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Wie meine Mutter den 13. September 1944 überlebte

13.09.2019, von

Martin Rupps

Martin Rupps meint … (Foto: SWR)

Vor 75 Jahren, in der Nacht zum 13. September 1944, erlebte die Stadt Stuttgart die schwersten Fliegerangriffe ihrer Geschichte. Der Feuersturm wütete auf einer Fläche von vier Quadratkilometern durch das Bahnhofsviertel und den Stuttgarter Westen. Mehr als 39.000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.
 
In dieser Nacht musste meine Großmutter entscheiden, ob sie mit ihren drei Töchtern, darunter meine Mutter, in den eigenen Keller flüchten sollte oder in den im Haus gegenüber. In den eigenen Keller auf der Ecke Nordbahnhof-/Friedhofstraße führten nur wenige Treppenstufen, der gegenüberliegende Keller dagegen war tief und geräumig. Die Bewohner dort hatten meine Großmutter mehrfach aufgefordert, bei Bombenalarm herüberzukommen.
 
Meine Großmutter wählte den eigenen Keller. Während des Angriffs sagte sie zu den Kindern: „Wenn wir jetzt sterben, sterben wir zusammen.“ Das Haus wurde vom Feuersturm erfasst, aber von keiner Bombe getroffen. Meine Großmutter und die Kinder kamen rechtzeitig heraus und mussten mit ansehen, wie ihr Zuhause in Flammen aufging.
 
Das gegenüberliegende Haus wurde direkt von einer Bombe getroffen. Die 32 Menschen im angeblich so sicheren Keller waren sofort tot. 32 von 900 bei diesem Angriff.
 
Ein Ereignis von vor 75 Jahren liegt scheinbar lange zurück. Seine Folgen reichen bis in die Gegenwart. Es entschied unter anderem darüber, ob es mich heute gibt oder nicht.
 

Martin Rupps
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