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Der Wasserstoffperoxid-Händler

18.05.2009, von

Morgen ist Rainer B. als Zeuge geladen. Er soll Fritz Gelowicz das Wasserstoffperoxid verkauft haben – und galt lange als Helfer des BKA, weil er am Austausch einiger Kanister mitgewirkt hat. Doch inzwischen gilt er nach meinen Recherchen selbst als Beschuldigter. Doch der Reihe nach:  

Bundesweit wurden Anfang Juli 2008 Wohnungen von Kunden des Chemiaklienhändlers durchsucht. In den baden-württembergischen Städten Nürtingen und Ulm, im bayerischen Memmingen, In Frankfurt, Mainz, Kassel oder Hannover, überall ging es um die Kunden von Rainer B.. Der frühere Chemiestudent betrieb im niedersächsischen Ort Hodenhagen, zwischen Hannover und Bremen einen Onlineversand für Chemikalien. Zusammen mit seiner Frau unter dem Namen chemikalien-shop.de. Er galt in der Szene als jemand, der es mit Kontrollen nicht zu genau nahm.

 

So wurden dort vor allem Chemikalien bestellt, aus denen sich synthetische Drogen herstellen lassen. Beispielsweise der Stoff Gamma-Butyrolaceton, der im Körper zur Droge Liquid Ecstasy wird. Auf diese Geschichte stiess ich, weil die Polizei eine Wohnung in Mainz durchsuchte – und ich einen freundlichen Tipp aus der Nachbarschaft bekam („da stehen komische Polizeiautos vor dem Haus“).

 

Drogenrazzia in Mainz I

Alles sah zunächst nach einer normalen Drogen-Razzia aus. Doch B. verkaufte auch Wasserstoffperoxid. Und zwar 2007 offenbar an Fritz Gelowicz. Das bestätigte auch das BKA in der vergangenen Woche im Prozess: 

Als Markus Gebert habe sich der Mann bei B. vorgestellt, es sei ein Tarnname von Fritz Gelowicz

 

Bereits im Juni 2007 sprachen die Ermittler B. deshalb an und fragten ihn nach dem dubiosen Käufer. Mehr als ein Jahr vor der bundesweiten Razzia also. Die Ermittler baten B. um Hilfe, kauften ihm drei Kanister Wasserstoffperoxid für die Sauerlandgruppe ab und ersetzten es durch eine unbrauchbare Flüssigkeit. Diese Kanister  holte offenbar Fritz G. mit einem Mietwagen mit gefälschten Kennzeichen vom Firmengelände auf einem ehemaligen Munitionsdepot der Bundeswehr.

 

 

Drogenrazzia in Mainz II

Geholfen hat B. die Zusammenarbeit mit dem BKA allerdings nicht. Nach SWR-Informationen ermittelt die Staatsanwaltschaft Verden an der Aller seit vergangener Woche nicht nur wegen der Drogendelikte gegen ihn – auch die Verkäufe an die Sauerlandgruppe werden dem BKA-Helfer B. inzwischen vorgeworfen. „Hoch erstaunlich“ findet das sein Anwalt. Die Staatsanwaltschaft will sich nicht äußern – die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen.

 

B. betreibt seine Geschäfte übrigens weiterhin: Nach Ende der Untersuchungshaft eröffnete er zusammen mit seiner Frau unter deren Namen einen neuen Onlineshop.

  
Internetshop des Chemikalienhändlers

Internetshop des Chemikalienhändlers

 

 

In einem Internetforum schreibt er dazu:

 

 „Im Laufe der Zeit soll das Angebot an Stoffen, Experimentalbeschreibungen,
 Literaturhinweisen ausgebaut werden. Wir werden weiterhin bestrebt sein, die gewohnte Qualität der Produkte beizubehalten und die Lieferzeiten so kurz wie möglich zu halten.“

 

Nach den Erfahrungen in der Haft wolle er künftig aber vorsichtiger mit dem Versand sein. Morgen muss B. als Zeuge vor dem OLG Düsseldorf erscheinen. Ich rechne jedoch damit, dass er als selbst Beschuldigter die Aussage verweigern wird. So habe ich es auch an der Uni gelernt, als es um § 55 StPO ging: „Ist der Mandant halbwegs vernünftig, beruft er sich auf 55!“

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Kommentare zu „Der Wasserstoffperoxid-Händler“

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. bombjack
    schreibt am 20. Mai 2009 19:43 :

    Ähm…..man sollte doch anmerken, daß Gamma-Butyrolacton weder unter das BtmG noch das GÜG fällt und lediglich dem freiwilligen Monitoring der chem. Industrie unterliegt und dies ist wie der Name sagt freiwillig.
    Ferner bekommt man diese Chemikalie unter anderem Namen und Verwendungszweck immer noch in Geschäften zum Baubedarf und es gibt neben der Verwendung als Lösemittel auch genügend legale Anwendungen in der chemischen Synthese.

