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Videoterror

25.09.2009, von

Gerade kommen die neuen Videos im Stundentakt: Bekkay Harrach versucht die Rekrutierung, Osama Bin Laden posiert vor einer deutschen Flagge und heute Abend kommt ein selbsternannter, deutschsprechender Taliban dazu, der seine Zuhörer anschreit. Neuigkeitsgehalt: Gering.

Zwar versucht sich Osama in großen Gesten und zeigt der Taliban (ein bisschen platt) Bilder von Frankfurt, München, Hamburg und Berlin. Doch wirklich neu ist nichts. Die Herrschaften wissen, dass der Wahltag naht.

Dazu folgender Gedanke:

Am Donnerstag war ich in Turin auf der „EBU Radio News-Conference„. Die EBU ist die europäische Rundfunkunion, ein Zusammenschluss von mehr als 70 Rundfunkanstalten. Das bekannteste „Produkt“ der EBU ist der „Eurovision-Songcontest´“, aber die EBU beschäftigt sich noch mit ganz anderen Dingen, zum Beispiel technischen Standards und Programmfragen. Am Donnerstag ging es auch um die Berichterstattung über Terrorismus und Organisierte Kriminalität, in diesem Zusammenhang habe ich meine Arbeit vorgestellt. Auf dem Podium saß auch Pino Arlacchi, ein italienischer Soziologe und Mafiaexperte, der Abgeordneter im Europarlament ist und früher an führender Stelle für die Vereinten Nationen gearbeitet hat. Er vertrat eine spannende These, die ich hier aus aktuellem Anlass darstellen will.

Man könne die Probleme Terrorismus und Mafia lösen, wenn man einfach nicht mehr darüber berichten würde, so Arlacchi. Die Gefahr, Opfer eines Terroranschlages zu werden, sei weit kleiner, als die Gefahr eines Autounfalls. Und über die Gefahr, von einem Kometen erschlagen zu werden, würde ja auch niemand berichten. Also sollten wir doch bitte Terrorismus in den Medien wie Autounfälle behandeln – oder gar nicht mehr berichten. Dann würde der Terrorismus rasch in sich zusammenbrechen, Sinngemäß sei es mit der Mafia.

Eine starke These. Aber auch wirklich eine Lösung?

Ein Anschlag auf deutsche Urlauber in Djerba, den Angriff auf Mumbai oder gar die Anschläge von New York und Washington am 11. September einfach ignorieren? Wie soll das gehen? Und wozu würde das führen? Sicher, Osama Bin Laden hätte sicher nicht schlecht geguckt, wenn es am 11. September keine Fernsehbilder gegeben hätte. Aber die Idee ist völlig unrealistisch. Aber ich habe auch eher den Eindruck gehabt, Pino Arlacchi wollte polarisieren und einen Kontrapunkt setzen. Das hat er jedenfalls geschafft.

Sein Grundgedanke ist aber an sich völlig richtig: Die Terroristen kalkulieren mit unseren Ängsten und wollen uns zu Verhaltensänderungen zwingen. Sie selbst können nicht viel erreichen. Aber sie können erreichen, dass wir selbst die Gesellschaft erheblich verändern – mit Ängsten, Kontrollen, Gesetzesverschärfungen, etc.

Hier liegt deshalb meiner Meinung nach eine Teil-Lösung des Terrorproblems, die wir selbst in der Hand halten. Deswegen lohnt es sich auch nicht, auf jedes dieser Videos en detail einzugehen.

Einverstanden?

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Kommentare zu „Videoterror“

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  1. Heinz
    schreibt am 26. September 2009 01:13 :

    Die Annahme von Herrn Arlacchi ist eben eine theoretische. In der Praxis kann das nicht funktionieren und im Grunde ist das ja auch gut so, schließlich sind es relevante Themen und das aussparen dieser wäre Zensur. Die Existenz dieses Blogs ist ja Beweis genug, dass es offenbar eine Nachfrage an diesen Themen gibt.

    Ob man das Video jetzt kommentiert oder nicht – ich halte diese Frage für zweitrangig. Letztenendes ist all dieses Material so leicht aufzufinden, dass das Nichtsenden wenig hilft. Ich glaube eher, dass grade aus diesem Grund eine Berichterstattung über die Sicherheitsbehörden – national und international – entscheidend interessanter ist. Wenn man nämlich mal zwei Ecken weiter klickt, findet man auch entsprechende Berichte, dass die Deutschen Sicherheitsbehörden zumindest offenbar reichlich nervös sind. Mit dieser umfassende(re)n Berichterstattung – in Blogs aber auch in „großen“ Medien – verstehen die Leute, was da eigentlich vor sich geht und sind dann in der Lage, die Fakten eigenständig einzuordnen und bewerten.

