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Schokoladentest und Schlagstock

28.09.2009, von

Der Tag in Koblenz war nicht gerade ereignisarm: Yannick N. kam und sagte aus. Sein Personenschutz (Zeugenschutzprogramm) trat überwiegend dezent, aber gelegentlich auch offensiv in Erscheinung (als sich bei einer Augenscheinnahme einmal nicht nur die Anwälte, sondern auch Sermet I. in Richtung Richterbank bewegte, schob sich der Chef persönlich dazwischen). Zu Mittag fehlte das Essen für Sermet I (Fehler der JVA), zwischendrin wurde ein Wachtmeister rüde von einer Polizeihauptkommissarin ermahnt, weil er seinen Schlagstock unmittelbar neben Sermet I’s Stuhl vergessen hatte. Und gleich zu Beginn erklärte die Vorsitzende Richterin, der Wunschanwalt von Aleem N., Manfred Gnjidic (auch Anwalt von Atilla Selek) stehe nun möglicherweise doch für eine Zeugenbefragung zur Verfügung. Und dann wurde mit Schokolade gebastelt. Aber der Reihe nach:

Die Befragung von Aleem N. in diesem Prozess (der ja der Drahtzieher für Al Qaida war und eine Art Anführer der Angeklagten gewesen sein soll) wurde dadurch erschwert, dass er keinen Zeugenbeistand hatte. Seine beiden Pflichtverteidiger, die Rechtsanwälte Michael Hürth (Koblenz) und Anne Bosch (Trier) lehnte er ab (wohl aus Zorn über den Schuldspruch). Sein ursprünglicher Wunschanwalt Manfred Gnjidic (Ulm) hatte sein Mandat kurz vor Prozessbeginn aus persönlichen Gründen niedergelegt und war kurz darauf durch das Sauerlandverfahren ohnehin unabkömmlich. Was also tun? Im Oktober soll er ja noch einmal aussagen. Die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner präsentierte heute eine mögliche Lösung: Rechtsanwalt Gnjidic sei inzwischen doch bereit, erklärte sie. Allerdings brauche er Zeit, sich in die Akten einzulesen.

Dann kam Yannick in Begleitung freundlicher Beamten des Mobilen Einsatzkommandos des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz, die schon im Verfahren gegen seinen Stiefvater einen wachsamen Blick auf die Zuschauer hatten. Yannick erklärte seine Bereitschaft, Angaben zu machen, obwohl ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft (Unterstützung von Al Qaida). Die Vorsitzende hatte ihn nach dem berühmten § 55 StPO belehrt, interessanterweise war es aber Sermets Anwalt Michael Ried (Waldbronn), der deutlich aussprach, worum es dabei ging: „Gegen ihn wird auch ermittelt! Weiß er das?“ Ja, wusste er. Und sagte trotzdem aus.

In grauem Anzug, weißem Hemd und einer schwarz-silber-gestreiften Krawatte saß Yannick neben seinem Anwalt auf dem Zeugenstuhl und machte seine Aussagen. Langsam, oft zögernd und leise, aber immer bemüht, machte er seine Aussagen. Am Revers trug er eine Deutschlandfahne.

Bei der Bundeswehr sei er seit Juni nicht mehr, nun mache er eine Berufsausbildung, erzählte er. Einzelheiten: Geheim wegen des Zeugenschutzprogramms. Kontakt zu Mutter oder Stiefgeschwistern? Nein. Dann folgte seine Lebensgeschichte, die schon im Prozess gegen seinen Stiefvater zur Sprache kam: Wie seine Mutter Aleem N. kennen lernte und er zum Stiefsohn wurde. Wie fordernd und herrschsüchtig sein Vater war. Wie er in ein Ausbildungscamp Nach Pakistan schickte und ihn misshandelte. Wie er schließlich ausriss, sein Glück bei der französischen Fremdenlegion suchte und dann für zwei Jahre zur Bundeswehr ging. Und schließlich zur Aussage gegen seinen Vater bereit war.

Diese Aussagen wiederholte er heute. Wie sein Vater vom Jihad erzählte, wie er andere Radikale traf ( Dr. Yousif und Dr. Osama) wie er rekrutierte und schmuggelte. Auch er, Yannick, habe Geld transportiert, Versteckt in Schokoladentafeln.

„Wie haben Sie das gemacht?“ fragte die Vorsitzende. Das hatte sie schon im vorangegangenen Prozess gefragt – doch diesmal war der Senat vorbereitet: Die Vorsitzende präsentierte Tafeln eines bekannten Discounters und verlangte eine Demonstration am Richtertisch. Leider war nicht zu erkennen, ob und wie viele Geldscheine dazu aus der Gerichtskasse zur Verfügung standen. Aber das Fazit des Gerichts war eindeutig: „Ah! Aber schmeckt die Schokolade dann nachher nicht komisch?“

Ömer Ö und Sermet I schauten sich das alles mit versteinerter Mine an. Ömers frühere Gelassenheit war heute nicht zu sehen. Aber noch ging es weniger um sie. Richtig spannend wird es für beide erst morgen, Dienstag, wenn es um den konkreten Beitrag von Ömer und Sermet gehen wird. Deshalb bin ich in Koblenz geblieben und nicht nach Düsseldorf gefahren. Ich werde also morgen berichten.

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