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Aus dem Schneider?

12.11.2009, von

Im Düsseldorfer „Sauerlandverfahren“ ging es am Dienstag und Mittwoch abermals um die Festnahme von Daniel Martin „Abdullah“ Schneider und die Frage, ob der dabei gefallene Schuss ein Mordversuch an dem Polizeibeamten F. war oder nicht. Alle Zeugen gestern und heute waren oder sind Polizeibeamte. Eine Ironie des Schicksals: Selbst ein Anwohner, der die Festnahme als Passant mitbekam, ist ein pensionierter Polizist. Ihre Aussagen brachten interessante Details zu Tage:

Der schwerste Vorwurf gegen Daniel Schneider steht in einem Aktenvermerk von Kriminaldirektor Z., den er am Tag der Festnahme in seiner Eigenschaft als Leiter des Unterabschnitts „Verfolgung“ und als Chef des „Mobilen Einsatzkommandos“ (MEK) des BKA verfaßt hat. Darin schreibt er, Daniel Schneider habe „auf den am Boden liegenden“ Beamten Steffen F. geschossen. Eine Darstellung, die nicht nur stark von der Schneider-Version abweicht, sondern auch weit über das hinaus geht, was der betroffene Beamte selbst über den Ablauf erzählt hat. Entsprechend einsilbig war der Kriminaldirektor am Mittwoch bei seiner Aussage: Er habe etwa fünf Stunden nach dem Vorfall (also gegen 20:00 Uhr) mit seinem Mitarbeiter gesprochen und sich die Situation schildern lassen. Dabei müsse es zu einem Missverständnis gekommen sein. Später am Abend, nachdem er „einen Häppchen gegessen“ und zurück in seine Unterkunft gefahren sei, habe er dann den fraglichen Vermerk geschrieben, der einen falschen Ablauf schildere. Wie es dazu gekommen sei, könne er sich nicht erklären, allenfalls könne er darüber spekulieren. Und das tat er nicht.

Damit stand fest, dass im für Schneider ungünstigsten Fall die Aussage des betroffenen Beamten F. der Maßstab ist. Dieser sprach stets davon, der erste (und auch der mögliche zweite) Schuss wäre während eines Gerangels um die Waffe gefallen. Dabei sei er, F., über Schneider gewesen und dieser habe die Waffe unter sich gezogen. Von einem gezielten Schuss auf ihn sprach F. in seinen Aussagen vor Gericht niemals (allerdings könnte juristisch unter Umständen auch ohne einen solchen gezielten Schuss ein Mordversuch vorliegen). Unklar blieb aber bis zum Ende des heutigen Tages, wie genau der Beamte mit Schneider um die Waffe kämpfte. Und das trotz einer extrem zuschauerfreundlichen Einlage des Gerichts – die mangels Sitzfleisch nur wenige Zuschauer und kein weiterer Journalist verfolgen konnten (allerdings schien fast alle der etwa zehn anderen Zuschauer dienstlich im Saal zu sein).

Die Festnahme wurde nämlich mitten im Saal nachgestellt. Dazu liess sich der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling ein silbernes Handmikro geben, marschierte in die Mitte des Raumes und führte von dort das Kommando. Dabei offenbarte er ungeahnte Qualitäten als Moderator, die mich zu einem Vergleich mit dem großartigen Frank Elstner bringen würden, wenn ich mir sicher wäre, dass ein solcher Vergleich nicht als Mißachtung des Gerichtes verstanden werden könnte.

Wie schon in der vergangenen Woche, als der Abzugswiderstand der Polizeipistole Sig Sauer P229 von allen anwesenden Richtern und Vertretern des Generalbundesanwalts (GBA) sowie fast allen Verteidigern ausprobiert wurde, fanden sich auch heute fast alle Beteiligten in der Mitte des Raumes ein und bildeten einen Kreis um den Moderator Vorsitzenden Richter. Ein tolles Bild: Rot die Fraktion des GBA, Grün die Wachtmeister an der Seite von Daniel Schneider sowie ein Bereitschaftspolizist der 10. Einsatzhunderschaft NRW, der Schneiders Rolle übernahm. Und dann der „schwarze Block“ aus Senat und den Verteidigern. Unterhaltungswert hatte die Szene allerdings ausschliesslich für die Zuschauer. Denn hinter der Scheibe ging es um einiges: Um eine mögliche hohe Strafe für Schneider und um die Glaubwürdigkeit der Zeugen.

