. .

Exotische Dinge

26.05.2009, von

Hier kommt noch der versprochene Bericht von der Befragung des Gutachters S-L am 11. Verhandlungstag. Der Chemiker Dr. S-L, dessen Vornamen so ungewöhnlich sind, dass ich den Nachnamen bei Nennung der Vornamen auch gleich ausschreiben könnte, arbeitet als „Wissenschaftlicher Oberrat“ beim BKA in der Abteilung KT 16 und ist für Spreng- und Explosivstoffe zuständig. Er sollte über das Wasserstoffperoxid berichten und geriet in reichlich sonderbare Diskussionen im Saal (siehe auch vorheriger Beitrag). Diese meisterte er aber mit einer stoischen Geduld – und ich verstehe, warum ihm vor einigen Jahren eine Studentin in ihrer Dissertation den Dank aussprach, „man könne sich mit ihm auch über exotische Dinge unterhalten“. Wohl wahr.

Aber der Reihe nach:

Im Frühsommer 2007 fragten der Ermittlungsführer der „EG Zeit“ erstmals bei S-L an, wozu denn Wasserstoffperoxid (H2O2) zu verwenden sei. Diese Frage resultierte aus der Erkenntnis, dass Gelowicz große Mengen gekauft hatte – und die Ermittler schlicht wissen wollten, woran sie sind. Gefährlich? Wie gefährlich? Was braucht er noch? Was kann er vorhaben?

S-L antwortete damals akademisch breit, zählte die möglichen Optionen auf: Gefährlich werde es, wenn andere Substanzen zum H2O2 dazu kämen. Zucker, Mehl, ein gewisses organisches Lösungsmittel oder gewisse kristalline Ableitungen von Kohlenwasserstoffen zum Beispiel – alles Substanzen, die völlig problemlos zu erwerben sind. Ergebnis könnten verschiedene Sprengstoffe sein. Im Laufe der Ermittlungen zeigte sich aber, dass es wohl nur um eine Weiterverarbeitung mit Mehl ging – was allerdings nicht verhinderte, dass heute seitens der Verteidigung zahlreiche Fragen nach den anderen Varianten in der Verhandlung auftauchten. Warum das gefragt wurde, hat sich mir nicht erschlossen. Im Juni 2007 war einfach noch nicht klar, was weiter passieren würde. Präventiv hat sich das BKA aber mit allen Optionen beschäftigt. Gibt es daran ernsthaft etwas zu kritisieren?? 

Nach der Stürmung des Ferienhauses war dann offenkundig: Es ging um die Verarbeitung mit Mehl. Diesen Prozess schilderte S-L wiederum ausführlich und anschaulich. Und ich werde das hier nicht wiederholen. Sorry. Den Gesichtern der vier Angeklagten war dabei weder Erleuchtung  noch Erstaunen anzusehen. Mir drängte sich der Gedanke auf:  Spätestens jetzt wissen die vier, wie es geht.

Intensiv erinnerte mich das alles an meinen Chemie-LK bei Frau Ganter – und wie früher im Chemiesaal meiner Schule rechneten wir auch heute im Zuschauerraum fleissig Aufkonzentration und Dichte nach. Und rätselten über den Siedepunkt von H2O2. Service für die zu diesem Zeitpunkt noch anwesenden Kollegen: 150 Grad Celsius, habe ich eben noch nachgeschlagen. Allerdings haben wir damals in der Schule – zumindest bei Frau Ganter – keinen Sprengstoff hergestellt.

Zwischenfazit: Es hätte also wirklich klappen können: Das Ausgangsmaterial war geeignet. Der mutmasslich geplante Weg richtig. Die Prozedur langwierig und nicht ungefährlich, aber alles andere als abwegig. Die Sprengwirkung der 12 Kanister hätte theoretisch mehr als 400 kg TNT entsprochen – allerdings ist das ein „idealer“ Wert, bei optimaler Nutzung des Materials, der in der Praxis wohl nicht hätte erreicht werden können. Aber was soll’s? Schon ein Bruchteil hätte verheerende Folgen haben können.

Dann kamen die (erwartbaren) „Abers“ der Anwälte: Hätte der Herd überhaupt die nötige Leistung zum Aufkochen gebracht? Warum rosteten die Töpfe? Was hätte der Rost bewirken können? Wie lange hätte die Verarbeitung der 12 Kanister gedauert? Wie lange hätte man das Material lagern können? Hätte das Material vielleicht durch seine Feuchtigkeit die Zünder unbrauchbar gemacht? Wie schnell wäre das gegangen? Jede einzelne Frage hatte zweifellos einen intellektuellen Reiz. Aber auch strafprozessuale Auswirkung? Bei einigen Fragen hatte ich erhebliche Zweifel. Denn angeklagt ist nicht der Versuch einer Tat („das innere Übertreten der Schwelle zum ‚jetzt-geht’s-los“), sondern „nur“ die Verabredung zu einem Verbrechen. Oberrat S-L blieb trotz allem souverän und gelassen – und wird sich gedacht haben: „Was für exotische Dinge“. 

Eine einzige Frage wurde dabei als unzulässig verworfen – und genau die war meiner Meinung nach wirklich interessant und auf den zweiten Blick gar nicht exotisch:  „Wie wirkt sich der Unterschied zwischen der Verarbeitung im Sauerland gegenüber der Verarbeitung in den Alpen auf 2.500 Metern aus?“, wollte RA Dirk Uden (Gelowicz) wissen.

