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Radikalisiert von Dr. Osama

13.07.2009, von

Dr. Osama

Ein letztes Mal wurde Aleem N. heute Nachmittag mit Blaulicht und im Konvoi aus der Koblenzer Innenstadt in Richtung Gefängnis gefahren. Mir hat es sich über fast sieben Monate hinweg nicht erschlossen, weshalb man ihm regelmäßig diese pompöse „Ehre“ zu Teil werden liess: Vorne weg ein Polizeiauto, dahinter zwei Busse. Alle mit Blaulicht durch den morgendlichen Berufsverkehr hin und nachmittags zur besten Stau-Zeit zurück. Ohne in Details gehen zu wollen: Andere Bundesländer werten andere Angeklagte weniger auf. 

114 Seiten mündliche Urteilsbegründung hatte die Vorsitzende Richterin Angelika Blettner zuvor verlesen. Ein überzeugendes Urteil, wie ich finde. Überwiegend ruhig, sachlich und sehr ausführlich legte der Senat die Gründe für seinen Schuldspruch da. Die schwierigen Punkte, wie die Bewertung der pakistanischen Geheimdienstinformationen oder die Glaubwürdigkeit des Stiefsohnes Yannick erfuhren dabei eine ausführliche Würdigung und die Abwägung mit den Gegenargumenten der Verteidigung. Zwar blieben die beiden Strafverteidiger, Michael Hürth und Anne Bosch, bei ihrer Linie, den Prozess nicht öffentlich zu kommentieren. Doch mein non-verbaler Eindruck war: Vielen Schlussfolgerungen des Gerichts können sich auch die beiden Anwälte nicht entziehen.

Aleem N. war anfangs ruhig, fast stoisch, schaute regungslos schräg hinter die Richterbank auf die Tür des Beratungszimmers und kaute gedankenverloren auf seiner Unterlippe. Manchmal hielt der den Kopf schräg, so als verstehe er akustisch nicht, was gesagt wurde. Doch das sonst übliche leichte Kopfschütteln und das überhebliche Lächeln aus den „normalen“ Sitzungstagen stellte sich erst nach der Mittagspause ein – immerhin dauerte die Urteilsverkündung der Vorsitzenden gute vier Stunden.

Am Ende waren dann aber die Nerven aller Anwesenden angespannt: Als die Vorsitzende nach der Urteilsverkündung auch noch einen neuen (weil auf die neuen Umstände „Urteil noch ohne Rechtskraft“ aktualisierten) Haftbefehl verkünden wollte, brauste Aleem N. auf: „Was soll das jetzt noch?“ rief er – und zu seinen Anwälten: „Warum haben Sie mir davon nichts gesagt?“. Die Sitzung musste kurz unterbrochen werden. Aleem N. hatte offenkundig nicht verstanden, dass der neue Haftbefehl eine reine Formsache war. Aber der Ausbruch war aufschlussreich: „Das ist ein kleiner Einblick in seine wirkliche Art“, sagte einer der Kommissare aus dem Ermittler-Team, das die ganze Verkündung über im Zuschauerraum gesessen hatte.

Von der Familie N. war niemand im Gerichtssaal zu sehen. Auch das war den ganzen Prozess über so – bis auf den Tag, an dem Frau N. vor Gericht aussagen sollte. Dem Vernehmen nach sind übrigens auch Besuche der Familie in der Haft in den vergangenen Monaten selten gewesen. 

Wie  nur ist es soweit mit Aleem N gekommen?

Darauf fand das Urteil deutliche Antworten. Bei seiner Ankunft in Deutschland in den 1980er Jahren sei der Angeklagte ein normaler junger Mann gewesen, der Popmusik hörte und auch rauchte. Doch dann sei er in Freiburg in den 90er Jahren in einer muslimischen Gemeinde an zwei radikale Prediger geraten, die ihn stark beeinflusst hätten: Der eine war Dr. Yehia Yousif. Ein anerkannter Arzt an der Uniklinik Freiburg, der seine hoffnungsvolle Karriere als Mediziner aufgab und später eine wichtige Figur rund um das „Multikultur-Haus“ (MKH) in Neu-Ulm wurde. Heute ist Dr. Yousif im arabischen Ausland – doch er gilt nach wie vor als zentrale Figur des Islamismus in Deutschland und es gibt in Deutschland kaum einen Islamisten, der ihm nicht irgendwann begegnet wäre oder mit ihm zu tun hatte.

Das andere „Vorbild“ ist laut Urteil „Dr. Osama“. Wer das ist, blieb im Verfahren offiziell ungeklärt. Ich gehe davon aus, dass es Dr. M. Osama K. ist. Ein Arzt, damals ebenfalls aus Freiburg. Er ist mir schon früher aufgefallen. Gerne hätte ich die Verbindung zu Aleem N. dieser Tage mit Dr. Osama besprochen. Heute betreibt der Arzt eine Praxis in Baden-Württemberg. Doch wenn ich anrief, liess er sich in seiner Praxis verleugnen. Und am Handy sprach er nur kurz mit mir: „Sie sind kein guter Mensch“, sagte er – bevor er auflegte.

Spanischer Ermittlungsbericht

Der Name von Dr. Osama taucht nicht nur im Verfahren Nasir auf. Auch in einem Ermittlungsbericht spanischer Behörden über die islamistische Szene, der nach den Anschlägen von Madrid geschrieben wurde, taucht er auf. Geld soll er in den 90er Jahren an Gotteskämpfer überwiesen haben. Mindestens. Doch die deutschen Behörden waren machtlos, ein Rechtshilfeersuchen versandete. Immerhin soll die Freiburger Polizei einmal allen ernstes bei Dr. Osama geklingelt haben, als es das Gerücht gab, ein Hintermann des 11. Septembers 2001 sei in der Stadt im Breisgau. „Ist Said Bahaji bei Ihnen“, sollen die Polizisten Dr. Osama gefragt haben. War er aber nicht. Und der Doktor verwies die Beamten der Wohnung. Dies alles blieb im Verfahren leider unerwähnt.

Aber Aleem N. freute sich sichtlich, als er vor Monaten am Rande des Prozesses ein Bild von Dr. Osama sah: „Ah! Dr. Osama!“, sagte er mit einem wissenden Lächeln. In seinen Augen ein wahrer Bruder, nehme ich an.

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Kommentare zu „Radikalisiert von Dr. Osama“

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  1. Janko Weber
    schreibt am 9. September 2009 15:01 :

    „Andere Bundesländer werten andere Angeklagte weniger auf.“
    Es ist wohl ein Show-Prozess, genau wie das ganze Thema an sich. Es gibt kein Terror-Netzwerk Al Qaida. Osama bin Laden ist seit vielen Jahren tot. Und alles was hier in Deutschland stattfindet sind Politik-Medien-Spektakel die von „real existierendem Terrorismus“ ablenken sollen. Man könnte mit dem Thema sehr schnell schluß machen: Bestimmten religiösen Fanatikern klar machen dass sie „an der Nase herumgeführt“ wurden. Ein paar Lektionen in „Ethik und Moral“ und wieder ab in die „Freiheit“. mfg Janko Weber (Terrorismus-Experte)

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