Steffen F. kniete auf dem Boden, schilderte die Situation aus seiner Sicht und dirigierte den Kollegen der Bereitschaftspolizei in die Haltung, die seiner Meinung nach Daniel Schneider innehatte. Dann kam der Moment der Wahrheit: „Greifen Sie jetzt nach der Waffe“, ordnete Richter Breidling an – und zückte seine Digitalkamera, um den Vorgang zu dokumentieren.

So wurden mehrere denkbare Versionen aus der Sicht des BKA-Beamten ausprobiert. Mit der linken und mit der rechten sollte „Schneider“ die Waffe ziehen. Dabei war für mich offensichtlich, dass der echte Schneider damals in dieser Situation in jedem Fall umgreifen musste: Entweder musste er die Waffe von der linken in die rechte Hand wechseln, oder er musste mit der rechten Hand umgreifen, um an den Abzug zu kommen. Und ich sah etwas sehr erschreckendes: In der Version „rechte Hand greift zu“ zielte die Waffe bei der Simulation auf den Bauch des Beamten – und zwar noch bevor die Pistole in die von Steffen F. geschilderte Endposition kommen konnte. War es so und wollte Schneider den Beamten töten, dann hat dieser unglaubliches Glück gehabt. Denn die Waffe kam in einen Bereich, in dem die Schutzweste endet.

Daniel Schneider schaute sich die Rekonstruktion ruhig und nachdenklich an und gab leise Kommentare, die hinter der Trennscheibe zum Zuschauerraum nicht zu verstehen waren. Nach Ende der Rekonstruktion wollte er seine Version schildern. Kriminaloberkommissar (nach dem Vorfall wurde er befördert) Steffen F. wollte daran nicht mitwirken (was ich gut verstehen kann) und bevor weitere Diskussionen über die mögliche Beteiligung des Bereitschaftspolizisten an dieser Rekonstruktion entstehen konnten, bot sich Rechtsanwalt Rosenkranz für die Rolle des BKA-Beamten an. Schneider demonstrierte seine Erinnerung – die gar nicht so sehr von der des Beamten F. abwichen. Der vielleicht größte Unterschied: Schneider betonte, er habe sich durch Ruckeln mit dem Kopf aus der Klammerung von F. zu befreien versucht (was dieser übrigens im Laufe des Tages noch einräumen würde). Im Moment der Demonstration stand F. jedoch völlig abseits am Tisch der Gutachter und kommentierte die Schneider-Version mit keinem Wort. Später räumte er ein, auch nicht ständig das Geschehen verfolgt und teilweise nicht zugesehen zu haben.

Dafür hatte F. auch eine Begründung. Er habe das Geschehen aus seiner Erinnerung geschildert und auch die Nachstellung so vorgenommen, wie er es für richtig halte. Das sollte wohl sinngemäß auch bedeuten: Ganz egal, was Schneider da noch gemacht haben mag – es kann ja ohnehin nicht stimmen. Fragen des Gerichts und der Bundesanwaltschaft beantwortete er aber stets ausführlich. Das wirkte im Gesamtbild ein wenig trotzig – bekam aber noch dazu eine bedenkliche Komponente, als Rechtsanwalt Pausch den Beamten auf das von Schneider demonstrierte „Kopfwackeln“ ansprach. Ja, Schneider habe damals gewackelt, bestätigte F. Und damit indirekt auch, dass es durchaus noch Ergänzugen zu seinen Erinnerungen gab. Insofern war es schade, dass er sich nicht intensiver auf die Version Schneiders einliess. Vielleicht hätte man gemeinsam einen für beide Seiten vorstellbaren Ablauf erarbeiten können. Und auch wenn eine mögliche Abneigung gegen den damaligen „Gegner“ menschlich verständlich wäre, seine Pflichten als Zeuge hätte es F eigentlich geboten, mitzuwirken.

