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„Keinen Bock mehr auf Jihad!“

30.09.2009, von

Langsam kommen die Geständnisse der Sauerlandgruppe zum Ende. Für Adem Yilmaz war es heute jedenfalls das letzte Mal, dass er zu seinen Protokollen befragt wurde. Und er setzte mit seinen Antworten nochmals Maßstäbe.

Zum Beispiel bei der Frage, ob der noch zur „Islamischen Jihad Union“ (IJU) gehöre: „Die Tendenz neigt dazu, dass ich vielleicht nicht mehr dazu gehöre“. Aha.

Er sei „zufrieden, wie sich das Geschehen entwickelt hat“, denn es sei „eventuell aus islamischer Sicht ein Fehler gewesen“. Ist das eine Distanzierung von seiner Tat gewesen?

Wohl nicht. Eher die Erkenntnis, dass er schlecht vorbereitet war. Denn auf die Frage, was denn hätte anders gemacht werden sollen, sagte Yilmaz, man hätte „eine Fatwa (islam. Rechtsgutachten) einholen und Gelehrte fragen sollen“, wie das mit Anschlägen sei. „Und wenn es eine entsprechende Fatwa geben würde und Gelehrte, die Sie akzeptieren, einem Anschlag zustimmen, dann würden Sie auch künftig einen Anschlag begehen wollen?“, fragte der Vorsitzende Richter Breidling.

Nein, sagte Yilmaz. Es sei „zuviel Aufwand, zuviel Streß, zuviel Verantwortung“. Darauf habe er „keinen Bock“, selbst wenn er eine Fatwa hätte. „Ich bin im Großen und Ganzen zu blöd dafür“, bekannte er freimütig. Auch wenn auf der Hand lag, dass er sich damit herauswinden wollte – ich war geneigt, ihm diese Selbsterkenntnis zu glauben. Besser macht sie aber nichts.

Erwähnt werden muss noch, dass erneut die Frage nach dem Verhalten in einer Polizeikontrolle thematisiert wurde: In der letzten gemeinsamen Autofahrt vor der Festnahme hatten Yilmaz, Schneider und Gelowicz darüber gesprochen. Schneider war dafür, gegebenenfalls Polizeibeamte zu überwältigen, dann aber nur im Wald „auszusetzen“ und „festzubinden“. Adem Yilmaz sprach dagegen von „in den Hals stechen“ und davon, dass er ein Messer dabei habe. Heute hatte er eine überraschende Erklärung dazu: Auch er sei für die „Fesselung“ gewesen, das sei aber wohl nicht vom BKA aufgenommen worden.

So zerstörte Adem Yilmaz schon an früheren Verhandlungstagen jeden möglichen positiven Eindruck über sein Aussageverhalten, denn man (sehr gelegentlich) bekommen konnte.

Etwas anders war es zuvor bei Fritz Gelowicz gelaufen. Auch hier gab es Meinungsverschiedenheiten über seine Aussage: Hat er versucht, Atilla Seleks Anteil an der Tat zu bagatellisieren? Oder hat er einfach eine subjektiv-andere Sicht auf das Geschehene? Mein Eindruck ist nach wie vor: Gelowicz ist konsequent in seinen Aussagen. Aber das ist nicht als Lob gemeint. Denn seine Konsequenz führt immer wieder zu haarsträubenden Momenten. Wie heute, als er eiskalt die Tötung von Soldaten rechtfertigte: „Ich musste das in Kauf nehmen, um das Leid der Muslime in Afghanistan zu lindern“. Ob er dabei nicht an das Leid der Familien der Soldaten gedacht habe? „Ich glaube nicht, dass Sie in Tränen ausbrechen, wenn in Afghanistan ein Tanklaster bombardiert wird und Menschen sterben“, entgegnete Gelowicz kalt.

Es entstand eine absurde Diskussion um Wert und Unwert von Leben. Nach dem Motto: Welcher Anschlag ist schlimmer / weniger schlimm, bzw. gerechtfertigt / weniger gerechtfertigt? Muslime gegen Muslime? Schiiten gegen Sunniten? Muslime gegen Ungläubige? Unklar blieb für mich, warum der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling und Bundesanwalt Volker Brinkmann diese Diskussion mit weiteren Nachfragen in die Länge zogen. Die menschenverachtende Haltung von Fritz Gelowicz stand doch schon lange und deutlich im Raum. Griffige Zitate für den Schlussvortrag oder das Urteil gab es heute, wie an den Verhandlungstagen zuvor, reichlich. Reicht das nicht? Wer muss hier wem noch was beweisen?

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Kommentare zu „„Keinen Bock mehr auf Jihad!““

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  1. MH
    schreibt am 1. Oktober 2009 19:48 :

    Die Diskussion um Wert und Unwert von Leben ist in einem Krieg allerdings absurd. Die Islamisten in Afghanistan kämpfen gegen eine nicht zu rechtfertigende Besetzung durch amerikanische Truppen und verteidigen sich in einem Angriffskrieg von Seiten der USA. Eine eiskalte Tötung von amerikanischen Soldaten auf deutschem Boden rechtfertigt das natürlich trotzdem in keinster Weise. Außerdem kann man auch nicht behaupten, dass ein deutscher Konvertit in Deutschland in irgendeiner Form die Freiheit der Afghanen verteidigen muss. Der moralische Zeigefinger in Richtung der Dschihadisten, die in Afghanistan selbst kämpfen, macht allerdings deutlich, dass in Deutschland das gleiche neokonservative Denken im Sinne von Leo Strauss vorherrscht wie in den USA. Die historischen Hintergründe sowie die politische Zielrichtung dieser Denkweise werden in der BBC-Dokumentaion von 2004 „The Power of Nightmares“ in beeindruckender Weise deutlich. Das Ideal der Neokonservativen ist die perfekte Lüge zur Schaffung eines starken Feindbildes, mit dessen Hilfe sich die eigene Bevölkerung beherrschen und zu sogenanntem tugendhafteren Verhalten hin bewegen lässt. „Wertezersetzende Wahrheiten“ wie das Vorhandensein eines Terrormanagments und die Tatsache der maßlosen Übertreibung von Gefährdungslagen werden der Bevölkrung bewusst vorenthalten. Als moralische Tugend wird der Kampf gegen das Böse verkauft, der „War on Terror“ gegen die alle „Guten“ bedrohenden Terrornetzwerke. Die Terroristen sind das Böse, das es zu bekämpfen gilt, wobei das Töten von tausenden und hunderttausenden unschuldiger Civilisten u. a. in Afghanistan und im Irak dann als moralisch nicht verwerflich angesehen wird. Wir müssen ihnen ja schließlich die Demokratie bringen!
    Umgekehrt halten die Islamisten ihre Anhänger auf Kurs, indem sie die dekadente westliche Welt ohne Glauben als das Feindbild und die Bedrohung schlechthin darstellen. Leider bewegen wir uns mit unserer völlig übertriebenen Angstmache vor dem großen übermächtigen und allgegenwärtigen Feind Al-Qaida auf ähnlichem Niveau und setzen ein für eine Kontrolle der Bevölkerung erforderliches Sicherheitsdenken über die traditionellen westliche Werte der individuellen Freiheiten.
    Moral ist dabei eine Tugend, die stets von den Schwachen eingefordert wird, nicht aber von den Mächtigen dieser Welt.

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