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Trudeau – Mobbingopfer im Namen der Moral

19.09.2019, von

Martin Rupps

Martin Rupps meint … (Foto: SWR)

Justin Trudeau prasseln im Wahlkampf Rassismus-Vorwürfe ein. Anlass ist ein fast 20 Jahre altes Foto, das Trudeau als Mohr mit Turban auf einer Kostümparty zeigt. Trudeau beteuerte nach Bekanntwerden des Bildes, sein Auftritt in orientalischer Verkleidung tue ihm zutiefst leid. „Ich bin stocksauer auf mich“, so der Premier wörtlich.
 
Mit seiner späten, plötzlichen Zerknirschung zieht sich Justin Trudeau vielleicht aus der Schlinge, die politische Gegner um seinen Hals geworfen haben. Gleichwohl bleibt der Premier ein Mobbingopfer im Namen der Moral. Selbsterklärte Moralisten, die in Wahrheit egoistische Interessen verfolgen, legen die Elle politischer Korrektheit an seine Biographie.
 
Natürlich, wer ein politisches Amt bekleidet, muss seine Eignung in Charakter und Lebensführung erweisen. In Deutschland etwa bleiben diesen Beweis AfD-Politiker mit rechtsextremer Vergangenheit schuldig. Justin Trudeau allerdings hat sich vor fast 20 Jahren nur für eine Kostümparty verkleidet. Sein Kostüm galt damals – noch – nicht als politisch anstößig. Schwere Sünden vergehen im Licht von Jahrzehnten nie. Lässliche schon, finde ich.
 
Demnächst werden Politiker vielleicht gefragt, ob sie in ihrer Kindheit „Mohrenköpfe“ gegessen oder „Zehn kleine Negerlein“ gesungen haben. Für mich kommt es nur darauf an, dass sie es als Erwachsene nicht mehr tun.

Martin Rupps
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