Ich bin nicht dahinter gekommen, warum der Zeuge F. so handelte. Weder schien er der Typ dafür zu sein (seine Kollegen beschrieben ihn als ruhig, besonnen und locker – und so wirkte er auch ausserhalb der Befragung), noch wurde er von der Verteidigung übertrieben hart angegangen. Im Gegenteil: Wie schon bislang bei Zeugenbefragungen war das Klima im Saal den ganzen Tag über konstruktiv. Das Verhalten von F. stand zudem im Gegensatz zu dem seines Vorgestetzten (obwohl dieser einen größeren Fehler in seinem Vermerk einräumen musste). Nun mag man einwenden, dass F. noch relativ jung und sein Chef ein erfahrener Kriminaldirektor ist. Doch auch andere jüngere BKA-Beamte mit einer ähnlichen Diensterfahrung wie F. waren gegenüber der Verteidigung aufgeschlossener.

Vielleicht liegt es am Alltag im MEK, war mein Gedanke: Beamte des Mobilen Einsatzkommandos haben so häufig und so unmittelbar Kontakt mit Straftätern, kaum ein Job beim BKA ist so gefährlich. Ich spekuliere, aber vielleicht erklärt sich daraus, dass man in so einem Job eine Abneigung gegen die „Täterseite“ entwickelt.

Am Ende wurde F. wegen der besonderen Bedeutung seiner Aussage vereidigt. Alle standen dazu auf – auch Adem Yilmaz.

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Kommentare zu „Aus dem Schneider?“

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  1. MH
    schreibt am 12. November 2009 21:21 :

    Ich halte beide Versionen für möglich, die von Schneider als auch die des Beamten F.. Es ist ausgesprochen schwierig wenn nicht gar unmöglich, die zeitliche Abfolge von Details bei komplexen Handlungsvorgängen korrekt wiederzugeben, wenn diese sich in Sekunden oder Bruchteilen von Sekunden abspielt haben. Als bei der Nachstellung die Waffe kurzzeitig in Richtung des Bauches von Herrn F. zeigte, hat Schneider aber wohl noch nicht versucht, mit dem Finger an den Abzug zu gelangen und die Waffe in dieser Position zu halten. Das Problem ist, dass niemand jemals wissen wird, was in Schneiders Kopf in diesen Momenten vorgegangen ist. Manche Menschen können sich daran – gerade bei Extremsituationen- nachher selbst nicht mehr so ganz erinnern… Es ist schon möglich, dass Schneider in dem Gerangel um die Waffe sich selbst als bedroht angesehen hat. Man denkt in solchen Augenblicken meist nicht rational und handelt eher intuitiv. Von Planung kann da nicht die Rede sein! Der Beamte F. machte auf mich allerdings ebenfalls einen glaubwürdigen Eindruck. Er schien bemüht zu sein, die verschwommenen Bilder des Geschehens wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen und diejenigen Bilder wieder hervorzuholen, die ihm eigentlich abhanden gekommen waren. Aber was sollte er auch machen, wo doch Unmögliches von ihm verlangt wurde und er gleichzeitig dem Wunsch seiner Vorgesetzten entsprechen musste sowie sich vor den etwas amüsierten Kollegen behaupten, die natürlich in dieser Situation alles anders und besser gemacht hätten… Wer hat zu welchem Zeitpunkt wo hingeschaut und sich in welcher Lage befunden, welche Bewegung hat wann stattgefunden und wie genau? Niemand kann sich selbst im Geschehen von außen betrachten und die hektischen Kollegen als „Zuschauer von außen“ hatten nur eine bestimmte Perspektive, wodurch sich ihre Aussagen auch teilweise widersprechen. So hat es mich nicht weiter gewundert, dass der Beamte F. irgendwann von all diesen Ablauftheorien die Nase voll hatte und der Alternativ-Version von Schneider keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hat. So ist das, wenn es mehrere Theorien gibt und sich keine einwandfrei widerlegen lässt! Die Beamten des BKA wollen eine möglichst hohe Strafe für Schneider, was nachvollziehbar ist. Eine Tötungsabsicht kann hier aber sicherlich ebenso wenig als ausgeschlossen wie als bewiesen angesehen werden. Und da sollte dann in einem Rechtsstaat – auch für Islamisten – gelten: Im Zweifel für den Angeklagten! Wem es wirklich um Gerechtigkeit geht, der steht über den Gefühlen von Abneigung und Rache!

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