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Epidemais, die Restmülltonne und der Grenzblick

19.05.2009, von

Eine kryptische Überschrift für den bislang kürzesten Verhandlungstag. Zeuge B. hat – wie erwartet – von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und außer Angaben zu seiner Person (38 Jahre alt, Kaufmann) nichts weiter zu seinen möglichen Verkäufen an die Sauerlandgruppe gesagt. Sein einziges Zugeständnis war das Angebot, die Angeklagten zu betrachten, ob ihm jemand bekannt vor kommt. Das tat er dann auch, schritt die Angeklagtenbank einmal auf und ab – und erkannte „möglicherweise“ Daniel Schneider wieder. Der soll aber nach BKA-Erkenntnissen niemals in Hodenhagen gewesen sein. Eine Aussage „für den Ofen“ – wie sich Bundesanwalt Brinkmann mal in einem früheren Verfahren ausdrückte. Dann kam ein weiterer Zeuge, ebenfalls B.    Zur Unterscheidung nenne ich ihn Axel B., er hat familiär mit Händler B. nichts zu tun, ist jedoch sein Nachbar auf dem Munitionsdepot in Hodenhagen. Händler B. hat die rechte, Axel B. die linke Hälfte der „Halle 5“ auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände gemietet. Sie teilten sich den restmüllcontainer.

Axel B. betreibt ein Unternehmen zur Reinigung von Industrieanlagen – und er verkaufte Händler B. zwischen Januar und März 2007 einige Kanister Wasserstoffperoxid – die dann wohl überwiegend weiter an Gelowicz gingen. Axel B. war auskunftsfrudiger und schilderte Händler B. als einen angenehmen Nachbarn, ordentlich und freundlich, dem er auch schon mal seinen Transporter geliehen habe, wenn Händler B. einen gebrauchten Apothekenschrank in sein Lager transportieren wollte.

Händler B. habe hunderte oder tausende Flaschen und Gefäße in seinem Lager gehabt, alle mit Chemikalien für seinen Handel, aber alle ordentlich beschriftet. „Er hat einen ordentlichen Eindruck gemacht“, sagte B. über B. Einmal habe B. ihm gezeigt, wie er Phosphor lagere. Ich mußte bei diesen Schilderungen zunehmend an Epidemais, den phönizischen Händler bei Asterix, denken.

Allerdings sei Axel B.bald klar geworden, dass Händler B. die Kanister H2O2 wohl nicht bezahlen könne, weil er jeden Pfennig für seine Familie und sein kleines Kind brauche. Deshalb habe er das Geld schon im Frühjahr 2007 innerlich abgeschrieben und seinem Nachbarn nahegelegt, weitere Kanister direkt bei einem Großhändler zu bestellen. Insgesamt dürfte B. somit 7 volle und einen angebrochenen Kansiter H2O2 von Axel B. bekommen haben.

Von der Gefährlichkeit von H2O2 habe er erst nach den Gesprächen mit dem BKA erfahren. Händler B. dürfte aber um die Brisanz des Stoffes gewußt haben, meinte B: „Er wirkte wie jemand, er genau weiß, was er tut“. Aufschlußreich waren noch die Umstände der ersten Vernehmung von Axel B.: nach der Feststellung Ende Juni 07, dass Gelowicz bei B. Kanister gekauft hatte, ermittelte das BKA am 01. Juli, dass B. der Nachbar war und ebenfalls mit H2O2 zu tun hatte. Hektische Tage waren das im BKA, nach der brisanten Erkenntnis, dass die Gruppe Chemikalien zur Sprengstoffherstellung einkaufte. Deshakb rief der stellvertretende Ermittlungsführer G. den zeugen Axel B. sofort auf dem Handy an – und erreichte ihn auf der Autobahn A5 auf dem Weg in die Schweiz. Das BKA müsse umgehend mit ihm sprechen, er solle bei nächster Gelegenheit anhalten und auf die Beamten warten. Einige Stunden später, zwischen 23:00 Uhr und 01:00 Uhr, erfolgte dann die erste Befragung durch das BKA. In Steinwurfweite zur Schweizer Grenze: Im Hotel „Grenzblick“. Eine Geschichte, die auch Axel B. so bald nicht vergessen wird.

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Kommentare zu „Epidemais, die Restmülltonne und der Grenzblick“

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  1. Horst Wesemann
    schreibt am 20. Mai 2009 08:33 :

    Bis vor 3 Wochen war die Sauerlandgruppe für Herrn B. und seinen Verteidiger ohne jedes Interesse; das Verfahren gegen B. bezog sich ausschließlich auf andere Vorgänge, auch wenn bekannt war, dass der Mandant mit dem BKA an dieser Stelle zusammengearbeitet hatte.
    Erst durch die Ladung zur Hauptverhandlung zum OLG Düsseldorf ist die Polizei und StA Verden noch einmal tätig geworden und hat mit Schreiben vom 29.04.09 nun auch ein Verfahren wegen der Abgabe von H2O2 an die Sauerlandgruppe eingeleitet. Überraschend – wie auch die Bundesanwaltschaft meinte. Damit wurde der Bundesanwaltschaft und dem OLG der Zeuge B. genommen, denn jetzt konnte er jegliche Angabe zur Sache nach § 55 StPO verweigern, was diese ausgesprochen verärgert hat. Warum die StA Verden erst jetzt insoweit ein Verfahren eingeleitet hat, kann von hier nicht nachvollzogen werden. Bekannt waren diese Vorgänge seit Jahr und Tag.
    Das nun ein Verfahren gegen den Mandanten insoweit geführt wurde, haben wir erst in der vergangenen Woche erfahren. Die mir bisher aus Verden vorliegende Akte gibt dazu nichts her. Insofern kenne ich auch die Beteiligten aus dem Sauerlandverfahren überhaupt nicht, ich weiß noch nicht einmal, wie diese heißen. Insofern kann ich auch nix dazu sagen, dass oder ob der Mandant jemanden Falsches identifiziert hat oder nicht. Der Mandant hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er sich überhaupt nicht sicher sei, weil niemand noch so aussieht, wie damals und die Sache nun auch 1 1/2 Jahre zurückliegt. Eine Falschidentifizierung stellt dies nicht dar.
    Ich habe nun gegenüber der StA Verden um Aufklärung und ergänzende Akteneinsicht nachgesucht. Bin gespannt, was mir da präsentiert wird.

