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Begegnung mit Darth Vader

28.10.2009, von

Heute begann eine neue Phase im Sauerland-Verfahren: Daniel Martin Schneider sagte zu den Umständen seiner Festnahme aus. Dabei steht der Vorwurf der Anklage im Raum, er habe versucht, einen Polizeibeamten zu töten, um sich der Festnahme zu entziehen. „Versuchten Mord“ wirft ihm der Generalbundesanwalt vor. Höchststrafe: Lebenslange Freiheitsstrafe. Es geht also für Daniel „Abdullah“ Schneider um eine Menge.

Deswegen hatten seine Verteidiger, Bernd Rosenkranz (Hamburg) und Johannes Pausch (Düsseldorf) ihm bislang geraten, mit Aussagen zur Festnahme zu warten. Von Anfang an hatten sie angekündigt, ihr Mandant werde sich „zu gegebener Zeit“ äußern – heute nun war es so weit.

„Abdullah“ Schneider trug sein übliches weißes Kittelhemd und eine weiße Gebetskappe. Schwarze Hose, Sandalen und eine schwarze Digitaluhr der Bauart, die eine Art Statussymbol in seinen Kreisen zu sein scheint – und die auch als möglicher Zeitzünder auf der „Einkaufsliste“ der Gruppe stand.

Konzentriert und engagiert erzählte Daniel Schneider seine Sicht der Festnahme. Etwa 14:15 Uhr muss es gewesen sein, als er im Ferienhaus „einem Bedürfnis“ nachging und das Badezimmer aufsuchte. Es sei nach dem Mittagsgebet gewesen, trotzdem habe er, „wie immer“, nach Erleichterung eine Gebetswaschung vorgenommen. In diesem Augenblick habe er einen unheimlichen Luftzug verspürt, „so als wenn bei Sturm jemand alle Fenster und Türen aufreißt“. Kurz darauf habe es einen Knall gegeben.

Schon früher sei seine größte Sorge gewesen, auf einer Toilette zu sterben, erzählte Schneider. Das sei ein „unreiner Ort“ und es sei eine Schande, dort zu sterben – so wie es dem Anführer der muslimischen Amadiyya-Sekte Anfang des 20. Jahrhunderts ergangenen sei: Dieser habe sich für den Nachfolger des Propheten gehalten und sei – quasi zur Strafe – auf dem WC gestorben.

Er selbst habe zwei prägende Erlebnisse in seinem Leben, in denen er auch Angst hatte, so zu sterben. Eines habe mit seiner Beschneidung zu tun, das andere mit seiner Zeit im Terrorcamp. Im Ferienhaus sei es das dritte Mal gewesen. er habe einfach nur noch Angst geahbt.

Weil er sich insgeheim selbst auf einem sektiererischen Weg des Islams gesehen hat? Diese Frage hat heute leider niemand gestellt.

Für ihn Daniel Schneider sei jedenfalls bei diesen Geräuschen sofort klar gewesen, dass er schnellstmöglich aus dem Bad fliehen musste. Deshalb sei er aus dem Fenster gesprungen, obwohl er nicht wusste, was ihn dahinter erwarten würde. Durch ein Moskitonetz (das im Laufe des Tages mal rot, mal gelb und mal grün war) sei er in den Garten gesprungen. Und gelaufen.

Dann traf er auf Darth Vader. „Eine Figur, wie aus Star Wars“.

Im wirklichen Leben ist Darth Vader ein Beamter der Sondereinheit „GSG 9“ der Bundespolizei, der offenbar in voller Montur auf der Rückseite des Hauses stand. Inklusive „einer Maschinenpistole, wahrscheinlich MP5“, wie der frühere Soldat Schneider fachmännisch feststellte. Der Beamte sei so verdutzt gewesen, wie er selbst. Er sei direkt auf den Lauf seiner Waffe zu gerannt, habe denn Polizisten dann im Halbkreis umlaufen, der habe seine Waffe auf ihn gerichtet – sei aber ansonsten wie angewurzelt stehen geblieben. Und Schneider sei gerannt. Barfuss und mit „Beinen, wie Pudding“. Mehrer hundert Meter sei es durch Gärten gegangen, die mögliche Strecke wurde heute detailliert anhand von Bildern nachvollzogen.

Nach einigen hundert Metern kam Schneider zu einer Strasse. Hier brauste ein Auto auf ihn zu „ein BMW, vermutlich 5er, ich glaube grünmetallic“ erinnerte sich Schneider. Ein Mann sei plötzlich hinter ihm gewesen und sei wie bei einer Blutgrätsche im Fußball von hinten in ihn hineingesprungen. Schneider sei gestolpert, der Mann (der BKA-Beamte Steffen F.) habe ihn in den Schwitzkasten genommen. Man habe miteinander gerungen. Plötzlich habe er gesehen, wie Herr F. nach seiner Waffe griff…

Was jetzt kam, wird die letztlich entscheidende Frage für die Strafbarkeit von Daniel Schneider sein. Fest steht: Der Beamte und er rangen um die Waffe. Fest steht auch, dass Schneider sie aus dem Holster des Beamten zog. Und es ist unbestritten, dass sich ein Schuss löste. Wollte Schneider den Polizisten erschießen?

Keinesfalls, sagt Schneider. Er habe die Waffe an sich bringen wollen, weil er Angst hatte, selbst erschossen zu werden. Und überhaupt: Viel gedacht habe er nicht. Nur Angst gehabt. Eine Aussage, die viele Fragen nach sich zieht – die heute nicht abschließend geklärt werden konnten: Wann bei seiner Flucht hat Daniel Schneider intuitiv und wann überlegt gehandelt? Wie klar war ihm die Situation (Polizeizugriff)? Wollte er sich wirklich nur in „Sicherheit“ bringen – oder um jeden Preis entkommen? Glaubte er wirklich, die Beamten wollten ihn erschiessen?

Ich finde, für eine abschließende Bewertung ist es zu früh. Auch die Aussagen der Polizeibeamten sind wichtig – und die heute mehrfach von Daniel Schneider angeregte Nachstellung des Kampfes mit dem Beamten F. scheint sinnvoll (Bundesanwaltschaft und der Vorsitzende Richter schienen nicht abgeneigt).

Allerdings hat sich mir eines nicht erschlossen: Kann es wirklich sein, dass Daniel Schneider auf seiner ganzen Flucht nicht realisiert hat, dass es die Polizei war, die ihn fassen wollte? Obwohl die Beamten vom Moment des Zugriffs an lautstark brüllten („Polizei! Stehen bleiben! Keine Bewegung“), wie heute auf den Aufnahmen der Wohnraumüberwachung zu hören war. Hat er das nicht gehört? Und hat Schneider auch „Darth Vader“ nicht als Polizist erkannt und den BMW nicht als ziviles Polizeifahrzeug, obwohl er heute sagte „ein Wagen, wie bei der Observation“? Das finde ich nicht plausibel. Wenn er die Polizei aber erkannt haben sollte: Wie kann er dann auf die Idee kommen, die Beamten wollten ihn erschießen? Hier mag man einwenden, dies entspreche vielleicht seinem Weltbild. Doch dagegen spricht, dass die Gruppe ausführlich ausgesagt hat, dass eine Polizeikontrolle wenige Stunden zuvor als „überhaupt nicht bedrohlich“ empfunden worden sei. Immerhin sei es ja deutsche Polizei gewesen.

Dienstag geht die Befragung weiter und der betroffene Polizeibeamte kommt nach Düsseldorf.

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