haben, selbst noch etwas zu Aussagen von Yannick zu sagen. Doch auch hier ist schon Ärger vorprogrammiert: „Wir flechten ihre Bemerkungen zu Yannick ja schon immer ein,“ sagte Angelika Blettner im Laufe des Nachmittags. Viel eigene Zeit wird sie ihm wohl dafür nicht einräumen.

Schließlich gab es noch einen Beweisantrag der Verteidigung, über den das Gericht noch entscheiden muss. Die Verteidiger wüssten gerne mehr über die Ulm/Neu-Ulmer Szene.

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