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Urteil gegen den Lapislazuli-Terroristen

13.07.2009, von

Heute fällt das Urteil: Es geht für Aleem N. aus Germersheim um alles oder nichts. Die Auffassungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Ist der 42jährige Deutsche pakistanischer Herkunft ein harmloser Schmucksteinhändler, der für ein paar Lapislazuli bis nach Pakistan fährt? Oder ist er eines der wichtigsten AlQaida-Mitglieder in Mitteleuropa? Muss er bis zu acht Jahre in Haft – wie es der Generalbundesanwalt beantragt hat – oder wird er freigesprochen, wie es seine Verteidiger für richtig halten?

Mehr als 40 Verhandlungstage hat das Oberlandesgericht Koblenz gegen Aleem N. verhandelt und versucht, diese Widersprüche aufzuklären. Hat der Angeklagte Nachtsichtgeräte nach Pakistan gebracht, um sie gegen Schmucksteine zu tauschen – oder waren sie für den Kampf der Terrororganisation AlQaida? Hat er in Pakistansicher Geheimdienst-Haft nur unter Folter behauptet, ein Terrorist zu sein – oder ist er es wirklich? Ist er nur ein streng gläubiger Moslem – oder ein religiöser Fanatiker?

Für den Generalbundesanwalt als Ankläger ist die Sache klar. ALeem N. ist eine zentrale Figur des islamistischen Terrors, der selbst von Germersheim aus neue Terroristen angeworben hat. Staatsanwalt Bodo Vogler sagte nach seinem Plädoyer: „Der Angeklagte hat zentrale Aufgaben für AlQaida wahrgenommen. Mindestens 78.000 Euro und Ausrüstungsgegenstände in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gebracht, aber vor allem auch Personen rekrutiert und in die Stammesgebiete geschickt“.

Angeworben haben soll er zum Beispiel Bekkay Harrach aus Bonn, der seit einigen Monaten in Drohvideos von AlQaida zu sehen ist. Für ihn soll Aleem N. ein Empfehlungsschreiben ausgestellt haben, mit dem Harrach zu AlQaida nach Afghanistan reisen konnte. Angeworben haben soll er auch Rene Marc S. aus Bremen, gegen den dort seit Jahren ermittelt wird. Oder Sermet I., der bald selbst in Koblenz vor Gericht steht, genauso wie der vierte im Bunde: Ömer Ö.

Alles nicht wahr, sagte N. in seinem Schlusswort. Und seine Verteidiger, die keine Interviews geben wollen, weisen darauf hin, dass es aus ihrer Sicht zahlreiche Probleme mit der Beweisführung gibt. So sei N. in Pakistan geschlagen worden. Auch seine Angaben gegenüber einem deutschen Botschaftsmitarbeiter in Lahore dürften nicht verwendet werden. Ihm gegenüber hatte sich N. als Terrorist bezeichnet.

Besonders kritisch sieht die Verteidigung aber die Aussage von N.’s Stiefsohn Yannick. Er hatte seinen Stiefvater in mehreren Aussagen erheblich belastet und ist inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm. Das war Rache für Familienstreitigkeiten, vermutet die Verteidigung. Doch Staatsanwalt Vogler hält ihn für glaubwürdig: „Er war sicher einer der wichtigsten Zeugen, aber wir haben eine Vielzahl weiterer Beweismittel. Zum Beispiel Quittungen und scheußlichste Jihad-Videos“, sagt er.

Acht Jahre Freiheitsstrafe hat der Generalbundesanwalt gefordert. Auf Freispruch hofft die Verteidigung. Um 10:15 Uhr wird die Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Koblenz, Angelika Blettner, das Urteil des 1. Strafsenats verkünden.

Ich bin nachher vor Ort und berichte später.

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