  2. RA Munzinger
    schreibt am 26. September 2009 09:33 :

    Ohne Medienberichterstattung wüßte ich gar nichts von irgendwelchen Videos von OBL oder BH.

    Antwort: Und das hätte welche Folge
    …?

  3. Gehirnmensch
    schreibt am 26. September 2009 13:10 :

    Die Lösung liegt in einer sachlichen und unaufgeregten Berichterstattung, die nicht in die Falle der Terroristen hineinfällt.
    Wenn wir jetzt mal ganz ehrlich sind – da sitzen ein paar Leute irgendwo in Afghanistan, Pakistan oder Usbekistan, drehen ein unscharfes Video mit schlechtem Ton und stoßen wilde Drohungen aus. Über so ein Video kann man sachlich berichten oder man macht daraus ein Panik-Angst-Stück wie die BILD:

    http://www.bild.de/BILD/politik/2009/09/24/terror-alarm-bundestagswahl/cia-warnt-vor-anschlaegen-auf-passagier-jets.html

    Das gleiche gilt auch für die Berichterstattung nach einem eventuellen Terroranschlag. Egal, was passiert, es wird keine größeren Schäden verursachen und schon gar nicht unser gesamtes Land in Probleme stürzen. Wären die Kofferbomber erfolgreich gewesen, dann wären ein paar Leute in Naherkehrszügen gestorben. Das ist natürlich nicht wünschenswert, bringt aber auch nicht die gesamte Zivilisation zum Erliegen. Für die Sauerländer gilt ähnliches – der wahre Effekt eines solchen Anschlages ist die Angst, die er auslöst. Und es ist Sache der Medien, diese Angst zu kontextualisieren, die Hintergründe zu beleuchten und damit den Terroristen ihren Sieg zu nehmen. Jeder, der plötzlich Angst vor verschleierten Frauen und Männern mit Bärten kriegt, ist ein Sieg für den Terror.

  4. noamik
    schreibt am 26. September 2009 13:50 :

    Wissen ist aber nicht immer gut. Wissen muss in einem rationalen Kontext verarbeitet und verwandt werden, sonst wandelt sich Wissen in etwas schlechtes. Was wäre wohl los, wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass wir in 137 Tagen alle sterben müssten (Meteor oder so …)?
    Und genauso verhalten wir uns leider in Angesicht des Terrorismus. Es ist sinnvoll um eine Gefahr zu wissen, wenn man angemessen darauf reagiert. Sonst wäre es besser, man wüsste es nicht. Und derzeit tun wir vieles, aber sicher nicht angemessen auf die fast vernachlässigbare Gefahr des Terrorismus reagieren. Die Freiheiten die angeblich ein gewisser Bin Laden bedroht, schaffen wir höchst selbst ab. Glückwunsch …

  5. Mathias
    schreibt am 26. September 2009 14:42 :

    Ich denke das Problem was Herr Arlacchi anspricht ist nicht die kritische Berichterstattung z.B. in Blogs, sondern eher die boulevardmäßige Ausschlachtung, die vorwiegen die Angst der Bevölkerung schürt. Wenn meine Mutter in den Nachrichten hört, dass wieder eine Terrordrohung gegen Deutschland aufgetaucht ist, bekommt sie Angst und wählt am Ende vielleicht doch die Linken, um „den Anschlag“ abzuwenden oder die CDU, damit noch mehr Abhörgesetze kommen.
    Das Innenministerium warnt inzwischen ja sogar vor Panikmache, aber das ist nur eine Meldung im Gegensatz zu mehreren zu den Drohvideos. Die gefühlte Unsicherheit steigt momentan bestimmt wieder, und das ist doch genau das, was die mit den Drohvideos erreichen wollen.
    Wer diesen Blog ließt oder sich anders umfassender informeirt, kann die Informationen einfach besser einschätzen. Totgeschwiegen soll das Thema ja wahrscheinlich nicht werden, es soll einfach keine Panikmache betrieben werden. So wie ja auch nicht bei jedem Unfall vor den Gefahren des Autofahrens gewarnt wird.

  6. gehirnmensch
    schreibt am 10. Oktober 2009 23:30 :

    Eine Aufgabe für dieses Blog in ein paar Wochen wäre die Nachberichterstattung über den Terrorhype – die künftige Regierung ist seit dem Wahlabend bekannt und bislang ist nichts passiert.

    Antwort: Wird gemacht. Versprochen.

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