    Zudem werde ich da das Gefühl nicht los, das da eine Staatsanwaltschaft koste es was es wolle jemanden veruteilt sehen möchte……und wenn man dafür das Recht ein wenig biegen muß……

    bombjack

    • Holger Schmidt
      schreibt am 20. Mai 2009 22:10 :

      Das stimmt wohl: GBL fällt (noch) nicht unter das BtMG. Allerdings gibt es im Kontext durchaus noch die Strafbarkeit nach Arzneimittelgesetz (AMG). So ist der mutmassliche Mittäter von B., der Bayer G. zu 7 Jahren Haft wegen mehreren hundert Fällen verurteilt worden. Und die Problematik des „dual use“ von GBL liegt auf der Hand…

      Aber wie RA Wesemann schon schrieb: Es wird interessant…

  2. bombjack
    schreibt am 21. Mai 2009 00:27 :

    […]Allerdings gibt es im Kontext durchaus noch die Strafbarkeit nach Arzneimittelgesetz (AMG). […]

    Yep….allerdings müssen wenn ich richtig informiert bin, da einige andere Vorraussetzungen auch zutreffen, z.B. Abgabe in portionierten Größen oder Tropfflasche, Anleitung zum Gebrauch usw. Denn wenn man sich das AMG so mal ansieht und sehr wörtlich nimmt, dann würde auch ein Buch unter das AMG fallen, denn ein Buch stellt einen bearbeiteten Pflanzenbestandteil da (§3 Abs.2 AMG) und ist somit ein „Stoff“ der laut §2 Abs. 1 Nr. 5 AMG seelische Zustände beeinflussen kann ;-).

    Laut meinen Informationen hat der besagte Chemikalienhändler zwar GBL im Angebot, aber eben nicht zu Konsumzwecken sondern als Chemikalie bzw. Lösemittel und daher ist die Abgabe nach meinen Begriffen legal. Zudem wenn der Gesetzgeber der Meinung ist GBL gehöre reguliert und kontrolliert dann soll er die Substanz in das GÜG mit aufnehmen und es nicht Gerichten überlassen ob die zu dem Schluß kommen die Abgabe müsste bestraft werden.

    Desweiteren gegen den Mißbrauch (wenn es überhaupt einer ist) hilft in meinen Augen nur Aufklärung (Safe Use) und wenn überhaupt sollte man sich mal fragen, warum so viele Leute das Bedürfnis haben sich regelmäßig rauschmäßig abzuschießen.

    Und „dual use“ gibt es bei vielen anderen Sachen auch….Klebstoff soll auch berauschen, wenn man den Kids aus den Favelas glaubt…..

    bombjack

  3. Andreas Schmidt
    schreibt am 18. Februar 2015 17:44 :

    Man sollte allerdings nicht übersehen, dass GBL ein wichtiges Lösungsmittel ist,
    das heutzutage aus Umweltschutzgründen aufgrund von Verboten ehemaliger
    Lösungsmittel wie Toluol und Xylol breite Verwendung findet!
    Beispielsweise enthalten viele Haushaltsprodukte wie Graffiti-Entferner
    hochprozentiges GBL, auch wenn der BGH in einer Urteilsbegründung jüngst
    irrtümlich von einem Gehalt von unter 15% ausging.
    Dementsprechend wird es auch für Experimente in Wissenschaft und der Forschung und gerade auch in der Produktion aufgrund gesetzlicher Vorgaben eingesetzt.

    Nicht jeder Käufer will sich damit folglich berauschen oder es für diese Zwecke
    weitergeben! Das sollte man schon berücksichtigen.
    Die aktuelle regelrechte Hysterie um dieses Lösungsmittel beruht wohl eher darauf,
    dass inzwischen dank Internet auch Polizeibehörden von dieser seit 35 Jahren
    in Fachkreisen als theoretisch bekannte Missbrauchsmöglichkeit erfahren haben.

    Das zu legalen Verwendern gesagte gilt noch viel stärker für Wasserstoffperoxid, welches eine noch viel wichtigere Chemikalie ist und in WC-Reinigern, Mittel gegen Schimmel oder in Form spezieller Tabletten in Reinigern für Kontaktlinsen sowie
    als wichtige Laborchemikalie für tausende von legalen Zwecken verwendet wird.
    Käufer von diesem Stoff legen in aller Regel keine Bombe.

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