Klingt erst einmal absurd, klänge aber ganz anders, wenn man „Alpen“ durch „Nord-Waziristan“ ersetzt. Was allerdings unterstellen würde, dass Udens Mandant dort, im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, mit H2O2 zu tun hatte. Dieser Satz war Uden dann auch nicht zu entlocken. Er blieb bei „Alpen“ – und deshalb war die Frage unzulässig. Augen schließen ändert allerdings keine Naturgesetze. Die Frage bleibt interessant.

Der Verhandlungstag endete um 17:46 Uhr so spät, wie keiner bisher. Und am Ende waren alle beteiligten genervt. Soll es wirklich so weiter gehen, wird sich mancher heute Abend gefragt haben. 

Morgen früh werden wir es sehen. Erster Zeuge: Alaeddine T. aus Wolfsburg, der Zünder geschmuggelt haben soll. Und in Begleitung seines Anwalts kommt. Und wieder müssen wir mit dem Satz rechnen: „Ist der Mandant halbwegs vernünftig, beruft er sich auf 55

LinkARENAStudiVZShare

Kommentare zu „Exotische Dinge“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Michael P.
    schreibt am 10. Juni 2009 00:42 :

    Aus Walter van Rossums Deutschlandfunk-Feature „Ein Käfig voller Enten?“ (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dasfeature/918250/):

    ‚O-Ton: ([Jürgen] Elsässer)
    „Es ist bisher kein Fall bekannt, wo mit dieser Substanz überhaupt irgendetwas in die Luft gesprengt worden wäre. Es wird immer gesagt: In London war es diese Substanz, aber das stimmt auch nicht, in London am 7. Juli 2005.“

    Autor:

    Wahrscheinlich aus guten Gründen. BKA-Chef Jörg Ziercke hatte versäumt die anderen Ingredienzien der Bombe zu nennen: Weizenmehl. Doch in der Tat wird Wasserstoffperoxyd durch solche Zutaten zu einer mörderischen Waffe, nämlich zu TATP. Es gibt allerdings ein gravierendes Problem: Bereits das Drehen eines Verschlusses kann zur Explosion führen – von kleineren Erschütterungen ganz zu schweigen. Insofern gibt es kaum ungeeignetere Bomben für Terroranschläge als die, die da angeblich in Oberschledorn entstehen sollten.‘

    Kamen diese Einwände denn auch zur Sprache in dem Prozess? Wurden Fälle genannt, in denen tatsächlich eine solche Zubereitung aus H2O2+Mehl für Sprengstoffanschläge verwendet worden ist? Oder sind Elsässer/Rossum da schief gewickelt?

    Antwort: Ja, der Gutachter sagte, solche Bomben seien bereits zum Einsatz gekommen. Auch die Empfindlichkeit des Materials scheint nicht so sensibel zu sein.

  2. burie
    schreibt am 20. Oktober 2009 15:13 :

    Einen Sprengstoff aus H202 und Mehl auf dem heimischen Herd herzustellen ist meiner Meinung (2 Semester Chemie als Nebenfach an der Uni) nach eigentlich kaum möglich.

    Damit das überhaupt richtig knallt muss das H202 ziemlich rein sein. Und da gibts probleme:

    Zum einen kann man H202 nicht eben mal durch verdampfen konzentrieren, wie man z.B. eine Salzlösung konzentriert. H202 siedet zwar erst bei 150,3°C, aber nur wenn es hochrein ist. 35% tiges H2O2, höher konzentriertes ist nicht frei im Handel erhältlich, siedet bereits früher.

    Und reines H202 neigt bei Kontakt mit Metallen zu einer spontanen und unkontrollierten Zersetzung, sprich:
    Was nicht mit dem Wasser zusammen verdampft dürfte dem Laboranten gepflegt um die Ohren fliegen.

    Um H202 zu konzentrieren braucht man eine Vakuumdestille und die richtigen, inerten Gefäße, sicher aber nicht den heimischen Herd und irgendwelche Edelstahlkochtöpfe.

    Das nächste ist die Mischung von H202 mit Mehl, auch das wird so nicht wirklich funktionieren. Denn das Zeug reagiert bereits beim Mischen miteinander. Wenn es entsprechend frei reagieren kann, dann zersetzt sich spätestens jetzt das H202 spontan und unter einer ordentlichen Schaumbildung.
    (Mehl enthält eben nicht nur Stärke/Zucker…). Vermutlich wird es sich dabei sogar entzünden und zu einer kleinen Stichflamme führen.

    Und war der Laborant so schlau das Zeug in einer Verdämmung zu mischen (Sprich alles ins Rohr füllen, zuschrauben und dann mischen…), dann könnte es passieren, dass seine Erben das Haus, in dem das Labor war, erst mal grundsanieren müssen.

    Das hochexplosive Acetonperoxid (TATP) entsteht dabei aber nicht, dafür braucht man eine katalysierende Säure, Aceton und H2O2. Und ein entsprechend ausgerüstetes Labor, da beim einfachen zusammenrühren einer Bombe in der Waschküche vermutlich ebenfalls eine Grundsanierung des Hauses ansteht, in der der verblichene Laborant gemurkst hat. Und transportieren kann man den Sprengstoff TATP auch nicht wirklich.

    Anmerkung: Der Text wurde geringfügig gekürzt. Dies ist kein Anleitungsforum 😉

Schreibe einen Kommentar

*

Letzte Tweets von @terrorismus

Fehler: Du bist nicht mit Twitter verbunden.

Archive

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019