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Ist das Reue?

22.09.2009, von

Manchmal lohnt es sich eben doch, bis zum Ende eines Verhandlungstages zu bleiben: Nach einem insgesamt interessanten Tag mit einer weiteren Vernehmung von Fritz Gelowicz (dazu komme ich gleich), gab es heute Nachmittag noch richtig interessante Sätze von Fritz Gelowicz. Schon eine Weile ging es um Fragen des Gerichts und der Bundesanwaltschaft zur Einstellung von Gelowicz zu den Attentaten und seiner Ausbildung im Terrorcamp. Tenor: Ob er sich damals klargemacht habe, was er da tat. Töten üben, Anschläge trainieren. Und wie er heute dazu stehe.

Die Antworten von Fritz Gelowicz waren deutlich:

Ja, das sei ihm klar gewesen und er habe es auch für richtig gehalten. Angst vor dem Tod sagte er. Insofern sei die Situation jetzt „der Worst-Case-Fall“. Oberstaatsanwalt Setton hakte nach: Wenn Gefängnis „worst-case“ sei, was denn dann im Fall von 100 oder 150 toten Amerikanern gewesen wäre? Ob die Verantwortung dafür kein Problem für ihn gewesen sei?

Das brachte Gelowicz richtig in Fahrt: Nein, das habe er sich so nicht klar gemacht. Er habe sich in einem Kampf gesehen und nur einen Blick für diesen Kampf gehabt. „Ich habe mich gefühlt, wie im Krieg“, sagte er. Und dass er der Meinung gewesen sei, dass die Muslime angegriffen würden und dass er deshalb kämpfen müsste. Er habe es aus der Situation vor Ort gesehen, „wo ein 40jähriger Bauer, der sein ganzes Leben nur auf dem Feld stand und gearbeitet hat, nach Hause kommt und seine Familie von einem NATO-Angriff zermetzelt vorfindet“. In diesem Kampf habe er geglaubt kämpfen zu müssen. „Das ist heftig“, sagte er immer wieder: „Sie haben Recht! Aber daran habe ich damals nicht gedacht“. Er wolle sich damit aber nicht rechtfertigen, nur darstellen, warum er das Ergebnis seines Tuns damals ausgeblendet habe“. Und dann kam der für mich bemerkenswerteste Satz: „Aber eines ist klar: Ich bin nicht das Opfer“.

Das Gericht und die Bundesanwaltschaft wirkten ein bisschen ratlos und hakten mehrfach in Richtung „sie wollen sich doch jetzt aber wohl nicht rausreden“ nach. Doch Gelowicz stellte nochmals klar: Er wolle sich nicht rausreden. Er wolle aber seine Situation damals schildern, die er heute so nicht mehr nachvollziehen könne.

Offensive Reue klingt anders. Und über Reue will Fritz Gelowicz ja vor Gericht nicht sprechen (weil sie in seinem Verständnis nur zwischen ihm und Allah erfolgen kann).

Aber Rechtfertigung oder Bagatellisieren klingt auch anders. Und eines muss man Gelowicz lassen: Ausgewichen ist er heute keiner Frage. Fast keiner: Aus Prinzip lehnt er Fragen des psychiatrischen Gutachters Dr. Seifert ab. Das ist von Anfang an so gewesen und deshalb hat er auch heute drei Fragen von Dr. Seifert zu seinen Gefühlen im Terrorcamp nicht beantwortet. Als der Vorsitzende aber unmittelbar darauf die quasi gleichen Fragen stellte, kamen die Antworten darauf ohne Zögern…

Wie gesagt: Auch zuvor war es interessant: Es ging um Interna der IJU, um die Frage, wen er aus der IJU kenne, wen er auf Bildern erkenne und was er über die Strukturen und Arbeitsweisen der Gruppe wisse. Dabei lies Fritz Gelowicz keinen Zweifel an der Existenz der Gruppe: Er habe ratlos registriert, dass deren Existenz zu Beginn des Verfahrens angezweifelt worden sei – er habe aber auch begriffen, dass es für seine Anwälte ein denkbarer Weg war, die Existenz der Gruppe zu bestreiten. Doch „mir war schon klar, dass es die IJU gibt“. Deswegen sei die Diskussion für ihn am Anfang etwas komisch gewesen: „Da wo die herkommen, braucht man so was nicht zu beweisen, die haben keinen demokratischen Rechtsstaat“.

Inzwischen sei ihm am liebsten, das „Buch der Sauerlandgruppe“ zu versiegeln und abzuschließen und „den Schlüssel ins Meer zu werfen“. Und: Ohne 9/11 hätte es auch die „Sauerland-Gruppe“ nicht gegeben.

Wie gesagt: Ein spannender Tag.

Aber war das Reue?

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