  2. Gerd
    schreibt am 19. Juni 2009 10:43 :

    Inszenierung eines „Blödsinn unvorstellbaren Ausmaßes“!

    Folgendes aus einer Diskussion auf TELEPOLIS („Sauerlandislamisten zur Aussage bereit“ Link siehe oben):

    2006/2007
    Vor der Sauerland-Geschichte gab es eine Prüfung seitens der Gewerbeaufsicht bei Herrn B. – alles in bester Ordnung.

    Zu diesem Zeitpunkt unterliegt H202 auch keinen Verkaufsbeschränkungen. Wie andere Chemikalien auch, ab 18 frei zu erwerben. Endverbleibserklärung betrifft nur giftige und sehr giftige Substanzen, auch wenn die ChemVerbotsVO hier gerne falsch verstanden wird. Diese fordert, dass der Käufer bekannt sein/sich ausweisen sein
    muss, Dokumentation der Abgabe usw, aber die ganze Auflagengeschichte wird im nächsten Absatz dann nur auf die erwähnten giftigen T/T+-Substanzen beschränkt. Alle anderen gefährlichen Stoffe ab 18, sofern nicht durch Sprengstoff- oder Betäubungsmittelrecht anderweitig verboten. Trifft aber auf H202 nich zu. Der auf Seiten des Händlers erforderliche Sachkundenachweis war gegeben.

    Dann kamen die Einkäufe der Sauerländer im Laufe von 2007.

    Zum 1. Juli 2008 tritt eine eilig geänderte Chemikalienverbotsverordnung in Kraft. Seitdem muss für H202 in höherer Konzentration als 12% eine Endverbleibserklärung abgegeben
    werden und es darf nicht mit mehr an Endkunen im Versand vertrieben werden sondern nur im Laden. Gleiches gilt seitdem für eine Reihe weiterer Sprengstoff-Grundstoffe. Ein weiterer Punkt ist, dass nun recht unspezifisch der Händler für die Verwendung durch den Kunden mitverantwortlich gemacht werden kann. Wie das juristisch haltbar sein soll, ist mir ein Rätsel, irgendwer ist aber auf diese paranoide Idee gekommen.

    Am 9 Juli 2008 Erfolgen zeitgleich 6…700 Durchsuchungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Im Mittelpunkt zwei Händler. Einer aus München und der Hodenhagener Sauerland-lieferant. Es geht um Sprengstoff und Drogendelikte, in den Medien meist mit dem Zusatz „-lager“ und „-labor“ beschrieben. Faktisch ist es so, dass die allermeisten Käufe nicht in den Julitagen stattfanden sondern weiter zurückliegen, somit auch mit der Krücke derVerkäufer-Mithaftung nicht greifbar sind. Die immer wieder angeführten Drogenzutaten meinen Gamma-Butyrolacton, kurz GBL. Kann man zu liquid Ecstasy (GBH)
    verarbeiten – oder noch bequemer – macht der Körper sogar selbst beim Konsumieren. Jedoch ist GBL auch ein technisch bedeutsames Lösungsmittel. Und nicht zuletzt deshalb weder nach dem Betäubungsmittelrecht verboten noch als Drogenausgangsstoff klassifiziert. Kurzum – völlig legal zu erwerben.

    Zum Jahreswechsel etwa kommt B. wieder aus dem Knast, der Handel wird im Frühjahr wieder aufgenommen.

    Zeitgleich zum Beginn des Sauerland-Verfahrend eröffnet StA Verden (wohl wieder) ein Verfahren gegen ihn und kündigt an, ihm wegen Unzuverlässigkeit ein defakto-Berufsverbot zu erteilen – weil er sich nicht an einem freiwilligen (sic!) Monitoring von GBL beteiligt habe.

    Soweit so schlecht, zum selber Denken unter anderem:

    „Marionetten und Drahtzieher – Sauerland-Gruppe: Am 22. April beginnt der Prozess gegen die angeblichen Planer eines angeblichen 9/11-Anschlages in Deutschland“ von Jürgen Elsässer

    PS: Im Wasserbombenklamauk & Kofferbomben-Theater [medienanalyse-international.de] unserer Geheimem – Polizei hätte man gut auch Kochgasflaschen http://www.medienanalyse-international.de/verhoehn.jpg verbieten können.
    Oder fragen sie Kompetenz bei der Feuerwehr, warum im Falle eines Schadenfalles diese Flaschen üblicherweise nicht explodieren sondern geordnet abbrennen.

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